Malerei mit Softwaresupport

Der Künstler Christian Bazant-Hegemark experimentiert für seine Grafiken und Ölbilder mit eigener Software

NICOLE SCHEYERER
Lexikon, FALTER 49/21 vom 08.12.2021

Foto: Katharina Gossow

Das Wiener Atelier von Christian Bazant-Hegemark liegt in einem unscheinbaren Haus zwischen Palais Liechtenstein und Rossauer Lände im neunten Bezirk. Unter seinen Gemälden hängen die Reste einer Blümchentapete, den Künstler stört das nicht. Er weist auf einen Schriftzug im Eck hin: "1972 um 5400 Schilling tapeziert", steht dort skurrilerweise vermerkt.

Bazant-Hegemark kam im zweiten Bildungsweg zur Kunst. "Als Jugendlicher wollte ich nur unabhängig werden", erzählt der Lehrersohn aus Mödling, der lieber ein EDV-Kolleg an einer HTL anstatt der Matura machte. Gleich nach seinem Abschluss fand er einen gut bezahlten Job in der Videospielbranche.

Der Jungprogrammierer arbeitete damals für das Wiener Studio des US-Konzerns Rockstar Games, dessen Videospielreihe "Grand Theft Auto" (GTA) zu den weltweit meistverkauften Computerspielen zählt. "Einmal war ich 24 Stunden in der Firma", erinnert sich der Künstler an die exzessive Schufterei vor dem Launch eines Spiels. Die Branche hat für solche 80- bis 100-Stunden-Wochen mit "Crunches" sogar ein eigenes Wort geprägt.

Wegen der ausufernden Arbeitszeiten kündigte Bazant-Hegemark nach sechs Jahren und tauschte die Computermaus gegen den Zeichenstift. Mit Papierarbeiten bewarb er sich 2006 an der Akademie der bildenden Künste und wurde in die Malereiklasse von Gunter Damisch aufgenommen.

Zu Beginn seines Studiums wunderte sich der Tech-Aussteiger darüber, wie wenig Zeit seine Mitstudierenden im Atelier verbrachten. Schließlich war Bazant-Hegemark ein vollkommen anderes Arbeitspensum gewohnt. Der Lebenslauf des 43-Jährigen verrät leichte Workaholic-Züge: Er schloss die Akademie mit einem Doktortitel ab, kuratierte danach zig Ausstellungen, betrieb Offspaces und einen Youtube-Channel mit Gästen.

Heute unterrichtet der Maler an der Wiener Kunstschule, er gibt praktische Workshops zum "Überleben im Kunstbetrieb", produziert den Podcast "Kunst und Klischee" und organisiert Diskussionsrunden. Letzten Sommer war Bazant-Hegemark bei der Gruppenschau "(K)ein Mensch ist eine Insel" im Wiener Künstlerhaus vertreten, die um Alleinsein und Abwesenheit kreiste.

Die Schau zeigte seine großformatigen Tuschezeichnungen isolierter Figuren, die sitzen und warten. Im Studio hängt aus dieser Serie ein Bild eines glatzköpfigen Mannes, der in sein Handy versunken ist. Seine Gestalt ist aus zwei Perspektiven wiedergegeben. Obwohl der beleibte Alte ruhig dahockt, verströmt das Bild viel Dynamik. Die klaren Umrisse der Gestalt werden von Linienausreißern und Farbwölkchen konterkariert.

Beim Nähertreten zeigt sich, dass die Strichführung stellenweise krakelig ist. "Diese gezackten Linien stammen vom Plotter", erklärt der Künstler zur technischen Bildgenese. Er hat den Mann im öffentlichen Raum selbst fotografiert, die Aufnahmen dann digital abstrahiert und sie von einer Zeichenapparatur auf das Papier bringen lassen.

Schon seit längerer Zeit experimentiert Bazant-Hegemark mit einer selbst geschriebenen Software, die ihm die Grundlagen seiner Zeichnungen und Gemälde liefert. Aber wozu sich überhaupt noch die Finger schmutzig machen? Die Frage, ob die Malerei im digitalen Zeitalter überholt sei, führte den Künstler zu seiner Dissertation. Mit Begriffen wie "Simulation", "Mimesis" beackerte er darin medientheoretische Problemfelder.

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"An der Malerei fasziniert mich ihre lange Geschichte und die Frage, wo ich mich da einordne. Wer weiß, ob sie in der Zukunft überleben wird." Zurzeit interessieren Bazant-Hegemark vor allem Glitches, also digitale Bildstörungen, die Images verzerren oder zerstückeln. Das gewollte Herbeiführen von Fehlern hat in der "Glitch Art" eine lange Geschichte. Bazant-Hegemark verwendet sie in erster Linie für Porträts. Mal löst er das Gesicht einer Musikerin auf, mal wird er selbst mit Gitarre zum Wackelbild.

Karrieremäßig ist der Künstler gut aufgestellt. Er wird von der Wiener Galerie Untitled Projects und der Düsseldorf Galerie Voss vertreten; das Welser Privatmuseum Angerlehner präsentierte letzten Sommer seine Schau "Trauma" mit Bildern der letzten 15 Jahre. "Bei meinem Diplom hat mich der damalige Rektor gefragt:'Wo haben Sie so malen gelernt?'", erzählt der Künstler, der sich viel über mangelhafte Ausbildung an den Kunstunis aufregen kann.

Das Farbenmischen hat sich Bazant-Hegemark auch mittels Youtube-Tutorials beigebracht. Heute erklärt er in seinen Workshops Alumni, wie sie sich im Kunstbetrieb am besten durchschlagen können.

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