Straße? Stadt? Nicht mit mir!

Der Untertitel zu Elfriede Jelineks Stück "Licht im Kasten" ist, wie oft bei Jelinek, einfach so hingeworfen. Doch trifft der Wurf. Er trifft zu – auch auf jenes Drama, das aktuell im Osten der Wiener Donaustadt gespielt wird.

Johannes Fiedler
20.12.2021

Die Seestadt Aspern, in vielen Aspekten ein Vorzeigeprojekt der Wiener Stadtplanung, leidet an einem Geburtsfehler – sie ist eine Insel. Durch breite Abstandsflächen schottet sie sich von ihrer Umgebung ab. Die Bebauung wendet sich nach innen. Was in ihrer frühen Entstehung zur Vermeidung von Konflikten mit der umliegenden suburbanen Bewohnerschaft ausgedacht worden ist, wird nun immer mehr zum Problem. Schon vor der Entscheidung zum Masterplan im Jahr 2007 stand fest, dass das neue Stadtviertel nur an drei Punkten an das Straßennetz des 22. Bezirks angebunden wird: einmal im Südosten, seitlich am GM-Werk vorbei, und zweimal im Norden, an eine Straße, die parallel zur Ostbahn verlaufen sollte. Für ein Gebiet, in dem 20.000 Menschen wohnen und weitere 20.000 arbeiten sollen, mutet das seltsam an. Nimmt man ein inneres Stadtgebiet mit ähnlichen Zahlen, also irgendwo in Meidling oder Favoriten, so hat man dort im Schnitt alle hundert Meter eine Straßenanbindung. Was ist da passiert?

Man hat das Projekt am ehemaligen Flugfeld Aspern von Anfang an als eine Satellitenstadt ausgelegt, und man hat versucht, diese Tatsache mit einem neotraditionellen Grundriss und einem kleinteiligen Produktionsmodus zu überdecken. Man hat Baugruppen eingeladen und experimentelle Bauformen zugelassen, man hat viel in die Gestaltung des öffentlichen Raums und in die Belebung der Sockelzonen investiert. Man hat viel getan, um den Bewohnerinnen und Bewohnern das Gefühl zu geben, sie wohnten in einer richtigen Stadt – mit U-Bahn, Hochhäusern, Parks und Plätzen. Auf der kognitiven Ebene hat das durchaus funktioniert. Strukturell ist die Seestadt, wie sie heute erlebt werden kann, jedoch eine Trabantenstadt reinsten Wassers – angebunden über ein Stichgleis der U2, mit dem Auto nur über die Ostbahn-Begleitstraße über die Zufahrt zum GM-Werk erreichbar – für Eingeweihte mit Navi. Eine räumlich wahrnehmbare Anbindung an den Bezirk Donaustadt und an die umliegenden alten Ortskerne hielt man für entbehrlich.

Unter der ungenügenden Straßenanbindung leidet die Entwicklung der Seestadt von Anfang an. Die Umweltverträglichkeitsprüfung, die vor Beginn der Bautätigkeit durchgeführt worden ist, ergab, dass bis zum Vorhandensein einer leistungsfähigen Erschließungsstraße nur ein Teil des geplanten Bauvolumens umgesetzt werden kann. Grund: die vorhandenen Zufahrtsstraßen dürfen durch das Projekt nicht über ein gewisses Maß hinaus zusätzlich belastet werden. Diese Einschränkungen behindern nicht nur die Entwicklung der Wohnbauten in der Seestadt, sondern stellen vor allem für die Ansiedlung von Betrieben ein großes Hindernis dar. Dabei geht es weniger um die faktische Einschränkung bei der Zufahrt, sondern vor allem um die Tatsache, dass sich in diesem autogerechten Umfeld kein größeres Unternehmen einen neuen Standort ohne Autobahnanbindung antun möchte. Denn das ist die Logik der Betriebsansiedlung: Wer sich nicht in Autobahnnähe befindet, ist nicht auf der wirtschaftlichen Landkarte.

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