"Ich lebe in der Müllverbrennungsanlage"

50 Leute von Wien Energie haben sich freiwillig an ihren Arbeitsplätzen eingesperrt, damit im Omikron-Worst-Case der Strom nicht ausfällt. Wie geht es ihnen dabei?

Eva Konzett
FALTER.MORGEN, 13.01.2022

Sind für vorerst vier Wochen mit Sack und Pack in der Müllverbrennungsanlage Simmeringer Haide eingezogen: Wolfgang Dörfler und Stefan Egger © privat

Wolfgang Dörfler kann jetzt länger schlafen. Vom Bett zum Arbeitsplatz sind es nicht mehr 32 Kilometer Anfahrt mit dem Auto, sondern nur ein paar Schritte über das Werksgelände – 300 Meter, schätzt er. Ein Katzensprung.

Seit Freitag vergangener Woche ist Dörflers Radius auf ein Minimum geschrumpft. Der Wien-Energie-Mitarbeiter ist einer von 50 Männern, die sich in ihren Betriebsstätten kaserniert haben. Grund: die Befürchtung, Omikron könnte so viele Infektionen verursachen, dass die kritische Infrastruktur mangels arbeitsfähiger Menschen zusammenbricht, die Stromversorgung ausfällt, die Stadt zappenduster wird und die Wohnungen kalt bleiben.

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Deshalb hat Wien Energie Isolationszonen in den Müllverbrennungsanlagen Spittelau, Flötzersteig, Simmeringer Haide und im Kraftwerk Simmering eingerichtet, in denen Mitarbeiter vor Covid-19 geschützt sind.

Und deshalb hat Dörfler den Koffer gepackt und ist an seinem Arbeitsplatz in der Sondermüll- und Klärschlamm-Verbrennungsanlage Simmeringer Haide eingezogen. Es ist bereits seine zweite Selbstisolation. Schon im März 2020, während des ersten Lockdowns, hatte die Stadt Mitarbeiter abgeschottet.

Die Öfen in der Simmeringer Haide nehmen alles: Haushaltsmüll, Klärschlamm, Lacke und infektiöser Krankenhausabfälle werden dort bei bis zu 1200 Grad verbrannt. Nur explosive und radioaktive Stoffe gehen nicht. 360.000 Tonnen Müll werden hier jährlich verheizt und produzieren Fernwärme für 52.000 Haushalte.

Insgesamt 19 Männer leben jetzt permanent auf dem Werksgelände, in Fünfbettzimmern – Schnarcher und Nichtschnarcher getrennt – oder in Einzelcontainern. Der 25-jährige Stefan Egger hat sich für letzteres entschieden. Vorteil: Man ist allein. Nachteil: Wer auf die Toilette will, muss über den Werkshof.

Die Zeit der Männer folgt einem strengen Rhythmus: Zweimal hintereinander Tag-, dann zweimal Nachtschicht. Aber auch in den zwei Tagen, die sie anschließend frei haben, dürfen sie die Müllverbrennungsanlage nicht verlassen – denn draußen lauert die Ansteckungsgefahr.

Gegen die Langeweile helfen ein Wuzzler, ein Tischtennis-Tisch, ein Fitnessraum und Kartenspiele; gegen allfälliges Heimweh ein eigener Polster und eigene Bettwäsche. „Das ist dann ein bisschen daham”, sagt Wolfgang Dörfler.

Vorläufig vier Wochen sollen die Männer in der Haide bleiben. Dann wird man sehen, wie sich Omikron entwickelt hat. Ihr Arbeitsalltag ist derselbe geblieben, sie steuern über ein elektronisches Leitsystem die Anlage. Das heißt: Sie sitzen – wie Dörfler sagt – mit „ein paar Mäusen, ein paar Tastaturen und ein paar Reglern vor einer Monitorwand”. Das klingt weniger bedeutsam, als es ist. Immerhin hängt davon die Wärme- und Energieversorgung hunderttausender Menschen ab.

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Wer die Abschottung auf sich nimmt, bekommt Zulagen. Die Außendienstmitarbeiter, die Heizer vor Ort, können am Abend nach Hause fahren. „Wir möchten natürlich auch nicht mehr Kollegen eine Isolation zumuten, als unbedingt notwendig ist”, heißt es von Wien Energie.

Egger hat an diesem Vormittag frei. Heute Abend will er sich mit den Kollegen Chinesisch bestellen. Ein kleines Highlight. Dann gibt es ein Tischtennisturnier. Egger lacht. Wäre das alles nicht so ernst, dann würde es wie ein Schulausflug wirken. Eines ist jedenfalls ebenso strikt wie bei einer Klassenfahrt: In der Anlage herrscht absolutes Alkoholverbot.

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