Der Hund passt auf die Wurst auf

Der technologische Fortschritt wird die Politik nicht davor befreien können, sich Konzepte und Maßnahmen gegen die dringenden Probleme unseres Zeitalters zu überlegen. Ein Gastkommentar von Kurt Bayer.

Kurt Bayer
11.08.2021

Die einen sprechen von einem „zurück in die Steinzeit“ wenn notwendige Verhaltensänderungen als Teil der Klimastrategie angesprochen werden. Offenbar hoffen sie – oder erwarten es – dass das Gute Leben, das viele von ihnen vor der Corona-Pandemie geführt haben, zumindest ebenso oder noch besser für sie weitergehen wird – und andere die Klimakrise bekämpfen werden, bzw. deren Kosten tragen werden. Die Herrschenden haben es schon immer verstanden, sich die Ihren freizukaufen oder anderen die Lasten von Änderungen in den Produktionsbedingungen, in der Geopolitik, in den gesellschaftlichen Strukturen aufzubürden. Deren Apologeten in der Politik versprechen es ihnen ebenso: für Euch wird sich nichts ändern – jedenfalls nicht zum Schlechteren. Der technische Fortschritt, die vielgepriesene Innovation, wird es richten. Niemand, zumindest von Euch, muss schmerzhafte Veränderungen ertragen, im Gegenteil, wir werden Eure Steuern senken und Euer Leben weiter verbessern.

Dass die Politik ihren Spendern und ihren (vermeintlichen und tatsächlichen) WählerInnen nur Gutes tun und alles Böse abwehren wird, ist nichts neues. Dennoch sollten diejenigen, die vor allen anderen die Kosten der täglich um uns sichtbarer werdenden Veränderungen im Sozialen und in der Umwelt tragen sollen, sich dagegen wehren und zumindest auf eine „faire“ Verteilung der Lasten drängen. Dazu gehört aber als Voraussetzung, dass die Politik die Wahrnehmungen der Wissenschaft aufnimmt und wahrhaftig über Wege, Kosten, Nutzen, Verteilungen, Chancen und Aussichten informiert.

Wir lesen, dass Unternehmen immer „grüner“ werden, dass sie ihre Verantwortung wahrnehmen, auch deshalb, weil ihre „Investoren“ und auch ihre Kunden das von ihnen verlangen. Dies sieht dann zum Beispiel so aus, dass Erdölkonzerne sich von ihren fossilen Vermögenswerten durch Verkauf trennen, und vielleicht sogar zunehmend in grüne Energie investieren. Dass ihre fossilen Assets von den Aufkäufern weiter betrieben werden, also der Netto-Klimaeffekt dieser Disinvestition null ist, geht dabei unter. Unser Konzern ist ja jetzt „nachhaltig“. Dass die Politik da eingreifen und für die Stilllegung der Vermögenswerte zugunsten der Umwelt, des Klimas sorgen müsste ist klar, passiert aber nicht. Das ist also „Greenwashing“ im eigentlichen Sinn: aus den Augen, aus dem Sinn; was dort passiert, geht mich nichts an!

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  921 Wörter       5 Minuten

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