Fall Leonie: Liefert London den Hauptverdächtigen aus?

Kann Rasuli Z., der Hauptverdächtige im Kriminalfall Leonie, bald in Österreich vor Gericht gestellt werden? Heute fällt dazu im Westminster Magistrate's Court in London eine Entscheidung.

Martin Staudinger
FALTER.MORGEN, 12.01.2022

Sie nennen ihn „Boxer“, und er soll beim Tod der 13-jährigen Leonie eine Hauptrolle gespielt haben: Das Mädchen war im Juni vergangenen Jahres von einer Gruppe junger, afghanisch-stämmiger Männer unter Drogen gesetzt, mehrfach vergewaltigt und sterbend auf einem Grünstreifen im 22. Bezirk abgelegt worden.

Der Fall hat die Öffentlichkeit auf ein hochkriminelles Milieu aufmerksam gemacht, das im FALTER in einer ausführlichen und differenzierten Geschichte folgendermaßen beschrieben wurde: „Eine nicht so kleine Gruppe junger Afghanen streunt durch die Straßen, finanziert sich ihr Leben mit Drogengeschäften und lebt zwischen dem abgelehnten Asylbescheid und der tatsächlichen Ausreise in einer Art Gesetzlosigkeit … Offenbar versprechen sich die jungen Outlaws vom Drogenhandel nicht nur Geld, sondern auch Bekanntschaften junger Frauen. Immer wieder dürften sie Kundinnen in ihre Wohnungen gelockt haben“ (zum Nachlesen gibt es die Geschichte hier).

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Drei Verdächtige wurden unmittelbar nach der Tat in U-Haft genommen, der „Boxer“ hingegen – erst wenige Wochen zuvor aus dem Gefängnis entlassen und wegen zahlreicher Vorstrafen längst nicht mehr in Österreich aufenthaltsberechtigt – schaffte es, zu fliehen. Irgendwie gelang ihm der Weg über den Ärmelkanal nach Großbritannien, wo er mehrere Wochen lang in London untertauchen konnte, bis ihn Zielfahnder am 29. Juli in einem Hotel aufspürten und festnehmen konnten.

Heute, Mittwoch, soll im Westminster Magistrate’s Court in London ein Richter über seine Auslieferung nach Österreich entscheiden. Für den Prozess, in dem der Tod von Leonie aufgearbeitet werden soll, ist das von großer Bedeutung. Der „Boxer“ – mit richtigem Namen Rasuli Z. – dürfte es nämlich gewesen sein, der dem Mädchen eine hohe Dosis von Ecstasy verabreichte, es als Erster vergewaltigte und schlussendlich aus der Tatwohnung brachte. Zumindest hat er das selbst einem Freund gegenüber erzählt.

Jetzt tut eine Anwaltskanzlei in London für Rasuli Z. das, was Anwälte für ihre Klienten legitimerweise tun: Versuchen, ihn herauszupauken. Die Sozietät Five St. Andrew’s Hill bemüht sich, die Auslieferung zu verhindern.

Ihre Argumentation klingt für den juristischen Laien ein wenig kafkaesk. Sie lautet im Wesentlichen: Die Behörden in Wien hätten versucht, Rasuli Z. zu den Vorwürfen einzuvernehmen. Das sei ein Hinweis, dass sich das Verfahren noch im Ermittlungsstadium befinde und erst entschieden werden müsse, ob überhaupt Anklage erhoben wird. Und in diesem Fall sei eine Auslieferung nach geltender britischer Gesetzeslage nicht zulässig.

Bei der österreichischen Justiz kann man diese Sichtweise nicht nachvollziehen: Rasuli Z. gilt als Beschuldigter in dem Verfahren, das im Fall Leonie wegen Vergewaltigung mit Todesfolge geführt wird – und ohne konkrete Verdachtslage hätte es weder eine Festnahmeanordnung noch den europäischen Haftbefehl gegeben, mit dem er gesucht wird.

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Jetzt liegt es jedenfalls an District Judge Michael Snow, darüber zu entscheiden. Einem weitaus prominenteren Häftling als Rasuli Z. gegenüber hat sich der Richter vor nicht allzulanger Zeit komplett unnachgiebig gezeigt: 2019 schmetterte er einen Einspruch gegen die Verhaftung von Wikileaks-Gründer Julian Assange umstandslos ab.

 

 

 

 

 

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