Sackgasse Islamabad

Eine afghanische Wissenschaftlerin konnte mit österreichischer Hilfe aus Afghanistan fliehen. Die Botschaft in Pakistan stellte ihr ein Visum in Aussicht. Der Flug nach Wien war bereits gebucht. Aber dann wurde das Versprechen zurückgenommen. Was ist passiert?

Soraya Pechtl
FALTER.MORGEN, 17.11.2021

Amena Karimyan vor einer Moschee in Islamabad © privat

Das Baby schreit unaufhörlich. Die 24-Jährige Amena Karimyan, ihr einjähriger Neffe und ihre Schwester sitzen bereits seit Stunden im Auto. Sie sind auf dem Weg von Kabul an die afghanisch-pakistanischen Grenze in Turkham. Aus den Fenstern blickt Karimyan auf die Taliban, die schwer bewaffnet am Grenzposten patrouillieren. Hinter ihnen eine Autokarawane mit Menschen, die das Land verlassen wollen. Aber kaum einer wird es schaffen. Die Grenzen sind dicht.

Wir schreiben den 10. September und mittlerweile ist es sechs Wochen her, dass Karimyan aus ihrer Heimatstadt Herat geflohen ist. Seit die fundamentalislamischen Taliban das Land übernommen haben, lebt die studierte Astronomin und Frauenrechtsaktivistin unter Lebensgefahr. Als die Gotteskrieger bei der Grenzkontrolle ihre wissenschaftlichen Bücher sehen, beschimpfen sie Karimyan als Ungläubige und drohen ihr mit dem Tod. Aber die 24-Jährige hat einen Schutzbrief der österreichischen Botschaft im Gepäck. „Ein Visum für Österreich liegt in der Botschaft in Islamabad zur Abholung bereit. Die genannte Person steht unter Schutz der österreichischen Botschaft. Die afghanischen Autoritäten werden freundlich dazu angehalten, der genannten Person die Einreise nach Pakistan über die Turkham-Grenze zu ermöglichen”, ist darin in englischer Sprache zu lesen.

Dieser Text ist ein Teil des FALTER.morgen (Ausgabe vom 17.11.2021), dem neuen Früh-Newsletter aus der FALTER-Redaktion. Melden Sie sich hier an:

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften, die Karl-Franzens-Universität und das Forum Stadtpark, eine Gemeinschaft aus Wissenschaftlern, Künstlern und Kulturschaffenden haben Karimyan zu einem dreimonatigen Forschungsaufenthalt nach Graz eingeladen. Das Außenministerium stimmte dem Aufenthalt zu und stellte ihr ein Visum in Aussicht. Der Flug von Islamabad nach Wien (und wieder zurück) ist bereits gebucht. Nur so kommt die Astronomin über die Grenze nach Pakistan. Ihre Schwester und ihren Neffen muss sie zurücklassen. Das ist mittlerweile mehr als zwei Monate her.

Aber in Pakistan angekommen, läuft alles anders als erwartet. Am 27. Oktober kommt ein Brief vom Außenministerium: Der Antrag auf ein Visum wurde abgelehnt. Seither sitzt Karimyan in einem Hotel in Pakistan und kann weder vor noch zurück.  Die österreichische Regierung lässt sie nicht ins Land. Was ist passiert?

Es gebe begründete Zweifel, dass Karimyan den Schengen-Raum nach Ablauf ihres Visums wieder verlassen würde, begründet das Außenministerium die Entscheidung in einem Schreiben. Nach Afghanistan zurückzukehren ist keine Option für die 24-Jährige. Unter den Taliban müsste sie Gewalt und Repressionen fürchten. Aber in Österreich bleiben will sie auch nicht. Karimyan hat Einladungen für Vorträge an Universitäten in Serbien, Kroatien und den USA. Wenn ihr Visum in Österreich ausläuft, will sie dorthin weiterreisen. Aber die Botschaft lässt sich von davon nicht überzeugen. Warum ihr das Visum dann überhaupt in Aussicht gestellt wurde? Das Außenministerium reagiert bislang nicht auf die Anfragen von FALTER.morgen.

Eine Zukunft in Islamabad kann sich Karimyan nicht vorstellen. Mit dem einjährigen Visum darf sie in Pakistan nicht arbeiten und Ersparnisse hat sie keine. Sie ist nur mit einem kleinen Koffer und zehn Büchern angereist. Noch bekommt sie Unterstützung von dem Grazer Medium „der ausreißer“ – aber dort weiß man nicht, wie lange sich Karimyans Aufenthalt noch finanzieren lässt.

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann abonnieren Sie jetzt und bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert.

Bitte liken Sie den FALTER auf Facebook: