Let’s get funky!

„Summer of Soul“ ist die Musikdoku des Jahres: Sie feiert ein vergessenes Festival, das 1969 in New York stattfand, und beleuchtet einen Schlüsselmoment afroamerikanischer Geschichte

Gerhard Stöger
FALTER:WOCHE, FALTER 47/21 vom 23.11.2021

Sly Stone, der Kopf von Sly & The Family Stone (Foto: The Walt Disney Company)

Der Film ist gerade einmal drei Minuten alt, da bietet er bereits sein erstes Highlight. Ihm werden, so viel Spoiler sei an dieser Stelle erlaubt, in den nächsten zwei Stunden viele weitere folgen. Denn die Musikdokumentation „Summer of Soul (… or, When the Revolution Could Not Be Televised)“ ist nicht nur als große Erzählung fantastisch, sie begeistert auch in all den kleinen Portionen und Portiönchen, die diese Erzählung ausmachen. Doch zurück in die vierte Minute.

Stevie Wonder steht da bei Tageslicht auf einer Bühne im New Yorker Mount Morris Park im Regen, den so schlichten wie bildstarken Hintergrund prägen bunte Rechtecke und das in weißen Großbuchstaben gehaltene Wort „Festival“. Wir schreiben den Sommer 1969, der Sänger und Multiinstrumentalist ist gerade einmal 19 Jahre alt, aber lange schon ein Star.


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Hier in Harlem liest er eine Soulmesse, sexy und in seiner Zurückhaltung auf entspanntest mögliche Weise konzentriert groovend. Die Menschen im Publikum – zehntausende und nahezu ausnahmslos Schwarz – fühlen die Musik, tanzen und jubeln. Begleitet von einem Regenschirmträger wechselt der Musiker offenbar spontan ans Schlagzeug. Ein ungewöhnliches Bild, kennt man Wonder doch in erster Linie als Sänger und Pianisten. In diesem Moment aber trommelt er sich mit einem kurzen Schlagzeugsolo in Ekstase. Es ist das Signal an seine Band, das Tempo anzuziehen: Die Bläser setzen ein, die Party bricht los.

Im letzten Drittel wird der Film noch einmal bei Stevie Wonder landen. Er sitzt nun an einem roten Keyboard, schnalzt zweimal mit der Zunge und legt los: „Funky, funky, funky, funky! Let’s get funky!“ Und funky meint in diesem Kontext so ungleich viel mehr, als einfach nur einen Moment lang eine gute Zeit zu haben.

„Summer of Soul“ erzählt die Geschichte des Harlem Cultural Festival, einer Konzertreihe für die diversen Spielarten nicht-weißer US-Musikkultur der ausgehenden Sixties – jener Zeit, als in Vietnam Krieg herrschte und die Welt Kopf stand (siehe Chronologie unten). An sechs Tagen zwischen Ende Juni und Ende August 1969 bei freiem Eintritt ausgetragen, versammelte diese Veranstaltung Soul und Jazz, Gospel und Blues, Funk und Latin. Ein Barbecue für die ganze Familie traf auf atemberaubende Konzerte; die politisch aufgeladene Stimmung spiegelte diese Musik, die ihrerseits wiederum den Soundtrack dessen bildete, was „Black Power“ genannt werden sollte.

Keine 200 Kilometer entfernt, in Bethel, New York, fand im August 1969 ein anderes großes Musikfestival statt, das bis heute alle Welt kennt: Woodstock. Vom Harlem Cultural Festival hingegen wusste bis vor kurzem niemand. Dabei war es einst mit Kameras begleitet worden. Unter dem Arbeitstitel „Black Woodstock“ sollten die Aufnahmen ins Kino kommen. Nur fand sich dafür kein Finanzier („niemand interessierte sich für ein Schwarzes Konzert“).

Die unbearbeiteten Filmrollen, insgesamt rund 50 Stück mit jeweils 45 Minuten bis zu einer Stunde Spielzeit, landeten in einem Keller, wurden Jahrzehnte später geborgen – und von Questlove (eigentlich: Ahmir Khalib Thompson) in seinem Debüt als Filmregisseur aufgearbeitet. Der 1971 in Philadelphia geborene Schlagzeuger ist als Teil der Hip-Hop-Gruppe The Roots selbst ein Star, durch die langjährige Mitwirkung in Jimmy Fallons „Tonight Show“ kennt ihn auch ein Millionenpublikum, das zu Rap keinen Zugang hat.

„Nicht einfach als musikalischer Berater, sondern als Regisseur tätig zu werden, war eine der größten Herausforderungen meines Lebens“, sagt der Neo-Filmemacher, der das historische Material durch Interviews mit Zeitzeugen sowie Musikerinnen und Musikern ergänzte, die beim Festival dabei gewesen sind. „Mir wurde zugestanden, dass ich als Buchautor und Podcast-Macher bereits ein Geschichtenerzähler und meine Liebe zur Musik ohnedies klar sei. Zum Glück habe ich trotz anfänglicher Zweifel auf diese Ermunterungen gehört.“

In der Tat. „Summer of Soul“ ist ein grandioser Musikfilm, kein einziger der ins Bild gerückten Auftritte ist weniger als fantastisch, einige sind schlicht unfassbar. Und doch ist die Musik hier „nur“ das Material, mit dem die Geschichte gesellschaftlicher Veränderung erzählt wird, die Geschichte eines Bewusstseinswandels innerhalb der Schwarzen US-Bevölkerung.

1968 ist Martin Luther King einem Attentat zum Opfer gefallen, landesweite Ausschreitungen waren die Folge. Das teils von der Stadt, teils von einem Sponsor finanzierte und von einem Security-Dienst der rebellischen Black Panther Party begleitete Harlem Cultural Festival sollte dazu beitragen, weiteren Unruhen unter der Schwarzen Bevölkerung New Yorks vorzubeugen. Unpolitisch konnte in diesem Setting niemand sein, selbst der in grellgrünen Kostümen vorgetragene und vor Ort von allen mitgesungene Welthit „Oh Happy Day“ der Edwin Hawkins Singers reicht in diesem Moment über das Spirituelle hinaus.

Die jeweils zum Ausdruck gebrachte Haltung freilich offenbart ein breites Spektrum. Da wäre etwa der Sänger und Gitarrist B.B. King (1925–2015), der schlicht mit einem seiner berühmtesten Lieder Auskunft gibt, „Why I Sing the Blues“. Er interpretiert es hier in Harlem besonders hingebungsvoll. Jeder wolle wissen, warum er den Blues sänge, heißt es darin. Er sei eben schon länger mit dabei und habe allen Grund dazu, erklärt King – und meint nicht sich als Person, sondern alle US-Bürger*innen Schwarzer Hautfarbe: „When I first got the Blues / They brought me over on a Ship / Men were standing over me / And a lot more with a whip.“

Weggefährten Martin Luther Kings erzählen vom schrecklichen Moment seiner Ermordung, halten aber am Dogma der Gewaltfreiheit fest. Eine der berührendsten Stellen von „Summer of Soul“ ist jene Passage, als Gospel-Superstar Mahalia Jackson (1911–1972) Kings Lieblingslied „Take My Hand, Precious Lord“ intonieren soll, sie das Mikrofon aber an ihre junge Kollegin Mavis Staples weiterreicht, weil ihr selbst die Stimme bricht – und sich beide den Vortrag letztlich schwesterlich teilen.

Die einen sprechen von „unity“, die anderen von Fortschritt, Veränderung, Stolz und neuem Schwarzen Selbstbewusstsein. Sie hätte damals gespürt, dass in Harlem bei diesem Festival etwas sehr, sehr Wichtiges passiere, erinnert sich etwa Sängerin Gladys Knight – und dass das keineswegs nur an der Musik gelegen sei. „Wir glaubten daran, was wir in unseren Herzen fühlten. Als wir auf die Bühne gingen, sagten wir uns also: ‚Let’s go! Let’s go do it!‘“ – noch ein halbes Jahrhundert später reckt Knight bei diesen Worten ihre rechte Faust in die Luft.

Auch die Mondlandung fällt in den Sommer 1969. „Tolle Sache, keine Frage“, kommentiert ein junger Schwarzer Konzertbesucher das Ereignis. „Die Wissenschaft, die Astronauten, die Landung dort … Aber ganz ehrlich: Mich kratzt es kein bisschen. Dieses Festival hier bedeutet mir ungleich mehr. Mit dem Geld, das für die Raumfahrt verpulvert wird, hätten unzählige bedürftige Menschen in Harlem ernährt werden können, ja im ganzen Land!“

Gegengeschnitten sind diese Statements mit dem Auftritt der Staple Singers. „Die Zeiten ändern sich, und vielleicht wirst genau du eines Tages Präsident der USA“, predigt Bandleader Pops Staples (1914–2000). „Also hört euch den nächsten Vers genau an, all ihr jungen Leute.“ Und dann singt sein Familienchor: „Schmeißt die Schule nicht hin! Lernt so viel wie möglich! Befolgt die Regeln! Ohne Bildung wird das nichts! Die Zeiten ändern sich!“

„Wir hatten von den herrschenden Zuständen die Schnauze voll“, erinnert sich ein Aktivist. „Amokläufe der Polizei, diese ständigen brutalen Übergriffe bis hin zur Ermordung junger Menschen.“ Die aktuelle Black-Lives-Matter-Bewegung spricht der Film an keiner Stelle an, tragische historische Kontinuitäten offenbart er freilich auch ohne explizite Hinweise.

Für die zornigsten Momente des Films sorgt Nina Simone (1933–2003). Begleitet von Trommelrhythmen rezitiert die Sängerin und Pianistin ein Gedicht David Nelsons, das de facto ein politisches Pamphlet ist; ihr Vortrag wird zum militanten Gospel. „Are you ready, Black people?“, lauten die ersten Worte; „Yeah!“, antwortet der Publikumschor wie auf die folgenden Fragen aus zehntausenden Kehlen. Ob die Menschen bereit wären, das Notwendige zu tun, will Simone wissen. Körperlich und geistig bereit, im Fall des Falles zu töten, weiße Dinge zu zerstören, Häuser abzufackeln. „Are you really, really, really ready?“

Dann wird sie, bei aller Erregung und Bestimmtheit, den entscheidenden Tick ruhiger und sanftmütig: „Are you ready to listen to all the beautiful Black voices? The beautiful Black feeling? The beautiful Black waves moving in beautiful air? Are you ready to love Black? Always loving Black? Are you ready, Black people? Are you ready? Are you ready to change into a groovy, groovy Black person? Are you really ready to change yourself? Turn yourself inside out, through and through and make yourself a through and through and through and through and through and through and through and through and through real Black person? I say, are you ready?“

„Ihr Auftritt glich einer auf Beton blühenden Rose“, meint ein Festivalgast; „vor diesem Konzert war mein Leben schwarzweiß, danach sah ich es plötzlich in Farbe“, ein anderer. „Nina Simone hat uns Hoffnung gegeben“, erinnert sich Charlayne Hunter-Gault, einst Redakteurin der New York Times, und erzählt in diesem Zusammenhang von der Aufregung, die es verursachte, als sie 1961 als erste Schwarze Studentin an der Universität von Georgia aufgenommen wurde: „Die Ablehnung der weißen Studenten äußerte sich in lautstarken nächtlichen Protesten. Da ging es ordentlich zur Sache, sie wollten mir Angst einjagen. Aber ich hatte meine Nina-Simone-Platten dabei, daher waren sie chancenlos. Anstatt mich schlecht zu fühlen, hörte ich ihre Musik, und alles war gut.“

Schließlich erzählt Hunter-Gault noch, wie sie Jahre nach dieser Nacht im Studierendenwohnheim bei der New York Times durchsetzte, das in den Sixties noch ganz selbstverständlich in Texten verwendete N-Wort durch „Black“ zu ersetzen.

„Die Energie vor Ort ist unglaublich gewesen, Teil dieses Festivals zu sein war eine Ehre für mich“, meint Stevie Wonder im ­Rückblick. „Ich war 19 und stand gerade an einer Weggabelung. Ich hatte Erfolg, aber ich spürte, dass die Welt eine Veränderung herbeisehnt und wir uns auf ganz ­andere Zeiten zubewegen. Alles befand sich im Umbruch.“

Bald schon sollte Wonder komplexere Lieder schreiben, vermehrt als politische Stimme auftreten und seine Hits für Jahre aus dem Programm nehmen. „Die habe ich zwar wahnsinnig gern gespielt, aber etwas tief in mir sagte: Okay, da wäre noch so viel mehr. Ich bin Schwarz und stolz darauf! Prompt bekam ich darauf zu hören, dass ich mit dieser Haltung meine Karriere sabotieren würde, aber ich dachte mir nur: ‚I don’t give a four-letter word!‘“

Die letzten im Film gezeigten Konzertaufnahmen gehören dem einzigen Act, der sowohl beim Harlem Cultural Festival als auch in Woodstock dabei war: Sly & The Family Stone. Angeführt von Sly Stone, dem historischen Vorbild für den späteren US-Pop-Superstar Prince, spielten Männer wie Frauen, Schwarze wie Weiße in dieser Funk, Soul und Rock einenden Band, die wirkte, als käme sie aus der Zukunft.

Sly Stone – massive Goldkette, schwarz-lila Hemd, große, bunte Brille – und sein illustrer Haufen feiern mit dem Publikum eine ekstatische Party. „Wanna take you higher! Higher!“, singt er mantraartig immer und immer wieder. Als die Musik verklingt und die Band abgeht, schreit das Publikum euphorisiert weiter: „Higher! Higher! Higher! Higher!“F


The Fight for Black Rights

17. Mai 1954
Der Oberste Gerichtshof bestätigt, dass die Segregation in Schulen nach Hautfarbe dem Gleichheitsgrundsatz der USA widerspricht

1. Dezember 1955
Rosa Parks wird verhaftet, weil sie sich weigert, ihren Sitzplatz für einen Weißen aufzugeben. Es folgt der Montgomery Bus Boycott

2. September 1957
Der Gouverneur von Arkansas lässt in Little Rock die Nationalgarde aufmarschieren, um Schwarze Schüler am Schulbesuch zu hindern

1. Februar 1960
Beginn der Sit-ins in Greensboro, durch die Schwarze Studenten die Kette Woolworth zur Aufgabe der rassistischen Segregation bewegen

4. Mai 1961
Erster Freedom Ride:
Weiße und Schwarze fahren gemeinsam mit dem Bus in die Südstaaten, um das Rassentrennungsverbot zu überprüfen

12. Juni 1963
Der Bürgerrechtler Medgar Evers wird erschossen. Sein weißer Mörder wird erst 1994 verurteilt

28. August 1963
Über 250.000 Menschen nehmen am March on Washington teil. Vor dem Lincoln Memorial hält Martin Luther King seine berühmte Rede „I Have a Dream“. Odetta und Mahalia Jackson treten auf

2. Juli 1964
Präsident Johnson unterzeichnet den Civil Rights Act, der (u. a.) rassistische Diskriminierung verbietet

21. Februar 1965
Malcolm X fällt einem bis heute nicht restlos geklärten Mordkomplott von Mitgliedern der Nation of Islam zum Opfer

März 1965
Mit Märschen von Selma nach Montgomery (Alabama) wird gegen rassistische Wähler-
registrierung protestiert

4. April 1968
Martin Luther King wird in einem Motel in Memphis von einem weißen Rassisten erschossen


Die drei geplanten Aufführungen von „Summer of Soul“ im Filmcasino wurden Lockdown-bedingt verschoben, neue Termine folgen, sobald die Rahmenbedingungen klar sind. Information: www.filmcasino.at

Als Stream ist „Summer of Soul“ auf Disney+ verfügbar

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