Starker Start ins Wiener Kunstjahr 2022

Mit einem bunten Strauß an Ausstellungen bieten die Wiener Museen dem grauen Jänner die Stirn. Während historische Präsentationen wie „Josef Hoffmann“ oder „Die Wiener Rothschilds“ ob ihrer Dichte halbe Tage ausfüllen, ziehen die Soloshows von Wolfgang Tillmans, Belinda Kazeem-Kamiński und Ugo Rondinone atmosphärisch in den Bann. Bald folgen der Surrealist Salvador Dalí sowie Popkünstler David Hockney

Nicole Scheyerer
FALTER:WOCHE, FALTER 02/22 vom 11.01.2022

Unter dem Titel „Schall ist flüssig“ versammelt Wolfgang Tillmans im Mumok Arbeiten, die bis in seine frühe Jugend zurückreichen. (Foto: Galerie Buchholz/Maureen Paley/Zwirner)

Wolfgang Tillmans. Schall ist flüssig

Unter dem Titel „Schall ist flüssig“ versammelt Wolfgang Tillmans im Mumok Arbeiten, die bis in seine frühe Jugend zurückreichen. Das Ausstellungssujet „Mond in Erdlicht“ schoss der deutsche Fotokünstler bereits mit zwölf Jahren. Seinem Faible für Himmelserscheinungen blieb er bis heute treu. Zu Tillmans’ berühmtesten Bildern zählen jedoch die im Umfeld von Club- und Ravekultur entstandenen Porträts, Szenefotos und Stillleben. Heutzutage fällt besonders die Hellsichtigkeit auf, mit welcher der Künstler, der seinen Partner Jochen Klein 1997 durch Aids verloren hat, körperliche Verletzlichkeit, Ausgesetztheit und Endlichkeit einfing. Auch seine abstrakt anmutenden Aufnahmen vermitteln eine Art von Spiritualität. Es gehe ihm um die „Randbereiche des Sichtbaren“, betont der 1968 geborene Künstler gerne. In seiner typischen Form der Hängung mixt Tillmans Bildformate von X-Small bis X-Large und fischt sich aus seinen Bildserien, was ihm beliebt. Wer danach Ausschau hält, entdeckt in der Retrospektive viel Politisches, etwa Porträts von LGBT-Flüchtlingen, die Tillmans in einem Lager in Uganda getroffen hat. Im Mumok-Kino läuft die Sound-Video-Installation „Moon in Earthlight“, die zum ersten Musikalbum des Künstlers entstanden ist.


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Bis 24.4. im Mumok


Josef Hoffmann. Fortschritt durch Schönheit

Den „ganzen“ Josef Hoffmann (1870–1956) möchte die Jubiläumsausstellung zum 150. Geburtstag des Architekten und Designers im Mak ausbreiten. In der 1000 Exponate starken Schau wird sein Œuvre sowohl chronologisch als auch in Schwerpunkten aufgerollt. Vor der allumfassenden Gestaltungswut des Wiener-Werkstätte-Gründers war man in Haus und Heim ebenso wenig sicher wie im Sanatorium Purkersdorf (1904/05) oder im 1907 eröffneten Lokal Kabarett Fledermaus. Aber Hoffmann war weniger großbürgerlich orientiert als gemeinhin angenommen. Neu erforscht wurden seine Pläne für Arbeitersiedlungen und Gemeindebauten sowie seine Anbiederung an das NS-Regime.

Bis 19.6. im Mak


Dalí – Freud

Bizarre Fantasien, Abtauchen ins Reich der Träume und der Lüste: Die Surrealisten wollten Botschafter des entfesselten Unbewussten sein und waren fasziniert von Sigmund Freuds Schriften. Der Maler Salvador Dalí (1904–1989) nahm zu seinem Treffen mit dem Psychoanalytiker 1938 in London sogar eines seiner von Freud inspirierten Bilder mit. Nach einer Renovierungspause wird das Untere Belvedere am 28. Jänner mit der Schau „Dalí – Freud“ wiedereröffnet. Die Ausstellung zeichnet nach, wie der Spanier die Theorien von Ödipuskomplex & Co verarbeitete. Kurator und Surrealismus-Kenner Jaime Brihuega bringt auch Dalís Familie und Kindheitserfahrungen ins Spiel. Neben Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen sind Briefe, Fotos und Dokumente zu sehen.

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Ab 28.1. im Unteren Belvedere


David Hockney. Insights

Dass die Pop-Art ihren Ursprung in England hat, wissen viele nicht. Der Künstler David Hockney zählte zu den Ersten, die Anfang der 1960er-Jahre der farbstarken Figuration den Weg bereiteten. Ab 10. Februar bringt das Kunstforum zentrale Gemälde aus der Londoner Tate Britain zu einer Personale nach Wien. Zum Star wurde der heute 84-jährige Maler mit Gemälden von Swimmingpools, die Homoerotik unter der Sonne Kaliforniens andeuten. Hockney lebte selbst mehrere Jahre in Los Angeles. Die Ausstellung „David Hockney: Insights“ blättert andere Seiten seines Schaffens auf, etwa das parodistische Frühwerk „My First Marriage“ von 1962, das Expressivität und Abstraktion vermählt. Zu seinen eigenen Ursprüngen kehrte der Brite mit Landschaften Nordenglands und in Porträts wie „My Parents“ zurück.

Ab 10.2. im Kunstforum


Ana Hoffner ex-Prvulovic* & Belinda Kazeem-Kamiński

Die Kunsthalle Wien spannt derzeit zwei gesellschaftskritische Positionen als Duopack zusammen. Eine lange Wand trennt die beiden dunkel gehaltenen Soloshows von Ana Hoffner ex-Prvulovic* und Belinda Kazeem-Kamiński. Beide Künstlerinnen wurden 1980 geboren und arbeiten vor allem mit Fotografie und Video. Ana Hoffner betont mit dem Suffix-Nachnamen ihre serbische Herkunft. Ihre Werkreihe „Private Views“ legt offen, wie schmutziger Kapitalismus sich in der Sphäre der Kunst reinwäscht. Einen tieferen Eindruck hinterlässt Kazeem-Kamińskis Schau, die kolonialen Spuren in Österreich nachgeht. In ihren vielschichtigen Installationen wird etwa an die Afrikanerin Yaarborley Domeï erinnert, die 1896 als Teil einer „Völkerschau“ im Prater ausgestellt wurde und ihre Erfahrungen in einem offenen Brief an die Wiener Bevölkerung zum Ausdruck brachte.

Bis 6.3. in der Kunsthalle Wien


Ugo Rondinone. Akt in der Landschaft

Eine stimmungsvolle Schau, wie geschaffen für unsere Zeit: Der Schweizer Ugo Rondinone bespielt die große Halle des Belvedere 21 mit einer Gruppe von Wachsfiguren, die nackt und mit geschlossenen Augen auf dem Boden sitzen. Die Vorlage für diese lebensgroßen Wachsabgüsse boten Tänzerinnen und Tänzer während einer Ruhepause. Nicht nur die spezielle Machart der „Nudes“ fasziniert, sondern auch das Setting. Der 1964 geborene Künstler hat hohe, erdige Raumtrenner errichtet und beschert seiner Ausstellung „Akt in der Landschaft“ durch graue Folie an den Glaswänden spezielle Lichtstimmungen. Burnout und Melancholie des Lockdown-Modus trifft auf neoromantische Innerlichkeit – I feel you!

Bis 1.5. im Belvedere 21


Die Wiener Rothschilds. Ein Krimi

Ihr Name wird als Code für die „jüdische Weltverschwörung“ missbraucht: Der unglaubliche Aufstieg, den die Familie aus dem „Haus zum Rot(h)en Schilde“ im Frankfurter Ghetto schaffte, brachte ihr antisemitischen Hass sondergleichen ein. Eine erhellende Schau im Jüdischen Museum porträtiert den Wiener Familienzweig. Von seinen fünf Söhnen schickte Mayer Amschel Rothschild Salomon in die Donaumetropole, wo er eine Bank (die spätere Creditanstalt) gründete sowie den Eisenbahnbau und die Industrialisierung visionär vorantrieb. Zum karitativen Einsatz zählte die Gründung des Rothschildspitals. Parallel zur Erfolgsstory erzählt die Schau von dem Hass, den die Rothschilds ernteten. Den größten „Krimi“ stellt die Verhaftung und Enteignung von Louis von Rothschild 1938 durch die Nazis dar. Aus dem prachtvollen Palais Rothschild, das 1954 abgerissen wurde, ist die große Gartenskulptur einer Sphinx zu sehen.

Bis 5.6. im Jüdischen Museum Wien


Ludwig Wittgenstein. Fotografie als analytische Praxis

Was hatte Ludwig Wittgenstein mit der Fotografie am Hut? Eine aufschlussreiche Schau des Leopold Museums verknüpft derzeit Aufnahmen des Philosophen mit zeitgenössischer Fotokunst. So tritt etwa ein um 1925 entstandenes „Kompositporträt“, welches das Gesicht des Cambridge-Professors mit jenen seiner Schwestern überblendet, in Dialog mit ähnlichen Fotoarbeiten von Thomas Struth oder Katharina Sieverding. Das Herzstück der Schau bildet Wittgensteins Album, in das er vor allem Porträts von Familienmitgliedern oder seiner Partner klebte. Aber auch Architekturaufnahmen des Haus Wittgenstein gewinnen durch die Gegenüberstellung mit modernen Versionen an Bedeutung. Sogar für sein allerletztes Bild auf dem Totenbett gab der 1951 verstorbene Denker noch Anweisungen.

Bis 6.3. im Leopold Museum

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