Eine Nacht im Protestcamp!

Die Aktivisten, die seit Monaten den Bau der Stadtstraße blockieren, harren trotz eisiger Temperaturen weiter in Zeltlagern aus. Wir haben die Protest-Camps besucht und eine Nacht in der Donaustadt verbracht. 

Soraya Pechtl
FALTER.MORGEN, 23.11.2021

In der Hirschstettner Straße haben die Aktivisten eine beheizte Holzhütte errichtet © FALTER/Pechtl

Der Spätherbst hat die Temperaturen auf kühle fünf Grad gedrückt. Im Schloßpark in der Anfanggasse sind dennoch dutzende Trekkingzelte aufgeschlagen. Die Aktivistinnen und Aktivisten, die hier campieren, wärmen ihre Hände an einem Lagerfeuer, das inmitten des Camps flackert.

Seit Ende August besetzen Mitglieder von Fridays for Future, Hirschstetten Retten, Extinction Rebellion, System Change, not Climate Change und Jugendrat mehrere Baustellen in der Donaustadt, um den Bau der Stadtstraße zu verhindern. Das Zeltlager in der Anfanggasse ist ihre Zentrale.

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Es ist die wohl am längsten andauernde Besetzung in Österreich. Eine ähnliche Aktion gab es zuletzt 1984, als Aktivisten in der Stopfenreuther Au gegen den Bau des Wasserkraftwerks Hainburg protestierten. Damals lenkte die Bundesregierung nach drei Wochen ein und stoppte das Projekt.

Mehr als drei Jahrzehnte danach campieren die Aktivisten in Hirschstetten seit mittlerweile knapp drei Monaten – ein Entgegenkommen der Politik scheint derzeit aber nicht absehbar. Im Gegenteil: Vergangene Woche hat die Stadtregierung die Umweltverträglichkeitsprüfung derart abgeändert, dass die Bauarbeiten künftig auch am Wochenende und in der Nacht stattfinden können, weil der Zeitplan sonst nicht einzuhalten ist.

Aber wie widerstandsfähig sind die Aktivistinnen überhaupt noch? Und wie hart sind die Winternächte in den Zeltlagern? FALTER.morgen hat die Protest-Camps besucht und eine Nacht bei den Aktivisten verbracht.

Mit Isomatte, Schlafsack und eingepackt in drei Lagen Kleidung geht es gegen 18:00 Uhr in Richtung Donaustadt.

Maximal zehn Personen sind an diesem Mittwochabend im Camp in der Anfanggasse. Zu Spitzenzeiten waren es weit über 30. Aber viele Aktivistinnen müssen am nächsten Tag in die Schule oder haben berufliche Verpflichtungen. Nur einige Hartgesottene harren auch an Werktagen aus.

Von Resignation ist dennoch keine Spur. Der Protest wurde in den vergangenen Tagen sogar breiter. Am Sonntag veranstalteten die Erzdiözese Wien sowie Vertreter der evangelischen und islamischen Glaubensgemeinschaft eine Lichterfeier zur Unterstützung der Proteste. Auch die Junge Generation, die Jugendorganisation der SPÖ, stellt sich gegen den Kurs der roten Stadtregierung und fordert die Sozialdemokratie zu einem „klaren Nein” zur Stadtstraße und der Lobauautobahn auf.

Eine, die seit Jahren gegen den Straßenbau kämpft, ist Jutta Matysek, Obfrau der Bürgerinitiative „Rettet die Lobau”. „Wir bleiben so lange hier bis der Bau endgültig gestoppt wird”, sagt sie und schöpft eine Kelle Gemüsesuppe aus einem dampfenden Kochtopf. Über dem Lagerfeuer rösten Kastanien, eine andere Umweltschützerin serviert vegane Würstchen und Kartoffelecken.

Die Aktivisten sind gut organisiert und haben in der Donaustadt ein kleines Dorf errichtet. Notfalls wollen sie den ganzen Winter hier bleiben.

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In zwei Zelten stapeln sich Kisten mit Kürbissen, Kaffeepulver, Hafermilch, Gebäck und anderen Nahrungsmitteln, der Großteil der Vorräte wurde gespendet oder aus dem Müll gerettet. Dahinter stehen zwei Bio-Klos mit Desinfektionsmittel-Spendern an der Wand. Der Müll wird mit Lastenrädern zum Recyclinghof gebracht. Und sogar einen WLan-Router gibt es. Die Publizistik-Studentin Sam schreibt hier ihre Seminararbeiten und streamt Vorlesungen.

Es herrscht striktes Alkohol- und Drogenverbot im Camp. Und ich hatte noch überlegt einen Flachmann mitzubringen – Hochprozentiges soll ja schließlich von innen wärmen. „Wir wollen nicht, dass die Leute eskalieren, wenn sie betrunken sind”, sagt Matysek. Zum Aufwärmen geht’s stattdessen in die mit Dämmwolle ausgekleidete Jurte. Drinnen hat es gefühlt wohlige 20 Grad.

Schlafen werde ich aber nicht im Schloßpark, sondern im zehn Minuten entfernten Camp in der Hirschstettner Straße. Die Aktivisten haben hier vor der Baustelle ein kleines zweistöckiges Holzhaus gebaut. Drinnen brennen zwei Teelichter, ein Feuer lodert in einem Holzofen. „Der ist sogar vom Brandschutz abgesegnet”, sagt Sam. Im oberen Stock stehen zwei Stockbetten mit Bettdecken und Matratzen. Es ist so warm, dass ich eine Schicht meiner Kleidung ausziehe, und mir denke: Die Besetzer werden sich hier kaum vertreiben lassen – nicht vom Winter. Und auch nicht von den Bauherren.

Am Freitag findet am Karlsplatz ein Klimastreik gegen den Bau der Stadtstraße und der Lobauautobahn statt.

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