„In Wirklichkeit sind die Alten dran“

Der Veranstalter des Nova Rock Encore, Ewald Tatar, tut alles, damit das Festival stattfinden kann. Ein Gespräch über große Events in Zeiten der Seuche

Stefanie Panzenböck
FALTER:WOCHE, FALTER 35/21 vom 31.08.2021

Foto: Heribert Corn

In einem normalen Jahr wäre schon längst alles vorbei. Das Nova Rock hätte im Juni stattgefunden und damit den Festivalsommer eröffnet. Doch auch heuer ist nichts wie sonst. Zuerst wurde das Nova Rock in Nickelsdorf im Burgenland abgesagt und dann auch noch das Frequency in St. Pölten. Veranstalter dieser zwei größten Festivals Österreichs ist die Barracuda Music und damit deren Chef Ewald Tatar. Seit Jahrzehnten im Geschäft, macht er nun unermüdlich Vorschläge, wie Großveranstaltungen in einer Pandemie stattfinden können. Zum Beispiel so: Aus einem dreitägigen Gelage mit 200.000 Besuchern auf den Pannonia Fields wird ein eintägiges Fest im Stadion mit 25.000 Menschen. Nova Rock Encore nennt Tatar die abgespeckte Variante, die am 11. September in Wiener Neustadt über die Bühne gehen soll.

Der Falter besuchte Tatar in Eisenstadt und sprach mit ihm über Festivals in Zeiten der Seuche, seine Wut auf die Regierung und darüber, wie Barracuda Music die Pleite der Commerzialbank Mattersburg verkraftet hat.


Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Ausnahmsweise lesen Sie diesen Artikel kostenlos. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement oder testen Sie uns vier Wochen lang kostenfrei.

Falter: Herr Tatar, wann waren Sie das letzte Mal auf einem Konzert, das nach Ihrem Geschmack war?

Ewald Tatar: Ich war erst unlängst in Bil­dein auf dem „Pin ka Festival“ im Südburgendland, das anstelle des jährlichen Picture-On-Festivals stattgefunden hat. Es war ein herrlicher Abend. Ich habe tolle Bands gesehen und bis in die Früh durchgehalten. 

Was braucht es für ein gutes Konzert?

Tatar: Es muss mich bei irgendeiner Emotion packen. Ob bei einer traurigen, einer lustigen, einer vibrierenden, ist egal. Wenn es das schafft, ist es ein gutes Konzert, und wenn es das massiv schafft, ist es ein sehr gutes Konzert.

Wie wollen Sie mitten in der Pandemie das Nova Rock Encore zu so einer Veranstaltung machen? 

Tatar: Wir haben ein lückenloses Präventionskonzept ausgearbeitet. Damit wollen wir verhindern, dass es doch noch zu einer Absage kommt. Zusätzlich wollen wir Daten und Fakten sammeln und diese gern auch weitergeben, damit wir in Zukunft wissen, wie wir in den nächsten Monaten trotz allem Konzerte veranstalten können. Dafür war es sehr wichtig, qualifizierte Leute an Bord zu holen: den Simulationsforscher Niki Popper, den Public-Health-Experten Hans-Peter Hutter und den Arzt Herbert Weltler, der ein Berater des Impfkoordinators im Burgenland ist. Wir werden lernen müssen, mit der Pandemie zu leben, und wir wollen herausfinden, wie das gehen kann.

Das heißt, die Experten haben Sie ob Ihres Vorhabens, eine große Veranstaltung abzuhalten, nicht für verrückt erklärt?

Tatar: Nein, sie waren begeistert. Sie kennen alle Parameter des Festivals, und wir haben gemeinsam das Konzept ausgearbeitet: Mit 2G statt 3G, PCR-Test statt Antigentest und einem PCR-Test, der nur 48 und nicht 72 Stunden gültig ist. Wenn wir in Zukunft veranstalten wollen, ist unser Konzept eine Möglichkeit, dass sich die Besucher sicher fühlen können. Und wenn die Sicherheit gewährleistet ist, kommt auch während des Festivals wieder mehr Lockerheit auf.

ANZEIGE

Draußen wird kontrolliert, und drinnen kann man loslassen und feiern?

Tatar: Ja.  

Ursprünglich war das Nova Rock im Juni geplant. Das haben Sie selbst noch abgesagt.  

Tatar: Das stimmt nicht ganz. Ende 2020 habe ich bei der Regierung meinen Wunsch deponiert, dass wir spätestens im Februar oder Anfang März eine Ansage brauchen, unter welchen Voraussetzungen wir das Festival spielen können. Natürlich war die Infektionssituation damals alles andere als rosig. Letztendlich haben wir aber die Entscheidung getroffen, das Festival abzusagen, weil wir von der Politik nichts in die Hände bekamen, woran oder womit wir hätten arbeiten können.

Wie kam es zur Absage des Frequency-Festivals im August?

Tatar: Zuerst gab es die große Ankündigung, dass ab Juli alles möglich sein wird. Dann kam auch noch die grandiose Aussage von Gesundheitsminister Mückstein: „Jetzt sind die Jungen an der Reihe.“ Für mich war das ein Zeichen für Aufbruchstimmung.

Die Stadt St. Pölten hat bestätigt, dass Ihr Präventionskonzept ausgezeichnet war, aber trotzdem gegen Sie entschieden.

Tatar: Ich vermute, sie hatten Angst. Als Veranstalter muss man das akzeptieren. Dennoch war es für mich ein Anstoß, erst recht zu beweisen, dass wir ein Festival an zumindest einem Tag stattfinden lassen können. Danach werden wir alle miteinander gescheiter sein. Aber ich habe keine große Angst, dass wir dieses vielzitierte Superspreader-Event werden. 

Angenommen, es geht schief, und hunderte Infizierte kommen vom Festival nach Hause zurück – wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um? 

Tatar: Die ist groß, das stimmt. Aber ich gehe davon aus, dass das nicht passieren wird. Dass es gar keine Infektionen geben wird, darf man allerdings auch nicht glauben. Ob es dazu während des Festivals gekommen ist, werden wir nicht feststellen können. 

Im Juli sind hunderte Infizierte von dem Festival „Austria goes Zrće“ von der kroatischen Insel Pag nach Österreich zurückgekehrt. Warum sind Sie sich so sicher, dass Ihr Konzept das verhindern wird? 

Tatar: Ich habe keinen Einblick, wie die Dinge dort abgelaufen sind, und ich lasse mich mit diesem Event auch nicht vergleichen. Ich will beweisen, dass wir es in Österreich anders machen können. Meine Partner­festivals wie Shutdown in Zwentendorf, das Szene OpenAir in Lustenau, das Pin ka Festival oder Turbobier in Wien haben eindrucksvoll bewiesen: Es gab nur ganz wenige nachgewiesene Infektionen. 

Haben Popper und Hutter festgelegt, ab welcher Inzidenz das Festival abgesagt werden muss? 

Tatar: Nein. Diese Inzidenzdiskussion kann ich auch nicht mehr nachvollziehen. Solche Entscheidungen sollten, wie in Deutschland, anhand der Hospitalisierung getroffen werden. Es geht darum, dass die Spitäler nicht überlastet sind. Darauf sollte man sich einigen. 

Die Zahlen steigen weiter. St. Pölten hat das Frequency bei einer recht niedrigen Inzidenz abgesagt. Wiener Neustadt will das Nova Rock Encore durchziehen. Hängt es nur von den lokalen Behörden ab?

Tatar: Natürlich. Der Wiener Neustädter Bürgermeister steht zu hundert Prozent hinter uns und dem Festival, und er will auch Wort halten. Klar ist, wir leben nach wie vor in der Pandemie, und wir wollen feststellen, wie man trotzdem ein Festival abhalten kann. Diese Zahlen und Fakten, dir wir liefern werden, werden für viele Menschen sehr wichtig sein. Darum gehe ich davon aus, dass man dieses Event jetzt nicht abdrehen wird. Wir werden spielen. Es wäre absurd, diese Chance jetzt zu vergeben. 

Sie haben die Politik in den letzten Monaten immer wieder kritisiert. Wer ist eigentlich Ihr Ansprechpartner in der Regierung? 

Tatar: Das ist eine gute Frage! Wir versuchen, an mehreren Stellen anzudocken, und das schon sehr lange. Als Veranstalter hat man immer mit mehreren Ansprechpartnern zu tun: mit dem Tourismus-, Gesundheits- oder auch Kulturministerium. Ich war schon bei vielen vorstellig. 

Wie war die Gesprächssituation?

Tatar: Die Gesprächssituation – wenn es eine gegeben hat – war manchmal schon sehr fragwürdig. Es gab aber auch sehr gute Gespräche.

Fehlt es an Verständnis für Ihre Branche?

Tatar: Diese Pandemie ist komplex, und ich verstehe, dass man viele Dinge nicht wissen kann. Aber ich verstehe nicht, dass man sie nicht verstehen möchte. Das Interesse ist enden wollend. Ich habe vorgeschlagen, dass wir gemeinsam mit der Politik etwas organisieren, um die Durch­impfungsrate bei Jugendlichen zu erhöhen. Wir wissen ­aufgrund von Umfragen, dass sich viele impfen lassen würden, um auf Konzerte oder Festivals zu gehen. Aber diese Vorschläge verpuffen. Ich glaube, mittlerweile weiß man, wer ich bin, wo man mich erreicht und welche Informationen ich zur Verfügung stellen kann. Aber es kommt nichts.

Ist es ein Match Hochkultur gegen Popkultur?

Tatar: Nein, weil wir untereinander kein Konkurrenzdenken haben. Ich bin froh, dass die Salzburger Festspiele stattfinden oder die Festspiele in Mörbisch oder was auch immer. Auf die Nerven gehen mir Sager wie „Jetzt sind die Jungen dran“. Aber in Wirklichkeit sind die Alten dran. Das regt mich auf. Das werfe ich aber nicht der Hochkultur vor, sondern der Politik.

Wie läuft der Kartenverkauf für das Nova Rock Encore?

Tatar: Am Anfang lief er sehr gut. Dann haben wir eindeutig die Delta-Variante-Meldungen gespürt, und seit zwei, drei Wochen zieht es wieder massiv an. Wichtig ist, dass die Menschen sehen, dass das Gelände hergerichtet wird, die Zäune abgeladen werden und die Bühnen im Aufbau sind. Man muss den Leuten etwas Handfestes zeigen, ihnen Sicherheit geben, dass das Festival stattfinden wird. Dann kaufen sie sich eher eine Karte.  

Das Jahr 2020 war nicht nur das erste Jahr der Corona-Pandemie, sondern auch das Jahr der Insolvenz der Commerzialbank Mattersburg. Barracuda Music hatte dort Einlagen von 34 Millionen Euro. Wie ist das Desaster für Sie ausgegangen?

Tatar: Von einem Ende kann man noch nicht sprechen. Glücklicherweise ist die für uns wichtigste Entscheidung binnen der ersten Wochen gefallen, nämlich dass unser Miteigentümer CTS Eventim die Weiterführung des Unternehmens gewährleisten wird. Die Finanzierung für die nächsten Jahre steht. Insofern können wir – so blöd das in diesem Zusammenhang klingt – beruhigt weiterarbeiten. Wir haben aber auch die Republik geklagt, weil wir schon der Meinung sind, dass hier sehr viel schiefgelaufen ist. Wozu zahlt man Steuern und hat eine Finanzmarktaufsicht, wenn die das nicht verhindert? Die ersten Whistle­blower-Briefe gab es im Jahr 2015, und es ist nichts passiert. Dann kam einer im Februar 2020. Wieso hat man nichts unternommen? Für uns hätte das einen großen Unterschied gemacht. 

Warum?

Tatar: Am Beginn der Pandemie wurde ja viel Geld zuerst nicht ausgegeben, weil alles abgesagt wurde. Das Geld haben wir bei der Bank eingelegt. Im Februar wäre das noch viel weniger gewesen. Das heißt, im Februar hätten wir eine viel bessere, wenn man es so nennen darf, Situation gehabt, als dann im Juli, als der Skandal an die Öffentlichkeit kam. 

Warum war am Beginn der Pandemie so viel Geld da?

Tatar: Wir haben keine Gagen mehr bezahlt und keine Produktionskosten gehabt, da es ja keine Konzerte mehr gab, dafür lagen aber die Ticketeinnahmen von allen Konzerten auf den Konten.

Bekommen Sie von den 34 Millionen Euro etwas zurück? 

Tatar: Derzeit sind sie einmal weg. Jetzt muss man abwarten, was die Klage gegen die Republik bringen wird. Ich gehe davon aus dass wir in den nächsten zwei, drei Jahren ein Ergebnis haben werden.

Der international agierende Veranstaltungskonzern CTS Eventim hat Ende 2019 71 Prozent von Ihrer Firma Barracuda Music übernommen. Das wurde in der Branche auch kritisiert. Wäre CTS Eventim nicht zur Stelle gewesen, hätte das das Ende von Barracuda bedeutet?

Tatar: Ja, ganz klar. Durch die Pandemie wäre die Situation noch einmal verschärft worden. Da würde ich wahrscheinlich jetzt in irgendeinem Holzboot fischen fahren. 

Wäre das schlecht? 

Tatar: Ja, weil ich noch nicht so weit bin.

Aber ist das ein Lebenstraum?

Tatar: Irgendwann einmal vielleicht. Ich fische gern, aber im Moment habe ich noch sehr viel Kraft und Energie. Und die setze ich ein, damit wir 2022 hoffentlich an die alten Zeiten anschließen können. Alle Veranstalter in Österreich und alle Konzert- und Festivalbesucher. 

Hatten Sie Angst während der Pandemie? Um Ihre Existenz oder Ihre Gesundheit?

Tatar: Wirtschaftlich gesehen, nein. Ich glaube nach wie vor, dass die Normalität irgendwann wieder kommen wird. Außerdem hatte ich immer sehr viel Arbeit. Ich war zwar nicht mehr der Ewald, der Line-ups gebucht hat, kreativ war und sich ein Wochenende lang überlegt hat, welche Bands gut auf ein Festival passen. Sondern ich habe ­trockene buchhalterische Arbeit gemacht. Die hat mir aber eine Perspektive gegeben und mich auch vorangetrieben. Gesundheitlich hatte ich sehr wohl Angst. Zwei Bekannte in meinem Alter haben sich mit dem Virus infiziert und sind gestorben. Das geschah, bevor es eine Impfung gab. Das hat mich eine Zeitlang sehr belastet. Ich habe mich dann zusammengerissen und beschlossen, mich davon nicht runterziehen zu lassen. Klar war aber: Sobald ich in irgendeiner Weise zu einer Nadel komme, gibt es keine Diskussion.

Haben Sie Verständnis für Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen?

Tatar: Wenn sie könnten, aber nicht wollen: nein.F


Ewald Tatar
(55), geboren in Forchtenstein im Burgenland, ist Chef der Barracuda Music GmbH und damit Österreichs größter Konzert- und Festivalveranstalter. Tatar begann seine Karriere in Wiesen und machte sich dann selbstständig. Seit 2005 veranstaltet er das Nova Rock in Nickelsdorf im Burgenland. Im Dezember 2019 übernahm der Konzern CTS Eventim, zu dem auch Ö-Ticket gehört, 71 Prozent von Barracuda Music


Nova Rock Encore
Stadion Wiener Neustadt
11.9., ab 11 Uhr
novarock.at

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann abonnieren Sie jetzt und bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Alle Artikel der aktuellen Ausgabe finden Sie in unserem Archiv.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!