"Mir macht das echt Angst"

Wie ist das, wenn einem die Stadt Wien horrende Schadenersatzforderungen androht? Tina (13) und Rosa (14), die sich bei den Stadtstraßen-Protesten beteiligt haben, erzählen.

Martin Staudinger
FALTER.MORGEN, 14.12.2021

Schülerin Rosa (14): „Ich habe nicht geglaubt habe, dass ich jemals so eine E-Mail bekommen würde.“ © privat

Der Schock ist ihnen noch anzumerken: Ende vergangener Woche haben die 14-jährige Rosa und die 13-jährige Tina (Name geändert, sie möchte anonym bleiben) im Auftrag der Stadt Wien von der Anwaltskanzlei Jarolim Partner Schadenersatzdrohungen bekommen, weil sie sich an den Protesten gegen die Stadtstraße beteiligt haben. Hier erzählen sie, wie sie den Einschüchterungsversuch erleben. Aufgrund des jugendlichen Alters der beiden wurden die Interviews schriftlich geführt.

Wie war das, als ihr den Brief vom Anwalt bekommen habt?

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Tina: Eigentlich wollte ich am Abend nur schnell in der Mailbox schauen, ob mein PCR-Testergebnis schon da ist – stattdessen habe ich den Brief des Anwalts gefunden.

Rosa: Ich war komplett geschockt. Ich habe gedacht, ich hab mich verlesen, weil ich nicht geglaubt habe, dass ich jemals so eine E-Mail bekommen würde. Ich habe Angst gehabt, weil mir dafür, dass ich mich für meine Zukunft einsetzte, rechtliche Schritte angedroht wurden. Ich wusste zwar, dass einige Aktivistinnen und Aktivisten auch Drohungen bekommen haben. Aber ich habe nicht damit gerechnet, selbst eine zu erhalten – ich bin ja noch nicht einmal strafmündig.

Was habt ihr dann als erstes getan?

Tina: Den Brief ungefähr zehnmal durchgelesen habe, um wirklich zu realisieren, dass ich gemeint bin. Dann bin ich zu meinen Eltern gegangen. Die waren ebenfalls sehr geschockt und entsetzt darüber, dass eine 13-Jährige ein Anwaltsschreiben bekommt. Danach habe ich die Lena Schilling angerufen. Sie war ebenfalls geschockt, obwohl sie auch selber betroffen ist.

Rosa: Ich habe den Brief und die Email ungefähr fünf Minuten angestarrt und versucht zu verstehen, was das für mich bedeutet. Als der Schock sich dann etwas verflüchtigt hat, habe ich sofort Lena angerufen und bin dann gleich in einen Rechtshilfe-Call gekommen.

Erzählt bitte einmal, was ihr mit den Stadtstraßenprotesten zu tun habt.

Tina: Ich bin seit ungefähr einem Jahr im Aktivismus tätig und engagiere ich mich für meine Zukunft, weil ich will, dass wir auch in 50 Jahren noch eine lebenswerte Welt haben. Weil wir die aber nicht haben werden, wenn wir so weiter machen wie jetzt, will ich, dass die Politik handelt. Die Stadt Wien hat versprochen, bis 2040 klimaneutral zu werden und baut trotzdem neue Straßen, die wiederum mehr Verkehr und mehr Emissionen bringen. Deswegen war es von Anfang an für mich klar, dass ich gegen die Stadtstraße und auch den Lobau-Tunnel bin.

Rosa: Ende des Sommers hat das Protestcamp in Hirschstetten angefangen, und ich bin durch den Jugendrat dort hingekommen. Seitdem setzte ich mich gegen das Projekt ein. Nach der Schule bin ich statt nach Hause zum Camp gefahren und habe dort meine Hausaufgaben erledigt und geholfen, wenn irgendwas zu tun war – zum Beispiel beim Kochen helfen und mit Anrainerinnen und Anrainern reden.

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Sei ihr oft bei der Baustellenbesetzung?

Tina: Ich versuche, im angemeldeten Protestcamp zu sein, so oft ich kann, um das Anliegen zu unterstützen – zum Beispiel, indem ich Essen vorbeibringe. Das Tolle ist, dass wir alle zusammenarbeiten und zusammenhalten –egal ob man auf den Baustellen ist, im Camp oder auf der Straße.

Rosa: Beim Protest gibt es viele Aufgaben, die zu erledigen sind: Ich bastle gern, und hab’ deshalb vor allem Schilder gemalt. Und außerdem viel Kuchen gegessen, den uns Anrainerinnen und Anrainer gebracht haben.

Habt ihr schon einmal im Camp übernachtet?

Tina: Leider nicht, weil meine Eltern das nicht wollen. Aber ich war in den ersten Wochen der Sommerferien von der Früh bis zum Abend da. Während der Schulzeit geht das leider nur am Nachmittag und am Wochenende.

Rosa: Zweimal am angemeldeten Protestcamp. Wegen der Schule konnte ich leider nur am Wochenende dort übernachten. Aber mir war es sehr wichtig dabei zu sein, weil mir die Auswirkungen der Klimakrise Angst machen und ich was dagegen tun will.

Habt ihr sonst irgendwelche Widerstandshandlungen gesetzt?

Tina: Mir ist es wichtig, meine Stimme zu erheben, deswegen bin ich auch beim Jugendrat aktiv. Dort haben wir auch viele Aktionen gemacht, um auf das Thema aufmerksam zu machen, wie zum Beispiel eine Schilderaktion, bei der wir 150 Schilder fürs Protestcamp in der Stadt aufgehängt haben. Aber ich integriere den Widerstand auch in meinen Alltag, indem ich zum Beispiel mit Freundinnen und Freunden darüber rede.

Rosa: Diesen Freitag habe ich gegen den Bau der Stadtstraße in der Schule gestreikt und an Demos gegen das Projekt teilgenommen, so wie ganz viele anderen. Ich finde, wir müssen Widerstand leisten, wenn die Politik die Klimakrise nicht ernst nimmt. Es geht um die Zukunft von uns und den nächsten Generationen.

Auf Twitter machen sich Leute Gedanken darüber, ob ihr eh die Schulpflicht nicht verletzt.

Tina: Mir persönlich ist Schule sehr wichtig. Bisher habe ich aufgrund meines Engagements noch keine einzige Stunde versäumt. Ich weiß, dass ich für die gute Zukunft, für die ich kämpfe, Bildung brauche. Deswegen mag ich das Klischee von „Schulschwänzer*innen“ auch nicht: Es unterstellt einer ganzen Bewegung etwas, was größtenteils nicht stimmt.

Rosa: Naja, wie gesagt: Ich bin oft nach der Schule zum Camp gefahren und habe dort Hausaufgaben gemacht. Aber ich finde ich es seltsam, dass es jemanden beschäftigt, ob ich immer brav in die Schule gehe – aber nicht, dass die Klimakrise unsere Zukunft zerstören wird.

Habt ihr eine Erklärung dafür, wie die Anwaltskanzlei zu deinen Daten gekommen ist?

Tina: Ich schätze, dass sie mich bei einer schnellen, aber nicht sehr sorgfältigen Internetrecherche gefunden haben. Sonst hätten sie, hoffe ich wenigstens, mich und die andere Aktivistin nicht angeschrieben: Ich kann nicht verstehen, warum man Kindern mit Millionenklagen droht.

Rosa: Nicht wirklich, ich bin sehr verwirrt, warum sie mich angeschrieben haben. Sie werden mich vermutlich über Instagram gefunden haben. Trotzdem kann ich nicht verstehen, warum mir mit Schadensersatzklagen gedroht wird. Und warum es einer der mächtigsten Politiker in diesem Land nötig findet, mir sowas zu schicken. Mir macht das echt Angst.

Was befürchtet ihr jetzt?

Tina: Dass ich meinen Aktivismus nicht mehr so fortführen kann wie jetzt, weil sich meine Eltern Sorgen um mich machen. Außerdem habe ich Angst, dass die Drohbriefe dem ganzen Protest schaden könnten.

Rosa: Ich habe keine Ahnung, was jetzt passieren wird und was das alles für mich bedeutet. Aber ich hoffe, dass die Stadt das zurücknimmt. Was mich ein bisschen beruhigt ist, dass ich weiß, dass ich mich auf meine Familie und meine Freunde verlassen kann.

Ihr habt wahrscheinlich bislang keinen Anwalt gehabt. Müsst ihr euch jetzt einen nehmen?

Tina: Wir haben bisher gemeinsam mit allen anderen Betroffenen eine rechtliche Beratung durch einen Anwalt in Anspruch genommen. Und es gibt viele Leute aus der Rechtshilfe, die uns unterstützen. Also ja, ich habe schon Kontakt mit einem Anwalt aufgenommen, jetzt werden wir aber noch schauen müssen, wie sich alles weiterentwickelt.

Rosa: Ich wurde nicht angeklagt, aber ich werde in den nächsten Tagen noch mit Rechtshilfe-Fachleuten reden und mich anwaltlich beraten lassen. Mit 14 hat man ja keine Erfahrung mit juristischen Verfahren.

Was sagen eure Eltern zu der ganzen Sache?

Tina: Meine Eltern sind geschockt und können es nicht nachvollziehen, warum die SPÖ über ihre Anwälte Kindern Drohbriefe schickt. Sie stehen natürlich hinter mir, aber sie sind natürlich auch besorgt, da eine Millionenklage definitiv nicht lustig ist.

Rosa: Sie verstehen nicht, wie es sein kann, dass ich mit 14, einen Drohbrief von der Stadt Wien bekomme. Sie haben aber davor schon von meiner Freundin gehört, die 13 ist und einen Tag zuvor so einen Brief bekommen hat. Ich hoffe, ich darf weiter politisch aktiv sein.

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