Wissenschafter der Woche: Peter Klimek

Können Sie berechnen, wann die Corona-Pandemie zu Ende ist, Herr Klimek?

ANNA GOLDENBERG
Politik, FALTER 02/22 vom 12.01.2022

Wir können nicht berechnen, wann die Pandemie zu Ende ist. Aber wir modellieren, unter welchen Voraussetzungen wir ein endemisches Szenario erreichen, also wiederkehrende Infektionswellen erleben, die wir nicht mehr als außergewöhnliche Belastung empfinden. Wir können auch berechnen, von welchen Faktoren es abhängt, wie hoch die Wellen sind. Wie sich Varianten weiterentwickeln, beispielsweise, wann die passenden Impfstoffe zur Verfügung stehen oder wie lange die Immunität anhält.

In der Komplexitätsforschung versuchen wir, Systeme zu verstehen, in denen das ganze System mehr ist als die Summe seiner Teile. Es geht darum, wie Einzelteile zusammenhängen. Bei der Pandemie zum Beispiel, da sehen wir Infektionswellen, die kommen und gehen. Wir berechnen, wie das individuelle Verhalten damit in Zusammenhang steht, also die einzelnen sozialen Kontakte, bei denen es zu Ansteckungen kommen kann. Solche Modellierungen werden in der Physik seit über 100 Jahren betrieben, etwa um zu berechnen, wann Wasser gefriert. Neu ist, dass wir für Sozialsysteme bessere Daten haben, um diese Prozesse zu modellieren.

In der Pandemie haben wir zum ersten Mal beobachtet, wie ein hochansteckendes Virus auf eine immunologisch naive Bevölkerung trifft, sich ausbreitet und durch Maßnahmen zurückgedrängt wird. Wir haben gelernt, wie wichtig es ist, Daten zu haben, um Prognosen zu treffen. In Österreich hapert es leider an der Verknüpfung der Daten. Bei Omikron stellt sich etwa die Frage, wie schwer die Verläufe sind, je nachdem, ob man ungeimpft, zwei- oder dreimal geimpft oder genesen ist. Dafür müsste man Daten aus dem Impfpass mit denen des epidemiologischen Meldesystems verknüpfen und diese wiederum mit den Spitalsdaten. Letzteres ist in Österreich nicht möglich. Hätten wir diese Daten, könnten wir viel früher verstehen, worauf sich Spitäler einstellen müssen.

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