Zukunftsvisionen Teil 2: „Im Großen und Ganzen kommen wir mit der Hitze gar nicht so schlecht zurecht“

Wie sieht die Welt in zehn Jahren aus? Wir haben fünf Personen unter 30 gebeten, sich auszumalen, wie es ihnen am Beginn des Jahres 2032 geht.

Johannes Herpell
FALTER.MORGEN, 04.01.2022

Johannes Herpell im Labor © privat

Johannes Herpell (28) ist Mikrobiologe und arbeitet an Bakterien, die künftig Pestizide ersetzen sollen. Hier malt er sich den 04. Jänner im Jahr 2032 aus:

Es ist wärmer geworden, keine Frage: An eine Silvesternacht mit Schnee kann ich mich sowieso nicht mehr erinnern, Neujahr unter zehn Grad Plus habe ich zumindest noch in jüngeren Jahren miterlebt. Der Klimawandel macht sich in unterschiedlichen Regionen unterschiedlich intensiv bemerkbar. Wien mit seinem bereits etwas kontinentalen Klima spürt die steigenden Temperaturen aber deutlich. Das hat neben vielen negativen auch ein paar positive Auswirkungen – zum Beispiel ist die Umgebung der Stadt zu einem Top-Weinbaugebiet geworden.

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Im Großen und Ganzen kommen wir hier mit der Hitze gar nicht so schlecht zurecht. Das liegt vor allem daran, dass die Stadt ab Mitte der 2020er-Jahre entschlossen darauf reagiert und die Bevölkerung mitgemacht hat. Die Zahl der Autos ist deutlich zurückgegangen, der öffentliche Raum, der dadurch freigeworden ist, wurde genutzt – Asphalt- und Betonflächen wurden aufgebrochen und begrünt. Das kühlt die Luft herunter, spendet Feuchtigkeit und macht auch Sommer erträglich, in denen die Temperatur auf 40 Grad und mehr steigt. Außerdem ist es dem Stadtbild zuträglich.

Seit Anfang 2022 ist die Bevölkerung weitergewachsen: Weltweit und auch in Wien. Auch das hat dazu beigetragen, die Stadt grüner zu machen. Um mit dem steigenden Nahrungsbedarf Schritt halten zu können, nutzt die Landwirtschaft jede denkbare Fläche – Gemüse wird beispielsweise in urbanen Ballungsräumen auf Dächern oder mittels Vertical Farming angebaut, also ganzjährig nutzbaren Feldern in offenen Gebäudekomplexen.

Meine wissenschaftliche Arbeit beschäftigt sich mit Symbiosen. Ich forsche an Bakterien, die auf oder in Pflanzen leben und sie verteidigen, ihnen mehr Nährstoffe zukommen lassen, sie resistenter gegen Hitze und Trockenheit machen. Die Fortschritte in dem Feld haben dazu geführt, dass wir Anfang der 2030er-Jahre weitgehend auf den Einsatz von Pestiziden verzichten können.

Eine positive Entwicklung des vergangenen Jahrzehnts war auch, dass der Einsatz von Gentechnik deutlich an Akzeptanz gewonnen hat. Aus biologisch versierter Perspektive kann es viel Sinn machen, die genetische Veränderung von Pflanzen zuzulassen, um gesündere, proteinreichere oder schmackhaftere Nahrungsmittel zu erzeugen. Und das ist möglich, ohne die Stabilität von Ökosystemen in Gefahr zu bringen. Inzwischen sind Bio-GMO – also biologisch nachhaltige genetisch modifizierte Organismen – weit verbreitet.

Die Covid-19-Pandemie der 2020er-Jahre hat viel Leid verursacht, gleichzeitig aber auch zahlreiche Neuerungen angestoßen. Vor einigen Wochen bin ich mit Halsschmerzen und Fieber aufgewacht. Vor zehn Jahren hätte ich mich noch zu meinem Hausarzt ins volle Wartezimmer setzen müssen, um eine Diagnose, eine Therapie und eine Krankschreibung zu bekommen. Jetzt ist das anders: Ich schnappe mir einen Universal-PCR-Test, der für alle gängigen Infektionskrankheiten einsetzbar ist und den jeder zuhause auf Vorrat hat, gurgle und gebe die Probe im nächsten Supermarkt ab. Ein paar Stunden später kommt das Ergebnis – meine Halsschmerzen sind auf eine bakterielle Entzündung zurückzuführen. Der Test erkennt aber nicht nur die Ursache, sondern auch das Ausmaß der Erkrankung. Im Befund sind gängige Antibiotika aufgelistet, und er gilt auch als Rezept, das ich in der Apotheke einlösen kann. Meine Hausärztin brauche ich nicht zu konsultieren. Derartige Tests für banale Infekte entlasten das Gesundheitssystem. Dass die Mediziner dadurch mehr Zeit haben, sich um Patientinnen und Patienten mit mehr Betreuungsbedarf zu kümmern, hatte eine unverhoffte positive Nebenwirkung: Voodoo-Methoden wie Homöopathie hatten ihre Attraktivität auch aus dem Gegensatz zu einem überlasteten, durchökonomisierten Gesundheitssystem bezogen. Inzwischen haben sie auch deshalb an Bedeutung verloren.

Was sich kaum geändert hat, ist das Wirtschaftssystem. Die neoliberale Spirale dreht sich weiter. Verbesserungen setzen sich nur durch, wenn sie profitabel sind.

Gut, dass einige Kollegen und ich Green Labs Austria gegründet haben – eine Non-Profit-Organisation, die auch auf europäischer Ebene aktiv wurde und sich mit dem Thema Plastik-Recycling beschäftigt. Als wir Anfang der 2020er-Jahre damit begonnen haben, hat sich niemand dafür interessiert, dass es viele unterschiedliche Plastik-Polymere gibt, die nicht einfach gemeinsam wiederverwertet werden können. Einfach gesagt: Polypropylen lässt sich nicht einfach gemeinsam mit Polyethylen einschmelzen und zu einer neuen Plastikflasche machen. Wenn alles erst einmal in der Gelben Tonne liegt, ist es schwer wieder zu trennen. Deshalb wurden die Abfälle entweder verbrannt oder in anderen Weltgegenden exportiert und dort deponiert. Dass Kunststoffe auf diese Art und Weise nur einmal verwendet wurden, hat die Erdölindustrie völlig sinnlos angetrieben und die Umwelt verschmutzt.

Inzwischen ist es gelungen, ein zirkuläres Wirtschaftssystem für Kunststoffe aufzubauen. Dank farblicher Kennzeichnung weiß jeder, welches Plastik er oder sie gerade benutzt und in welchem Container es zu entsorgen ist. Das hat dazu geführt, dass sich die Recycling-Quote vervielfacht hat und entsprechend weniger kaum abbaubarer Abfall die Umwelt belastet. Dass das auch ökonomisch getrieben ist, hat sich in diesem Fall nicht als Nachteil erwiesen.

Nachdem die Covid-19-Pandemie überwunden wurde, hat auch die Mobilität wieder zugenommen. Allerdings auch in geänderter Form. Alle Metropolen Europas sind inzwischen durch Nachtzugverbindungen zu erreichen, die sich als Alternative zu Kurz- und Mittelstreckenflügen durchgesetzt haben. Wer ein Auto hat, fährt in den seltensten Fällen einen Verbrenner. Elektro-Autos sind aber nur eine Alternative unter mehreren – weil die Kapazitäten des Stromsystem nicht für einen kompletten Umstieg auf Strom ausgereicht hätten, wurden auch andere klimaneutrale Treibstoffoptionen serienreif gemacht: Wasserstoff und Biogas. Produziert wird die Energie unter anderem auf Flächen, wo es aufgrund des Klimawandels schwierig geworden ist, Landwirtschaft zu betreiben.

Ja, die Zeit seit 2022 hat viele neue Herausforderungen und Probleme gebracht. Gerade der Klimawandel konnte nicht annähernd im erforderlichen Ausmaß begrenzt werden. Das Tröstliche ist aber: Die Menschheit hat ihr Potenzial, mit existenziellen Schwierigkeiten klarzukommen, nicht verloren, sondern sogar noch erweitert.


Die weiteren Teile unserer Serie der Zukunftsvisionen finden Sie hier:

Teil 5: „Wir lassen einander nicht im Regen stehen, auch wenn der immer seltener geworden ist“
Teil 4: „Ich bestehe nunmal auf mein Auto“
Teil 3: „Es ist kein großes Thema mehr, Migrationshintergrund zu haben“
Teil 1: „Die Kunst hat der Gesellschaft geholfen, die Pandemie zu verarbeiten“

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