Alois und Waldemar

Die Wiener Sängerin Ethel Merhaut entdeckt Lieder der Zwischenkriegszeit neu

STEFANIE PANZENBÖCK
FALTER:WOCHE, FALTER 39/21 vom 29.09.2021

Foto: Julian Mullan

Am Anfang steht "Waldemar". Das Lied ist einer der vielen Ohrwürmer der von den Nationalsozialisten hofierten Künstlerin Zarah Leander. Ethel Merhaut, Wiener Sängerin mit jüdischen Wurzeln, eröffnet ihr erstes Soloalbum "Süß & Bitter", das im Frühjahr erschienen ist, mit diesem Chanson.

Es ist nicht Leander, die Merhaut interessiert, sondern der Textdichter, Bruno Balz. Er war homosexuell, wurde im nationalsozialistischen Regime verfolgt, inhaftiert und misshandelt. Als er im Jahr 1941 erneut festgenommen wurde, schrieb er in den Tagen im Gefängnis - oder kurz danach - zwei seiner berühmtesten Lieder. "Davon geht die Welt nicht unter" und "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen". Von Leander gesungen, verkamen sie im Dritten Reich zu Durchhalteparolen. "Wenn man Balz' Geschichte jedoch kennt, ändert es die Bedeutung der Lieder", sagt Merhaut.

Balz überlebte nur, weil der Komponist Michael Jary sich für ihn einsetzte. Er überzeugte Propagandaminister Joseph Goebbels, dass er den vom Regime in Auftrag gegebenen Film "Die große Liebe" ohne seinen Partner nicht fertigstellen könne.

In "Waldemar" stellt Balz übrigens mitten im Krieg das Ideal des blonden, starken "Ariers" infrage und formuliert: "Er heißt Waldemar und hat schwarzes Haar /Er ist weder stolz noch kühn, aber ich liebe ihn."

Balz' Beiträge sind die einzigen Lieder auf "Süß &Bitter", die während des Zweiten Weltkriegs geschrieben wurden. Die anderen 13 stammen aus den späten 1920ern und frühen 1930ern. Aus dieser Zeit schöpft Merhaut am liebsten. Historisch und künstlerisch.

Ethel Merhaut, mittlerweile eine international gefragte Künstlerin, studierte klassischen Sologesang an der Universität für Musik und darstellende Kunst und rümpfte damals noch die Nase über diese Form der Unterhaltungsmusik. Doch dann entdeckte sie, welche künstlerischen Freiheiten ihr diese Lieder boten. "Hier kann ich viele Facetten meiner Stimme zum Ausdruck bringen", sagt die 33-Jährige. An vielen Stellen kommt ihr Sopran voll zum Einsatz, dann wieder nimmt sie sich zurück, verfällt manchmal beinahe ins Sprechen.

Das Album vereint eine Vielzahl von Komponisten. Den Liedern gemeinsam ist ihr Reichtum an hintergründigem Witz.

Die Musik der Zwischenkriegszeit verströme etwas "Frivoles, Lustiges und Leichtes", sagt Merhaut. Gleichzeitig entdecke man unter jedem Lied viele Schichten - tragische Biografien, vor allem von jüdischen Autoren, aber auch neue Frauenbilder. Etwa in "Alois". Der Wiener Komponist Hermann Leopoldi schrieb den Tango im Jahr 1935. Eine Frau besingt darin einen Tänzer namens Alois, den sie unheimlich begehrt, unter anderem wegen seiner Tätowierungen und seines despotischen Wesens.

Was wenig emanzipatorisch klingt, war dennoch etwas Ungewöhnliches. Eine Frau äußerte ihre sexuellen Wünsche - auch wenn der Text von einem Mann geschrieben wurde. In künstlerischen und urbanen Kreisen änderten sich damals die Geschlechterrollen: Nicht mehr brav und genügsam war die ideale Frau, sondern unabhängig und auch sexuell selbstbestimmt. Das zeigte sich etwa in Liedern wie "Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben" oder "Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre"."Aber", wirft Merhaut ein, "die Kunst war der Realität oft voraus."

Drei Jahre nach "Alois" wurde Leopoldi 1938 in das Konzentrationslager Dachau und danach Buchenwald deportiert. Dort verfasste er mit dem Dichter Fritz Löhner-Beda das "Buchenwaldlied". Leopoldi konnte von seiner Familie gerettet werden und emigrieren, Löhner-Beda wurde 1942 in Auschwitz ermordet. Auch von ihm hat Merhaut ein Lied aufgenommen: "Benjamin, ich hab nichts anzuziehen", einen witzigen Schlager über eine Frau, die darauf besteht, neue Kleider zu bekommen, sonst würde sie ihren Mann verlassen.

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"Alois" verpasste Merhaut einen zeitgenössischen Touch. Sie drehte ein Video und gab die Rollen des tanzenden Paares einer alten Frau und einem jungen Mann. Denn warum sollten nur junge Frauen begehren? "Und diese Frau hat definitiv noch Lust!", sagt Merhaut lachend.

Um weibliche Sexualität geht es auch im einzigen Lied des Albums, das ganz neu ist. Merhauts langjähriger Begleiter, der Pianist Belush Korenyi, schrieb es für die Sängerin. Es heißt "Zeitvertreib" und fügt sich nahtlos in ihr Repertoire jahrzehntealter Chansons.

Porgy & Bess, 7.10., 20.30

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