NACHSPIEL

Die Kulturkritik der Woche

Die Mailänder Scala eröffnete mit Verdis "Macbeth" die Opernsaison. Arte übertrug das Spektakel

Miriam Damev
Feuilleton, FALTER 50/21 vom 15.12.2021

Macbeth und Banco metzeln im Wald ein paar Kämpfer nieder, dann gelangen sie in eine Stadt, die an Gotham City erinnert. Die Fahrt dorthin wird auf eine Leinwand projiziert. Spiegelungen und sich optisch aufrollende Wolkenkratzer vermitteln den Eindruck, als wäre man in Christopher Nolans Film "Inception" gelandet.

Regisseur Davide Livermore inszeniert Giuseppe Verdis mörderisches Drama "Macbeth" (Arte) als spektakuläres, kinematografisches Multimediaevent, inklusive Videoprojektionen, Spiegelwänden, unterschiedlichen Kameraperspektiven, Treppen und einem vergitterten Aufzug ins Nichts. Einige dieser Spezialeffekte sind jedoch dem Publikum vor den Bildschirmen vorbehalten. Die Besucherinnen und Besucher in der Scala mussten darauf verzichten.

In einem Wolkenkratzer residieren Macbeth (Luca Salsi) und seine Whiskey trinkende "Lady" Anna Netrebko, die mit rot lackierten Fingernägeln, rotem Lippenstift und rotem Kostüm samt goldenen Schulterklappen etwas von der philippinischen Diktatorenwitwe Imelda Marcos hat. Ihre Verwandlung von der skrupellosen Thronanwärterin zu einer dem Wahn verfallenen Frau ist schlichtweg genial; souverän meistert sie sämtliche Stimmlagen, von den mezzosopranistischen Tiefen bis zu schwindelerregenden Höhen.

Eine Klasse für sich ist der singende und schauspielende Chor, in dessen Mitte die Hexen mit ihren ruckartigen Bewegungen an die Untoten aus "The Walking Dead" erinnern. Livermore versucht erst gar nicht, in den Stoff etwas Neues hineinzuinterpretieren. Die Inszenierung lebt von den gewaltigen Bildern. Das Ergebnis ist ein packender dreistündiger Psychothriller.

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