Zukunftsvisionen Teil 3: „Es ist kein großes Thema mehr, Migrationshintergrund zu haben“

Wie sieht die Welt in zehn Jahren aus? Wir haben fünf Personen unter 30 gebeten, sich auszumalen, wie es ihnen am Beginn des Jahres 2032 geht.

Fereshta Afzali
FALTER.MORGEN, 07.01.2022

Fereshta Afzali (sie möchte auf dem Foto nicht erkannt werden) © privat

Fereshta Afzali (17) ist Schülerin in Wien. Ihre Eltern sind aus Afghanistan eingewandert, sie wird heuer die Matura machen. Hier malt sie sich einen Tag im Jänner 2032 aus:

Ich bin über die Feiertage nicht dazu gekommen, mich viel auszurasten. Am Ende meiner Schulzeit vor zehn Jahren habe ich noch geschwankt, was ich studieren soll, mich dann aber rasch für meinen Traumberuf entschieden: Ärztin. Jetzt bin ich gerade in der Endphase meiner Ausbildung, und das bedeutet viel Arbeit und lange Dienste.

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Die Medizin hat sich im vergangenen Jahrzehnt sehr verändert. Dass während der Covid-19-Pandemie so intensiv an Viren geforscht wurde, hat viele Neuerungen und Erkenntnisse gebracht. Außerdem arbeiten wir Medizinerinnen noch viel mehr mit künstlicher Intelligenz und Robotern als Anfang der 2020-er Jahre – das hilft mir dabei, Krankheiten besser zu diagnostizieren und zu behandeln. Geblieben ist allerdings die Arbeitsbelastung. Man muss aufpassen, die Balance zwischen Job und Privatleben zu halten.

Meine Eltern sind in den 1990er-Jahren aus Afghanistan nach Österreich gekommen, ich selbst bin hier geboren und aufgewachsen. In den Nuller- und Zehnerjahren war es zeitweise schon schwierig für mich, weil ich nur auf meinen „Migrationshintergrund“ reduziert wurde. Nicht bei meinen Freunden: Die haben mich immer akzeptiert und ein offenes Ohr für meine Sichtweisen und meine Kultur gezeigt. Aber viele Leute haben das anders gesehen, auch aus Ahnungslosigkeit.

Das hat sich inzwischen geändert. In den vergangenen Jahren sind viele Zuwanderer nach Österreich gekommen und haben auch Karriere gemacht. Heute ist es eigentlich kein großes Thema mehr, nicht in Österreich geboren zu sein oder Eltern zu haben, die aus einem anderen Land stammen.

Nach dem Ende der Pandemie ist es wieder möglich geworden, zu reisen. Das habe ich während meines Studiums genutzt, ein Auslandsemester absolviert und dabei die Möglichkeit gehabt, viele Leute zu treffen und viele Kontakte zu knüpfen.

Ich war aber auch mehrmals in Afghanistan, um dort Projekte zu organisieren und voranzutreiben. Leider ist es nicht gelungen, das Herkunftsland meiner Eltern zu befrieden. Dort herrscht immer noch Armut und Gewalt. Das liegt auch daran, dass viele ausländische Mächte Interesse an den Rohstoffen haben, die dort zu finden sind. Ich fürchte, dass Afghanistan nie in Ruhe gelassen wird. Es wandern also immer noch viele Leute von dort aus. Aber nicht nur wegen der Sicherheitslage, sondern auch wegen der Auswirkungen des Klimawandels.

Der macht sich jetzt auch in Österreich bei den Leuten immer heftiger bemerkbar – nicht nur, weil die Temperaturen steigen. Auch, weil es inzwischen spürbare Einschränkungen gibt. Zum Beispiel beim Autofahren, aber auch finanzieller Natur: Wenn man einen zu hohen CO2-Ausstoß hat, zahlt man inzwischen empfindlich viel Steuern. Jetzt rächt es sich, dass nicht früher konkrete und entschlossene Maßnahmen gegen den Klimawandel ergriffen wurden.

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Immerhin wurde auch Wert darauf gelegt, die Stadt grüner zum machen, um die Hitze zu bekämpfen, die in Ostösterreich besonders stark gestiegen ist. Wien bleibt aber trotzdem ein Anziehungspunkt. Die Bevölkerung wächst weiter und ist im Vergleich zum Jahr 2022 noch bunter geworden. Ich habe es geschafft, so viel Geld beiseite zu legen, dass ich mir eine nette Wohnung leisten kann. Auf’s Land ziehen kommt für mich jedenfalls nicht in Frage: Ich bin und bleibe ein Wiener Stadtkind.


Die weiteren Teile unserer Serie der Zukunftsvisionen finden Sie hier:

Teil 5: „Wir lassen einander nicht im Regen stehen, auch wenn der immer seltener geworden ist“
Teil 4: „Ich bestehe nunmal auf mein Auto“
Teil 2: „Im Großen und Ganzen kommen wir mit der Hitze gar nicht so schlecht zurecht“
Teil 1: „Die Kunst hat der Gesellschaft geholfen, die Pandemie zu verarbeiten“

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