Wie Klima-Aktivistinnen und Aktivisten in Wien für ihre Anliegen kämpfen

Bagger, Banner und Besetzer: Das Tagebuch einer Woche voller Proteste

Emil Biller
FALTER.MORGEN, 27.09.2021

Im Rahmen des 8. weltweiten Klimastreiks blockierten tausende Demonstranten am Freitag den Ring – (fast) der Schlusspunkt einer Woche von Protesten. Foto: FALTER/Biller

Hirschstetten, das Vorzimmer von Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ), die Ringstraße und die Urania – all das waren Schauplätze von Aktionen und Demonstrationen von Klima-Aktivsten. Wir haben Tagebuch über die Proteste geführt.

  • Montag: Tell the truth!

„Sagt endlich die Wahrheit“. Das fordern die Aktivistinnen von Extinction Rebellion am Montag bei einer kurzen Besetzung der SPÖ-Zentrale in der Löwelstraße. Extinction Rebellion (deutsch: Rebellion gegen das Aussterben) will mit friedlichem zivilen Ungehorsam die Politik und die Bevölkerung aufrütteln. Konkret richtet sich die Kritik am Montag gegen die SPÖ Wien und deren Desinformationspolitik zum Bauprojekt Stadtstraße: „Die SPÖ lügt die Bevölkerung an“, sagt ein Aktivist dem FALTER.morgen. Nach 30 Minuten holt die Polizei alle Besetzer wieder aus dem Gebäude heraus und die Aktivistis (so bezeichnen sie sich selbst) stimmen ein Protestlied an.

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  • Dienstag: Bagger hin oder her?

Vor Ort in Hirschstetten (Donaustadt) demonstrieren Anrainerinnen und Aktivisten nun schon seit mehr als drei Wochen gemeinsam gegen den Bau der Stadtstraße (FALTER.morgen berichtete ausführlich). Am Dienstag wird es dann kurz brenzlig im Protestcamp und auf den besetzten Baustellen. Eine Baggerfirma will einen der Bagger von der stillstehenden Baustelle an der Hausfeldstraße abziehen, schnurstracks besetzen Aktivisten das gelbe Ungetüm.

Zahlreiche Polizeiwagen fahren auf, die Firma droht mit zivilrechtlichen Klagen und einer Räumung der besetzten Baustelle. „Wir haben dann intern diskutiert, wie wir damit umgehen sollen“, erzählt eine der führenden Besetzerinnen dem FALTER.morgen. Obwohl es anfangs so aussieht, als würden sie den Bagger nicht mehr hergeben, ist es den Umweltschützern dann doch zu heikel. Schlussendlich lassen sie das Fahrzeug von dannen ziehen.

Verkehrsstadträtin Ulli Sima (SPÖ) hat das vielleicht verfolgt, denn am Mittwoch kündigt sie bei einer Fragestunde im Landtag an, die besetzten Baustellen nicht räumen lassen zu wollen. Das würde zu einer weiteren Polarisierung beitragen.

  • Mittwoch: Lasst das Auto stehen!

Am Mittwoch ist weltweiter autofreier Tag. An uns in der Redaktion ist das peinlicherweise spurlos vorüber gegangen, wahrscheinlich weil man in der Inneren Stadt rein gar nichts davon gemerkt hat. Am Franz-Josefs-Kai staut es sich wie gewohnt, beim Straßenqueren in der Salztorgasse muss man schauen, dass man es auf die andere Seite schafft, ohne angehupt zu werden.

In der Wallensteinstraße im 20. Bezirk hingegen machen sich die Aktivisten von Platz für Wien gemeinsam mit der Bürgerinitative Die 20er*innen bemerkbar. In den Abendstunden blockieren sie die vielbefahrene Straße über die volle Breite von 23 Meter mit einem Banner. Sie fordern eine Verkehrsberuhigung und eine nachhaltige Umgestaltung des öffentlichen Raums zugunsten von Fußgängerinnen und Radfahrern in der Brigittenau.

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  • Donnerstag: #Lobaubleibt im Rathaus

Am Donnerstagvormittag rücken Klimaaktivistinnen von Greenpeace Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) auf die Pelle. Ungefähr zeitgleich mit dem Beginn der Landtagssitzung besetzen circa 16 Personen das Vorzimmer des Bürgermeisterbüros. Einige bringen auf dem Gerüst am Südturm des Rathauses ein zehn Meter großes Transparent mit der Aufschrift LOBAU BLEIBT an. „Wir wollen dem Bürgermeister eine ganz klare Botschaft hinterlassen“, sagt Clara Maria Schenk, Klima- und Verkehrssprecherin von Greenpeace Österreich, gegenüber dem FALTER.morgen. Und: „Wir werden solange bleiben, bis wir gehört werden.“ Seitens der Polizei heißt es, die Besetzung sei sehr friedlich verlaufen und habe zu keiner Zeit polizeiliches Einschreiten notwendig gemacht.

  • Freitag: #UprootTheSystem 

Unter dem Hashtag #UprootTheSystem (deutsch: das System entwurzeln) rufen die Fridays for Future zum 8. weltweiten Klimastreik auf. In Wien gehen laut den Veranstaltern knapp 20.000 Menschen für das Klima auf die Straße, die Polizei zählte 5.500.

Der Demozug gestaltet sich bunt, neben den Blöcken unterschiedlicher Klima- und Umweltschutzorganisationen wie Fridays for Future, Global 2000 oder Greenpeace gibt es auch außergewöhnliche Gruppierungen. Neben den Farmers for Future, die von einem Traktor begleitet werden, demonstrieren zum Beispiel auch die Artists for Future und die Scientists for Future. Zahlreiche Schülergruppen waren vertreten. Auch eine Abordnung der radikalen mexikanischen Widerstandsgruppe “Zapatistas”, die aktuell auf Welttour sind, nimmt am Protest teil.

In einem eigenen #Lobaubleibt-Block finden sich alle jene Demonstrantinnen ein, die mit allen Mitteln den von der Stadt Wien forcierten Bau der Lobauautobahn und der Stadtstraße verhindern wollen. Der Protestzug marschiert vom Praterstern über die Praterstraße und den Ring zum Heldenplatz.

  • Samstag: Urania-Ungehorsam 

Auch die für zivilen Ungehorsam bekannte Organisation Extinction Rebellion beteiligt sich am Klimastreik. Der Stau und die Aufmerksamkeit am Freitag genügt ihren Aktivistinnen aber nicht, weshalb sie am Samstag eine große Blockade der Straßenkreuzung vor der Urania einrichten. Zwölf Stunden lang verhindern die Klimaschützer damit den Fließverkehr, die Polizei räumt die Blockade nicht. Auch das sogenannte Cabriobeet (wir berichteten) stattete der Blockade einen Besuch ab.

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