Gib' mir Tiernamen, Wien!

Warum eine neu entdeckte Schneckenart und über hundert andere Spezies nach der Bundeshauptstadt benannt sind – und wie es dazu kam.

Martin Staudinger
FALTER.MORGEN, 09.11.2021

Exemplare der neu entdeckten Schneckenart Mitrella viennensis. Foto: NHM Wien, Alice Schumacher

Sie werden sich auch nicht mehr an die Zeit erinnern können, in der hier kein Kaffee im Häferl schwappte, sondern ein tropisches Meer im Wiener Becken. Ist ja auch schon wieder 15 Millionen Jahre her, also doch ein Weilchen vor unser aller Geburt.

In dieser Epoche, die man sich gefühlsmäßig als Therme Oberlaa ohne Eintrittskartenverkauf vorstellen kann, lebten in den wuscheligen Seegraswiesen am Meeresboden rund um die zukünftige österreichische Bundeshauptstadt ungezählte Arten von Gelaich und Gewürme: Darunter auch eine Schneckengattung, von der das Naturhistorische Museum seit über hundert Jahren dutzende Exemplare in der Schublade hatte. Bloß war die längste Zeit niemandem aufgefallen, dass es sich dabei um eine bislang unbekannte Spezies handelt.

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Als solche wurde die Schnecke inzwischen aber erkannt, klassifiziert und getauft – nach Wien nämlich: Sie heißt seit ein paar Tagen Mitrella viennensis.

Dass Arten, Untergattungen oder Familien von Lebewesen nach Wien benannt werden, ist aber gar nicht so selten, wie man denken würde. Auch hiesige Bezirke, Stadteile und Institutionen findet man in wissenschaftlichen Namen von Lebewesen – und sogar Personen. Angesichts der Tatsache, dass sich in der Zeit von Mitrella viennensis Korallenriffe bis ins heutige Burgenland erstreckten, hätte man den Schneck also zum Beispiel auch Mitrella doskozili nennen können, was aber als politische Huldigung wissenschaftlich unstatthaft gewesen wäre. Wenn schon, dann Mitrella michihaeupeli: Immerhin hat der Wiener Altbürgermeister Michael Häupl als Zoologe mit dem Fachgebiet Herpetologie das Standardwerk „Lurche und Kriechtiere Niederösterreichs“ mitverfasst. Aber auch das fiel niemandem ein.

Und so bleibt die Ehre einer Schneckenbenennung ad personam bislang einem einzigen lebenden Menschen in Wien vorbehalten: Dem ehemaligen Vizedirektor des Tiergartens Schönbrunn, Harald Schwammer.

Zur Ablenkung von den täglichen Hiobsbotschaften aus der Welt der Pandemie gibt es im FALTER.morgen heute unnützes Wissen über Tierarten mit Wiener Nachnamen; eine umfassende Geschichte über Mitrella viennensis und ihre Epoche von Katharina Kropshofer folgt morgen im Print-FALTER und heute ab 17 Uhr digital.

Rund 120 Lebewesen tragen Bezüge auf Wien in ihrem wissenschaftlichen Namen, der sich aus zwei Bestandteilen zusammensetzt: „Der erste, immer groß geschrieben, benennt die Gattung wie Homo für ,Mensch’“, erklären die Autoren Thomas Hofmann und Mathias Harzhauser in ihrem Buch „Haie, Goethe und die Gurken – Zwei schräge Naturwissenschaftler auf Expedition durch das heutige Wien“. Der zweite Teil, immer klein geschrieben bezeichnet die Art: im Fall unserer Spezies ist das „sapiens“ (weise).

Häufig werden bei der Namensgebung aber geographische Bezüge verwendet. In Wien hat damit der Botaniker Franz de Paula von Schrank Ende des 18. Jahrhunderts begonnen, als er einen Sandläuferkäfer entdeckte und Cylindera arenaria viennensis taufte.

Es folgten: Diverse andere Käfer, Schnecken, Muscheln, Fische, die in der Gegend ansässig sind oder irgendwann in er Erdgeschichte waren – nicht zu vergessen ein Hamster (Democricetodon vindobonensis), eine Robbe (Praepusa vindobonensis) und auch einige Bakterien.

Hier sind zehn davon:

  • Cylindera arenaria viennensis

Sandläuferkäfer

Vorkommen: Braunkohlen-Tagebaue, Kies,- Lehm-, Tongruben, selten auch Truppenübungsplätze in Österreich und Deutschland.

Benennung: Anfang des 19. Jahrhunderts

 

  • Nitrososphaera viennensis

Ammoniumoxidierendes Urbakterium. Bildet möglicherweise Lachgas, das zum Abbau der Ozonschicht beiträgt.

Vorkommen: Im Erdboden

Benennung: Aufgrund des Fundorts – es wurde 2011 im Garten des Universitätszentrums Althanstraße im 9. Wiener Gemeindebezirk isoliert.

 

  • Promicromonospora vindobonensis

Bakterium

Vorkommen: In der Luft

Benennung: 2003 in der Virgilkapelle neben dem Stephansdom isoliert.

 

  • Pliopithecus vindobonensis

Primat, möglicher Vorfahre des Gibbon

Vorkommen: Europa und Asien vor 17 bis 11 Millionen Jahren

Benennung: In den 1950er-Jahren nach dem Fundort des linken Unterkiefers eines Exemplars in Österreich.

 

  • Schwammeria rumbangensis

Tropische Landschnecke

Vorkommen: Borneo, Tiergarten Schönbrunn

Wahrscheinlich zufällig mit importierten Pflanzen aus Borneo nach Wien gekommen, vom russischen Wissenschaftler Anatoly Schileyko im Boden des Regenwaldhauses gefunden und nach dem damaligen stellvertretenden Direktor Harald Schwammer benannt.

 

  • Caucasotachaea vindobonensis

Bänderschnecke

Vorkommen: Von den Ostalpen bis ins Schwarzmeergebiet und fast an die Ostsee

Benennung: 2016 in Pflanzentrögen und auf Rasenflächen zwischen dem Biozentrum und der ehemaligen WU entlang der Althanstraße gefunden.

 

  • Heteromysis schoenbrunnensis

Schwebgarnele

Vorkommen: Indopazifik, Tiergarten Schönbrunn

Benennung: Kam wahrscheinlich als „blinder Passagier“ auf Steinen für das Riffaquarium im Tiergarten Schönbrunn nach Wien. Wurde erst klassifiziert, als Meeresbiologen 2020 im Lockdown in Wien festsaßen und die Tierchen, die sie schon länger im Becken beobachtet hatten, näher unter die Lupe nahmen.

 

  • Sepia vindobonensis

Tertiärzeitlicher Tintenfisch

Vorkommen: Im Paratethys-Meer, das sich vor etwa 30–15 Millionen Jahren vom Pannonischen Raum bis in das Schwarzmeergebiet erstreckte.

Benennung: Ende des 19. Jahrhunderts aufgrund des Fundorts eines der wenigen halbwegs gut erhaltenen Exemplare in Ostösterreich.

 

  • 9. Psylliodes vindobonensis 

Erdfloh

Schädling, der unter anderem Hanf (Cannabis), Kohl und Nachtschattengewächse wie Erdäpfel, Melanzani und Paradeiser befällt

Vorkommen: Weltweit

Benennung: Anfang des 20. Jahrhunderts.

 

  • 10. Conus poetzleinsdorfis

Kegelschnecke

Benennung: Ebenso wie die Gitterschnecke Cancellaria poetzleinsdorfis sowie die Einzeller Lagena grinzingensis und Pescadium nussdorfense nach dem jeweiligen Fundort – eine Folge der Bautätigkeit in der Gründerzeit. Die Sand- und Tongruben am Wiener Stadtrand wurden damals auch zu Fundgruben für Erdwissenschaftler, die dort zahlreiche Fossilien entdeckten.

 

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