Für Schampus bitte läuten

Eine Speakeasy-Champagner-Handlung, in die man Essen mitbringen darf

Florian Holzer
23.11.2021

Foto: Heribert Corn

Es gibt mehrere Möglichkeiten, der augenblicklichen Situation zu entkommen. Man kann an Orte fliegen, wo es wärmer, heller, schöner und vernünftiger ist, zum Beispiel nach Israel oder Südspanien, ist halt mit Aufwand, Kosten und CO2-Fußabdruck verbunden.

Man kann sich Fernsehserien oder Literatur widmen, das Haus nicht mehr verlassen und in Winterschlaf gehen. Einsamkeit, Wahnsinn und Armut könnten daraus resultieren.


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Oder man trinkt Champagner. Ich bin davon überzeugt, dass kaum eine legale Droge so sehr dabei hilft, Fantasie für die Bewältigung dessen zu entwickeln, wo Leichtmut keine Lösung mehr ist.

Champagner ist in Österreich nicht verboten, das Unternehmen Champagne Characters vermittelt aber fast den Eindruck: eine schäbige Haustür, ein unbeleuchtetes Türklingel-Paneel, man drückt, es surrt, man geht durch ein unprunkvolles Stiegenhaus, stößt die Türe zum Hinterhof auf – und ist plötzlich in einer anderen Welt.

Eine Metalltreppe führt in einen Hinterhof mit alten, großen Bäumen, Pawlatschen, mit einem kleinen (leer stehenden) Hexenhäuschen, in mildes Licht getaucht durch die Fenster eines Souterrain-Lokals, das in seiner aufgeräumten Eleganz fremdartiger nicht wirken könnte.

Der Geschäftsführer Chris Gampe, ein fröhlicher Mann aus Berlin mit einigen Jahren Weinhandelserfahrung in Wien, begrüßt freundlich, erzählt, dass da bis zur Eröffnung des Champagner Garten genannten Geschäfts eine Art Influencer-Fitness-Studio drin war.

Dass seine Chefin Nicola Neumann den Champagnerhandel vor sieben Jahren in München gegründet hat und inzwischen Marktführer in Deutschland bei Winzer-Champagner ist.

Was ist Winzer-Champagner? So nennt man die Champagner kleiner, unabhängiger Familienbetriebe, Schaumweine, die nichts mit der (teilweise eh guten) Markenware aus dem Regal zu tun haben, sondern halt echte Weine sind, individuell, teilweise bio, teilweise schräg.

Nur drei Prozent der jährlichen Champagner-Produktion gelten als Winzer-Champagner, diese Betriebe arbeiten, genauso wie Nicola Neumann, großteils ohne Marketingbudgets, das hält die Preise niedrig.

Man kann den Sprudel in diesem Champagner-Geheimdepot aber nicht nur kaufen, sondern auch trinken. Ein paar Flaschen sind immer offen, für die ganze Flasche zahlt man fünf Euro Stoppelgeld, das ist quasi nichts, der Spaß fängt außerdem schon bei 29,90 Euro an (ein ziemlich lässiger Champagner aus 100 Prozent Pinot Meinier).

Soll’s was Spezielles sein, einfach anrufen, damit der Sprudel auch kalt ist. Essen kann man hier auch, allerdings nur das, was man selbst mitbringt, der Naschmarkt ist nahe, Teller und Besteck sind vorhanden.

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Resümee:

Die günstigste Methode, sich außer Haus eine Flasche interessanten Schampus einzuverleiben.

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