Galante Gesten von Underdogs

In der Konzeptkunst von Jojo Gronostay ersteht Second-Hand-Mode aus Afrika wie der Phönix aus der Asche auf

NICOLE SCHEYERER
FALTER:WOCHE, FALTER 42/21 vom 20.10.2021

Foto: Christopher Mavrič

Erste Frage auf der Atelierschwelle: Wie wird Jojo ausgesprochen, Yoyo oder Schoscho? "Tschotscho! Das bedeutet 'der am Montag Geborene' in Ghana", erklärt Jojo Gronostay lächelnd. Der Vorname Kofi, den der ehemalige UN-Generalsekretär trug, heiße übrigens "der am Freitag Geborene".

Dank eines Stipendiums der Bank Austria kann der 33-jährige Akademie-Absolvent für zwei Jahre ein Studio in einer ehemaligen Schule mietfrei nutzen. Derzeit dreht sich in dem früheren Klassenzimmer alles um seine erste Soloschau, die Ende November in der Galerie Hubert Winter eröffnet wird.

Es könnte auch der Arbeitsplatz eines Designers sein: An der Rückwand stehen zwei Schaufensterpuppen und im Billy-Regal eine Nähmaschine; daneben hängt ein Kleiderständer voll schwarzer Lederjacken. Die einzigen Farbtupfer in Orange und Gelb bilden zwei Fußballtrikots, die gefaltet auf Holzplatten liegen. Die Shirts hat Gronostay mit eigenen Motiven bedruckt.

"Solche Trikots prägen in Ghana das Straßenbild", erzählt er. "Alle tragen sie, unabhängig von Sport oder Geschlecht." Die Beschäftigung Second-Hand-Fashion führte den Künstler 2016 nach Afrika. In Accra erkundete er den Textilmarkt Kantamanto, wo rund 30.000 Händler von dem leben, was der Westen wegwirft.

Davor war Gronostay zuletzt als Zwölfjähriger im Heimatland seines Vaters gewesen. "Er wurde aus einem sehr armen Dorf zum Arbeiten nach Europa geschickt", erzählt der Künstler. Aber der junge Mann hielt den Druck, eine ganze Familie versorgen zu müssen, nicht aus und wurde krank. Sein Sohn wuchs bei der deutschen Mutter auf und sah den Vater nur wenig.

In Accra kaufte Gronostay Einzelteile, die er durch Eingriffe wie Aufnäher, andere Knöpfe oder Bleichen veränderte. Sie wurden zur ersten Kollektion seines Labels DWMC (kurz für "Dead White Men's Clothes"). Als in den 1970ern erstmals westliche Gebrauchtmode Ghana erreichte, wurde sie als "Kleidung toter Weißer" bezeichnet. Denn: Welcher Lebende würde so gut erhaltene Sachen weggeben?

Mit seinem Rücktransfer von Afrika nach Europa warf Gronostay an der Grenze von Mode und Kunst viele Fragen auf: von den Kreisläufen der Konsumindustrie in Zeiten von fast fashion über die Beziehung zwischen globalem Norden und Süden bis hin zur Bewertung von etwas, das gerade noch Trash war und plötzlich Mode oder gar Kunst ist.

Während eines Erasmus-Studienjahrs in Paris recherchierte Gronostay viel in Château Rouge, dem westafrikanischen Viertel von Frankreichs Metropole. Dort fielen ihm die aus Kartons improvisierten Verkaufsstände ins Auge, auf denen die Straßenhändler ihre Fakes von Louis Vuitton, Gucci &Co feilboten.

Nachts schleppte der Künstler solch zurückgelassene Podeste nach Hause und fotografierte sie. "Mir gefielen die Ähnlichkeiten zum Sockel in der Kunst", schildert Gronostay, der die Kisten ganz sachlich festhielt. Er teilte seine "Château Rouge Displays" auch in Typologien ein, etwa in solche mit Aufschriften oder aus Bananenschachteln. Die fertigen Bildserien zitieren den Stil der berühmten Architekturfotos von Bernd und Hilla Becher aus den Seventies - eine Hommage und augenzwinkernde Referenz zugleich.

Auch in Barcelona beschäftigte sich Gronostay mit afrikanischen Händlern. Die Fake-Ware wird dort auf Decken ausgebreitet. An diesen Unterlagen sind Schnüre befestigt, die es ermöglichen, beim Nahen der Polizei alles blitzschnell wegzuschaffen. Die Hände der Männer, die ihre Seile in den Fingern halten, erinnerten den Künstler an Gesten aus Renaissancegemälden.

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"Ich habe mich oft gefragt, was ich an den Straßenhändlern und der ganzen Thematik so interessant finde", schildert Gronostay. Den Bezug zur eigenen Biografie hat der Künstler lange geleugnet. Heute sei ihm klar, dass die Aufarbeitung seiner persönlichen Geschichte und Identitätsfragen immer auch ein wichtiger Teil von DWMC gewesen sind.

"Ich entferne mich immer mehr von dem Label", bemerkt er im Gespräch. Kürzlich konzipierte Gronostay eine Performance in Mailand, bei der Absätze von High Heels als Requisiten dienten. "Am Markt in Accra werden die einzeln verkauft." Dadurch habe er deren skulpturale Eigenschaften erkannt.

Auch Gronostays neue Fotoarbeiten zeigen die oft als "Waffe der Frau" bezeichneten Stöckel. Seine Serie heißt "Brutalism". Großformatig und in Schwarz-Weiß erinnern die Schuhteile tatsächlich an Betonbauten. Ein kluger Kniff: Ein abgebrochener Absatz - im Alltag nichts als ein Malheur - ersteht in der Kunst mit neuem Glanz wieder auf.

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