Sonnengruß auf schwarzem Erdöl

Für seine Skulpturen verwendete David Meran schon Yogamatten, für Fotos klaute er Häusern ihre Fenster

NICOLE SCHEYERER
FALTER:WOCHE, FALTER 39/21 vom 29.09.2021

Foto: Katharina Gossow

Pink leuchtet die Neonschrift auf einem tristen Gebäude in der Wiener Hegelgasse. "Don' t call it offspace", mahnt der Satz, der über dem Eingang des Kunstvereins das weisse haus angebracht ist. Die Non-Profit-Galerie beim Schwarzenbergplatz will nicht als Offspace gehandelt werden, schließlich existiert sie an wechselnden Orten bereits seit 15 Jahren und vergibt auch Atelierplätze.

Parallel zur heutigen Vernissage können auch die Studios besucht werden. Über das Stiegenhaus geht es hinauf zu den acht Räumen. Ein schwedischer Gastkünstler sagt Hallo und erzählt vom Plan, während seiner zweiwöchigen Residency in Wien den Spuren des Bauhauses sowie seiner Großmutter nachzugehen.

Im letzten Zimmer am Gang empfängt David Meran den Falter. Als einziger Künstler arbeitet er bereits seit dem Einzug von das weisse haus 2017 in der Hegelgasse. Ein gefördertes Atelier in Innenstadtlage, so ein Glück muss man erst einmal haben! Rasend viel Platz bietet der mit einer Kollegin geteilte Raum zwar nicht, aber dafür hohe Fenster.

Als Erstes fällt ein Handtuch an der Wand ins Auge. "Aufgeben ist eine Option", lautet der Spruch auf dem rosahellblauen Frotteestoff. Für eine Ausstellung zum Thema Fitness hat Meran die Durchhalteparole gegen den Strich gebürstet. Der allgegenwärtige Appell zur (Selbst-)Optimierung regt den 1991 geborenen Oberösterreicher auf.

Wie zwanghaft disziplinierend eine Kultur wirken kann, hat der Künstler bei einem Auslandsstudienjahr in Japan erlebt. Von der Akademie der bildenden Künste, wo er sich im künstlerischen Lehrfach auf Textil spezialisiert hatte, ging Meran 2016 an die elitäre Gedai University in Tokio. "Je länger ich in Japan war, desto stärker habe ich gesehen, wie konservativ diese Gesellschaft ist, wie viel Sexismus und Rassismus dort herrschen."

So gebe es für jede Handlung einen sozialen Rahmen, selbst für den Exzess. Der Künstler erzählt von Studentenpartys, die stets nur bis Mitternacht dauern durften. Um Viertel vor zwölf zuckten seine Mitstudenten aus und tanzten nackig vor ihren kichernden Kolleginnen. Im Anschluss wurde brav aufgeräumt und der Müll getrennt.

In seiner Schau "Stehvermögen" in der Salzburger Galerie Haas &Gschwantner war Meran vergangenes Jahr selbst halbnackt zu sehen. Für das dort präsentierte Performancevideo machte er auf einer mit Erdöl begossenen Kupferplatte Yogaübungen. Mit der Zeit bedeckte die schwarz glänzende Flüssigkeit seinen Körper.

"Das war ganz schön grauslich", erzählt der 30-Jährige, den es bei der Erinnerung noch leicht vor Ekel schüttelt. Die öligen Asanas sollten darauf hinweisen, dass PVC-Matten zumeist aus dem fossilen Rohstoff produziert werden. Die Achtsamkeitsübungen finden also auf einer Umweltsünde statt.

"Humor und Ironie sind mir schon sehr wichtig", sagt Meran, dessen Kunst nie mit erhobenem Zeigefinger daherkommt. Witzig sehen auch die Skulpturen auf dem Atelierboden aus, für die er Yogamatten in Beton eingegossen hat. Der Kontrast zwischen den harten, schweren Klötzen und den pastellfarbenen Weichteilen erzeugt einen komischen Effekt.

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Für seinen Lebensunterhalt jobbt der Künstler unter anderem für das Magazin C/O Vienna. Die aktuelle Ausgabe enthält ein Interview, das er in seiner Heimatgemeinde Kirchdorf an der Krems mit einer Nonne geführt hat. Nicht nur das offene Gespräch überrascht, sondern auch die Fotos, aus denen viel Sensibilität für sein Gegenüber und dessen klösterliches Umfeld spricht.

Das Foto eines weißen Autos, das an der schwarz gestrichenen Wand hängt, wurde ebenfalls in Oberösterreich geschossen. Irgendetwas ist dabei eigenartig. In seiner Serie "Cars without Wheels" hat Meran den Wagen die Reifen wegretuschiert. Dadurch sehen sie aus, als würden sie schweben. Noch unbehaglicher fiel seine Bildreihe "Houses without Windows" aus, die scheußlicher Provinzarchitektur ein Quäntchen Horror verleiht.

"Ich widme mich Themen, die ich authentisch behandeln kann", sagt der nebenberufliche Zeichenlehrer über seine Herangehensweise. Warum macht der Mensch schon seit der Steinzeit Kunst? Diese Frage trieb Meran gegen Ende seines Studiums so um, dass er sich in eine Abschlussarbeit über das Neolithikum stürzte.

Wie werden kommende Generationen Funde von heute deuten? 2018 hat Meran eine Praxis gestartet, die er "Zukunftsarchäologie" nennt. Dafür klaubte er am Schwarzenbergplatz Krimskrams auf und goss diesen in Gips ab. Als weiße Formen wirken eine Burgerschachtel oder eine kaputte Wäscheleine plötzlich wie zivilisatorisch wertvolle Dinge.

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