DIE KULTURKRITIK DER WOCHE

Nachspiel

Künstler als Immunologen und Politologen: was der vierte Lockdown mit der Kultur macht

Matthias Dusini
Feuilleton, FALTER 47/21 vom 24.11.2021

Das erste Mal war Schock, das zweite Mal schmerzhaft. Beim vierten Mal nehmen die Kultureinrichtungen den Lockdown mit einer gewissen Abgebrühtheit auf. Die Künstlerinnen und Künstler müssen sich in das scheinbar Unvermeidliche fügen. Nun wird nicht mehr über Modigliani und Molière, sondern über Härtefallfonds, Überbrückungsfinanzierung und Umsatzersatz diskutiert.

"Mit dem Lockdown werden nun sofort wieder alle bisherigen Unterstützungswerkzeuge ausgepackt und aufgestockt", sagt die Kultursprecherin der ÖVP, Maria Großbauer. Die Staatsoper bietet Archivaufnahmen kostenlos im Streaming an, das Jazzlokal Porgy & Bess lädt zum Live-Stream von Konzerten, die im leeren Haus stattfinden. Mit allen Mitteln versuchen die Häuser, Kontakt zu ihrem Publikum zu halten. Vergangene Sperren gaben Anlass zu Kontroversen. Viele wollten im letzten Winter nicht einsehen, dass zwar Skilifte geöffnet blieben, aber die Kultureinrichtungen mit ihren vorbildlich umgesetzten Hygienekonzepten schließen mussten. Die Kulturmanager und -managerinnen fühlten sich gefrotzelt: Zuerst kam der Handel, dann die Gastronomie. Die Kunst lief unter "ferner".

Die vierte Pause könnte dazu genutzt werden, über die Rolle von Kunstschaffenden in der Impfdiskussion nachzudenken. Tragen Schauspieler wie Jan Josef Liefers dazu bei, die Skepsis gegenüber dem rettenden Serum zu erhöhen? Ist ein im Theater gepflegter, maßloser Freiheitsbegriff daran schuld, dass sich ein Regisseur wie Frank Castorf in einer Diktatur wähnt, wenn er Mund-Nasen-Schutz tragen soll? Ein Remake der "Schwarzwaldklinik" mit Nina Proll als homöopathische Oberärztin wäre die Serie der Stunde.

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