Die wilde Wurst

Würstelstand geht auch anders. Und beim neuen am Börseplatz sogar erfolgreich

Florian Holzer
14.12.2021

Foto: Heribert Corn

Sebastian Neuschler wirkt aufgekratzt. Seit drei Wochen ist der Gastronom Besitzer eines Würstelstandes am Börseplatz und die Menschenschlange kann sich sehen lassen.

Neuschler, der unter anderem das sympathische Lokal Marktlücke beim Karmelitermarkt führte, erzählt von den schrägen Blicken der Kollegen, als er verkündete, in Wurst machen zu wollen. Ob das nicht ein gar krasser Abstieg sei. „Aber ich setze hier mehr um als in meinem Restaurant“, sagt er, „und es macht mir riesigen Spaß“.


Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Ausnahmsweise lesen Sie diesen Artikel kostenlos. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement oder testen Sie uns vier Wochen lang kostenfrei.

Neuschlers Standel mit dem programmatischen Namen Alles Wurscht ist natürlich kein normaler Würstelstand. Er ließ ihn von einem Spezialisten für Profi-Küchen planen, er hat eine Schankanlage, deren drei Zapfhähne Bier, Soda und Frizzante spenden, er bezieht die Würste von vier verschiedenen Fleischhauereien, zwei davon aus Wien, und, Achtung, jetzt wird’s hipster, bei diesem Würstelstand steht Fermentiertes hoch im Kurs. Statt Krautsalat gibt’s Kimchi, statt Essiggurkerl milchsauer vergorene Radieschen.

Das ist erstens lässig und zweitens sorgt es dafür, dass hier auf einmal Menschen auftauchen, die offenbar noch nie zuvor bei einem Würstelstand waren.

Und ganz genau wissen wollen, wie lange und bei welcher Temperatur die Pfefferoni fermentierten, bei der Gelegenheit auch ein bisschen über ihre eigenen Fermentations-Erfahrungen erzählen … Mündige Konsumenten, großartig, aber halt mitunter nervig, wenn dahinter die Schlange länger wird.

Sebastian Neuschler und seine Leute stehen Rede und Antwort, während sie braten, arrangieren, kassieren, Ausgeschüttetes aufwischen, erläutern ihre Bio-Philosophie, weisen darauf hin, dass Brot und Gebäck von Öfferl und aus Sauerteig sind, entschuldigen sich dafür, dass Currywurst mit Fermentiertem, Curry-Ketchup und Koji-Curry-Powder gerade aus ist.

Oder erzählen, dass die Weckerln für ihre Bosna mit Miso gebacken würden, was sie besonders knusprig mache, dass da auch fermentierter Jungzwiebel hineinkomme, und mit reichlich Stolz: „Die Leute sind völlig fertig, dass da auf einmal so viel Geschmack ist.“

Abgesehen davon, dass die Käsekrainer der Weinviertler Fleischerei Scheiterer wirklich extrem gut ist (€ 4,70), hat Alles Wurscht auch interessante Alternativen zur gefüllten Haut anzubieten.

Zum Beispiel Calamari fritti oder getrüffelte Krautfleckerln oder sogar exzellentes Beef tatar (zwei Drittel Filet, ein Drittel Rinderbrust) mit Senf-Mayonnaise und getoastetem Brioche (€ 10,90). Und das beim Würstelstand! Sei alles immer sehr schnell weg, erfährt man.

ANZEIGE

Resümee:

Ein richtungsweisender Würstelstand, bei dem sich jemand ernsthaft den Kopf über Qualität zerbrochen hat. Und über das Lustprinzip der guten Wurst.

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann abonnieren Sie jetzt und bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Alle Artikel der aktuellen Ausgabe finden Sie in unserem Archiv.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!