PETERS TIERGARTEN

Zu viel ist nie genug?

Peter Iwaniewicz findet, dass weniger manchmal mehr ist

Peter Iwaniewicz
Natur, FALTER 41/21 vom 13.10.2021

Zeichnung: Georg Feierfeil

Shakespeares Werke umfassen 38 Dramen, Versdichtungen und Sonette. Bei seinen Dramen unterscheidet die Literaturwissenschaft Komödien, Historien und Tragödien. Bei der aktuellen Aufführung in Österreich, weiß man jedoch nicht genau, was davon gerade gespielt wird. Vielleicht hilft uns bei der Einordnung ein Blick auf die Evolutionstheorie.

Der britische Sozialphilosoph Herbert Spencer brachte den Begriff vom "Survival of the Fittest" in die Diskussion um Darwins Buch zur Entstehung der Arten ein. Dieser wird immer noch fälschlich als ein "Überleben der Stärksten" verstanden, doch ist damit der langfristige Erfolg von den am besten an eine bestimmte Umwelt angepassten Lebewesen gemeint.

Ein Lebewesen, das im langen Evolutionsprozess auf das richtige Maß selektiert wurde, ist der Große Ameisenbär. Die Tiere haben etwa die Größe eines Deutschen Schäferhunds und leben im offenen Wald und in der buschbewachsenen Savanne Südamerikas. Sie streifen vagabundierend umher, bis sie Ameisen-oder Termitennester finden, die sie mit ihren starken Klauen der Vorderpfoten einreißen, um die Insekten mit ihrer klebrigen, wurmförmigen Zunge aufzunehmen. Bis zu 160 Mal pro Minute schnellt die fast einen halben Meter lange Zunge aus der röhrenförmigen Mundöffnung heraus. Etwa 35.000 Tiere erbeutet ein Großer Ameisenbär pro Tag. Und er würde auch noch mehr davon haben wollen; allerdings kann er nur rund 40 Sekunden an einem Insektenbau fressen, bevor die Termiten und Ameisen mit ihren Giften durch das dicke Fell bis zu seiner Haut vorgedrungen sind. Dann wird der Schmerz der Attacken unerträglich und die Tiere ziehen weiter, um andere Nester zu suchen. Auf diese Weise werden die einzelnen Bauten nie vollständig ausgeräumt. Wären Ameisenbären besser gepanzert, könnten sie die Kolonie viel effizienter bis auf das letzte Insekt ausbeuten, würden aber auch bald verhungern, da sie sich ihrer eigenen Nahrungsgrundlagen beraubt hätten. Nur diejenigen, die trotz ihrer Gier ausreichend Beutetiere zurücklassen, können darauf hoffen, dass sich die Kolonie wieder regeneriert. Ein zu dünner Pelz wäre dafür ebenso unpassend wie ein undurchdringlicher Schild aus Hornplatten.

Der Große Ameisenbär wird aufgrund von Lebensraumverlusten bereits als "gefährdet" eingestuft. Und auch der Status des Kanzler-Ameisenbärs, der gerade aus seinem Biotop vertrieben wurde, könnte sich bald auf "critically endangered" - "vom Aussterben bedroht" ändern.

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