PETERS TIERGARTEN

Verbale Entladung

Peter Iwaniewicz nimmt sich kein deppertes Blatt vor den Mund

Peter Iwaniewicz
Natur, FALTER 39/21 vom 29.09.2021

Zeichnung: Georg Feierfeil

Die australische Lappenente, Biziura lobata, war bislang in Europa nur wenigen Menschen bekannt. Das wird sich aber ändern, denn eine Studie berichtete von einer solchen männlichen und von Menschen aufgezogenen Ente, die deutliche vernehmbar "You bloody fool!" flucht. Dies tut er tatsächlich nur in Stresssituationen mit anderen Erpeln, Weibchen werden von ihm mit anderen Lauten angequakt. Damit können wir auch Schimpfen aus der Liste der spezifisch menschlichen Eigenschaften streichen.

Diese verdammte Flucherei scheint auch die Wissenschaften sehr zu interessieren. Ein Team von Psychologen und Wirtschaftswissenschaftlern analysierte Postings von 75.000 Facebook-Nutzern, die in ihren Äußerungen überdurchschnittlich viele Kraftausdrücke verwendeten und dafür als besonders ehrlich und offen eingeschätzt wurden.

Der Therapeut Udo Baer rät in seinem Buch "Der kleine Ärger und die große Wut" dazu, aufgestaute negative Gefühle schlagartig verbal zu entladen, da sich bei Ärger der Blutdruck erhöht und sich nach dem Fluchen wieder senkt. Er rät aber auch dazu, Schimpfworte in manchen sozialen Situationen wie zum Beispiel bei einem Bewerbungsgespräch nicht zu verwenden. Danke für diesen blöden Bullshit-Tipp, von Kolumnisten erwartet sich die Leserschaft zum Teufel nochmal jedenfalls eine kräftige, ehrliche Sprache knapp an der Grenze zum Tourette-Syndrom!

Besonders häufig arbeite ich mit der Schimpf-Technik, wenn ich mir den Kabelkanal Auto, Motor und Sport ansehe. Eigentlich sogar ansehen muss, denn diese obszöne Art der Autoverehrung zieht mich so in den Bann, wie man auch manchmal seine Augen nicht von einer hässlichen Eiterbeule lassen kann. Das ganze Sendungskonzept ist ein einziges Relikt aus Nachkriegs-Wirtschaftswunderzeiten, das unberührt von den dadurch verursachten Problemen weiterlebt.

Die "Redakteure" wirken alle wie die Karikatur eines Blondinenwitzes und bemängeln gerne mal den zu leisen Sound der Auspuffanlage, tadeln die gefühlte Untermotorisierung eines 260-PS-Bombers und beklagen elektronische Eingriffe in der Lenkung, die das "Querfahren" in den Kurven verhindert. Also alles wichtige Kriterien für zeitgemäße Mobilität. Wenn ihnen dann doch gelingt, das Heck ausbrechen zu lassen, dann rufen sie "Herrlich!", während ich den Fernseher anschreie: "Wie dämlich kann man sein, you bloody fool!"

Vermutlich hat die australische Lappenente auch zu viel Autos gesehen.

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