Inside JVP, Teil 1: Katerstimmung im Vino

Unser Autor hat sich in den vergangenen Wochen bei der Jungen Volkspartei Wien herumgetrieben. In einer dreiteiligen Serie erzählt er, wie die potenziellen Kurz’ und Blümels der Zukunft denken, netzwerken und feiern.

Paul Sonnberger
FALTER.MORGEN, 18.10.2021

Dunkeltürkis: Nach dem Sturz von Sebastian Kurz lässt die Stimmung in der JVP zu wünschen übrig. Foto: FALTER/Sonnberger

Das ist Teil 1 unserer Serie über die Organisation, in der Sebastian Kurz und Gernot Blümel politisch großgeworden sind. Hier finden Sie Teil 2 und Teil 3.

Ein paar Tage hat es gedauert, bis der Kater einsetzte, aber jetzt ist er da: Dienstagabend im Vino, dem Stammlokal der Wiener JVP. In der Weinbar gegenüber der ÖVP-Zentrale in der Lichtenfelsgasse wirkt auf den ersten Blick alles wie immer. Vor dem Lokal wehen zwei türkise Fahnen in der nächtlichen Kälte; drinnen riecht es nach Alkohol. Getrunken wird weißer Spritzer und Bier.

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Aber die Stimmung unter den Nachwuchs-Türkisen ist alles andere als feuchtfröhlich. Das Idol ist weg, Sebastian Kurz, der größte Sohn, den die JVP je hervorgebracht hat, ist zurückgetreten.

An der Bar lehnt ein JVPler aus Döbling im dunkelblauen Polo Ralph Lauren Pullover und bläst Trübsal: „Am Samstag war ich sehr traurig. Ich bin mir aber sicher, dass die Vorwürfe falsch sind. Dass der Kurz wieder Bundeskanzler wird, halte ich allerdings für unwahrscheinlich.“ Sein Freund, ebenfalls aus dem 19. Bezirk, stimmt zu: „Der Rücktritt war für mich schon überraschend. Die aufgetauchten Chats sind zwar heavy, aber dass er dann gleich nicht mehr Bundeskanzler sein darf, finde ich etwas übertrieben.“

„Für mich ist es besonders schade, da ich erst vor ein paar Tagen Mitglied bei der JVP Wien geworden bin“, klagt ein Dritter: „Ich habe mir vorher auch ein paar andere Parteien angeschaut, aber der türkise Weg hat mich am meisten überzeugt. Die geben eine klaren Kurs vor und packen an.”

Die Nationalratsabgeordnete Claudia Plakolm, Obfrau der Jungen ÖVP und Stargast des Abends, hat einige Mühe damit, die Anwesenden aufzuheitern. Gemeinsam mit Harald Zierfuß, dem Obmann der JVP Wien, schwört sie die Menge auf die kommenden Wochen und Monate ein: Die Ereignisse der letzten Tage seien zwar schwierig gewesen, aber die Zukunft der gesamten Volkspartei liege jetzt vor allem in den Händen der vielen jungen Mitglieder.

So richtig nach Anpacken ist an diesem Abend aber offenbar keinem zumute. Bereits gegen 22 Uhr beginnen sich die Gläser und das Vino zu leeren. Die beiden Döblinger Jungtürkisen sind immer noch da und räsonieren mit einem dritten über die Lage: „Jetzt ist Kurz politisch am Ende. Der Posten als Klubobmann ist doch gar nichts wert“, sagt dieser – und sieht die Schuld auch beim Ex-Kanzler selbst: „Der größte Fehler von Sebastian Kurz war, der Alma Zadić das Justizministerium zu überlassen. Wäre es in türkisen Händen, würde es die ganzen Ermittlungen gar nicht geben, und die Chatnachrichten wären nie an die Öffentlichkeit gekommen.“

Die Justiz als langer Arm der Politik? Das hört sich ganz so an, als würden viele ganz junge Türkise in ganz alten Mustern denken – und dieser Eindruck verfestigt sich, wenn man mehr Zeit mit den Jungtürkisen verbringt. Seit Anfang August habe ich unter dem Vorwand, ein Interessent zu sein,  in der JVP Wien recherchiert, Veranstaltungen besucht, mit Aussteigern gesprochen und dabei erhellende Einblicke in die Organisation erhalten, die über 100.000 Mitglieder zählt und neben Sebastian Kurz auch Gernot Blümel hervorgebracht hat.

Und die nach ähnlichen Regeln wie die Mutterpartei funktioniert: Es geht um Macht, persönlichen Erfolg, bedingungslose Loyalität – und heute noch darum, möglichst schnell zu einem guten Posten zu kommen.

Mehr darüber erzähle ich Ihnen morgen. Melden Sie sich also am besten jetzt zu unserem Newsletter FALTER.morgen an, hier geht es zu Teil 2.

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