Stadt, Land, Fürst

Jugendstilvillen, Aussichtswarten, feudale Gärten: eine Stadtwanderung durch vier Bezirke von Hütteldorf nach Pötzleinsdorf

Klaus Nüchtern
FALTER:WOCHE, FALTER 50/21 vom 15.12.2021

Die Otto-Wagner-Villa in der Hüttelbergstraße 26. (Foto: Thomas Ledl / CC BY-SA 4.0)

Ich möchte wieder einmal durch das sogenannte Haltertal gehen", meint ein Tarockant zum anderen in Heimito von Doderers Fragment gebliebenem Roman "Der Grenzwald"."Die ganz merkwürdige enorm große Villa", die ihm freilich zunächst als "Maximum an verrückt gewordener roher Geschmacklosigkeit" erschien, hatte es dem Autor dermaßen angetan, dass sie als Schauplatz feststand, noch ehe Personenkonstellation und Handlungsverlauf fixiert waren.

Das Geschmackloseste an dem wuchtig-antikisierenden Jugendstilbau konnte Doderer, als er sich Anfang der 1960er mit seinem letzten Roman befasste, allerdings noch gar nicht kennen, den ganzen Kunstkrempel und Kitsch nämlich, mit dem der Phantastische Realist Ernst Fuchs die in den Jahren 1886 bis 1888 nach Plänen Otto Wagners errichtete Villa adaptiert und zum Privatmuseum umgerüstet hat.

Aber gemach. Noch sind wir gar nicht dort, denn unser Weg führt erst einmal von der Haltestelle Bujattigasse der Linie 49 entlang des Halterbaches vorbei an der wunderschönen Typo eines verfallenen Café-Restaurants und einer architektonisch entgleisten Baptistengemeinde -"Jesus (be)lebt" - zur Hüttelbergstraße. Auf Nr. 26 nun findet man die merkwürdige, enorm große Villa Wagner I, zwei Nummern weiter die um ein Vierteljahrhundert jüngere und auf klare Kante konzipierte Villa Wagner II.

Genau zwischen den beiden Gebäuden schlagen wir uns in den Wald und stapfen freestyle hügelan, wofür solides Schuhwerk mit rutschfester Sohle dringend empfohlen sei. Wir queren eine Wiese mit prächtigem Panoramablick, der uns noch einmal Otto Wagner (Kirche am Steinhof), aber auch den Schlot der Müllverbrennungsanlage Flötzersteig oder die Skyline von Wienerberg und Alterlaa beschert, bis wir den Gallitzinberg erklommen haben.

Hier, auf einer Seehöhe von 449 Metern, könnte man noch einmal 31 Meter drauflegen, wenn wir uns - wie einige anarchische Ausflügler -nix pfeifen, aber der gesetzesfürchtige und höhenängstliche Wanderwart hält sich selbstverständlich an die Wintersperre der Jubiläumswarte und bewundert vom Boden aus die elegante Stahlund Betonspindel, die 1956 nach den Plänen des Holzmeister-Schülers Hermann Kutschera fertiggestellt und eröffnet wurde. Die schneeüberzuckerten Hänge der Mostalm kann man auch von hier aus sehen, und für den Ötscherblick ist es vermutlich ohnedies zu diesig.

Vorbei an der Waldschule Ottakring, an deren Ostfront verschämt ein Beispiel nicht unbedingt top-woker Kettensägenschnitzkunst abgestellt wurde, geht es kreuzeichenwiesenwärts wieder runter. Das Wandereraufkommen an diesem Marienfeiertag ist mitteldicht. Unvermeidlich auch die Tagediebe und Tunichtgute, die auf ihren gotteslästerlichen Mountainbikes bergan keuchen und bergab rattern. Peter Handke ihnen an den Hals gewünscht! Dem Kleiber ist's vermutlich wurscht, er ist ein Vogel ohne Sorgen, er pfeift und zwätscht, als gäb's kein Morgen.

Angekommen im nächsten Tal, haben wir schon wieder den Bezirk gewechselt, befinden uns nun in Neuwaldegg, in Hernals und in adeligen Gefilden. Der erste englische Landschaftsgarten Österreichs (Wiki-Wissen rules!) befand sich einst im Besitz des Feldherrn Franz Moritz von Lacy und gehört heute der Fürstenfamilie Schwarzenberg. Man könnte nun die Promenade nach Südosten zur Endstation des 43ers gehen, aber wir sind 41er-fixiert, er wird uns ebenfalls zum Schottentor bringen. Also nehmen wir das Grabmal des Grafen Lacy auch noch mit, überqueren die Höhenstraße und halten gen Osten auf den vierten Bezirk zu, den wir auf diesem Spaziergang betreten werden, den 18. nämlich.

Sobald die Gastronomie auch in Wien wieder öffnet, kann man sich hier in Westwähring im Steirerstöckl zu Tisch setzen und ein breiteres Labeangebot nutzen als Apfelpunsch und Kastanienreis, aber wir haben es jetzt ohnedies ein bissl trabig und steuern den Pötzleinsdorfer Schlosspark an. Ja, schon wieder englischer Landschaftsgarten, historisch, aber um ein Alzerl jünger als jener der Schwarzenbergs, dafür botanisch und biologisch etwas glamouröser - dank Mammutbäumen und Streichelzoo.

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Gruselige Koinzidenz: Vor genau 140 Jahren, am 8. Dezember 1881, kamen beim Brand des Wiener Ringstraßentheaters fast 400 Menschen zu Tode. Die Skulpturengruppe des sogenannten "Singenden Quartetts", das die Attika des von Emil von Förster - im Übrigen der Opa des Kybernetikers Heinz von Foerster und des Jazzers Uzzi Förster - erbauten historistischen Theaters zierte, steht heute im Pötzleinsdorfer Schlosspark.

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LOCKDOWN-SPAZIERGANG #3

Der stets kregele Kleiber blickt auf eine Skulptur des vor 140 Jahren abgebrannten Ringstraßentheaters, die heute im Schlosspark Pötzleinsdorf steht. Die Otto-Wagner-Villa in Penzing wurde durch die Kunst Ernst Fuchs' nicht eleganter, und die Jubiläumswarte bringt Ottakring auf ganze 480 Meter Seehöhe

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