Der Fall Maestoso

Wirbel um ein sündteuer ausgebildetes Privatpferd in der Spanischen Hofreitschule: Die Staatsanwaltschaft ermittelt, die interne Aufklärung bleibt dürftig.

Eva Konzett
FALTER.MORGEN, 14.01.2022

Im Privatbesitz der Tochter des Aufsichtsratsvorsitzenden der Hofreitschule, aber auf Kosten der Steuerzahler um viel Geld zur höchsten Stufe der Dressur-Reitkunst ausgebildet: Maestoso Fantasca-67 © Spanische Hofreitschule

Was ist das doch für ein schönes Pferd – herausfordernd blickt es dem Betrachter entgegen, mit wachen Augen und graumeliertem Haar: Maestoso Fantasca-67, ein Schulhengst der Spanischen Hofreitschule. Die Aufnahme stammt aus dem Sommer 2019, zwei Monate, bevor die Rechnungsprüfer kamen, monatelang in die Bücher schauten und einen skandalösen Fall aufdeckten – seinen nämlich.

Jahrelang hatten Bereiter der Hofreitschule dieses Privatpferd mit zweifelhaften Besitzverhältnissen zum Schulhengst, der höchsten Stufe der Dressur-Reitkunst, ausgebildet. Gezahlt hat dafür die Allgemeinheit – vielleicht erinnern Sie sich daran, wir haben Anfang Dezember bereits im FALTER und hier im FALTER.morgen über den Fall berichtet.

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Seit Monatsbeginn ermittelt in dieser Causa nun die Staatsanwaltschaft, vermutet wird Untreue. Währenddessen wird in einem vom Eigentümer der Hofreitschule, dem Landwirtschaftsministerium, in Auftrag gegebenen Prüfbericht der Eindruck erweckt, an den Vorwürfen sei eh nicht viel dran. Ein zweiter Blick auf das Papier zeigt freilich: Darin wird eher Weißwaschung betrieben als Aufklärung.

Maestoso Fantasca also, geboren am 25. Februar 2008 im steirischen Bundesgestüt Piber, als Fünfjähriger 2013 an eine niederösterreichische Ärztin um 12.000 Euro verkauft. „Im Rücken sehr lang und überbaut, kurzer Hals“: Mit diesen Worten hatten die Beurteilungskommission den Hengst ausgemustert, außerdem habe Maestoso Fantasca gelahmt. Also „zuchttechnisch nicht relevant“ – und das heißt: Weg damit.

Maestoso Fantasca verblieb aber auch nach der Veräußerung in der Spanischen Hofreitschule, eine Bereiterin bildete ihn gemäß der hauseigenen, nur mündlich überlieferten „Directiven“ aus und gab der Besitzerin zudem Reitstunden in ihrer Dienstzeit. Auf Kosten der Steuerzahler. Maestoso Fantasca war sodann der einzige in der Equipe, der nicht der Republik Österreich gehörte. Das ist das erste Problem.

Das zweite sind die Besitzverhältnisse von Maestoso Fantasca. Die niederösterreichische Ärztin ist die Tochter von Johann Marihart: Er war jahrzehntelang Chef des Zuckerkonzerns Agrana, ist seit 2009 auch Aufsichtsratsvorsitzender der Hofreitschule und damit der oberste Kontrolleur des Geschäftsgebarens dieses Unternehmens. Das hat ihn nicht davon abgehalten, im Namen seiner Tochter den Kauf von Maestoso Fantasca einzufädeln.

Und weil die Spanische Hofreitschule nicht nur eine altehrwürdigen Institution mit 350-jähriger Geschichte ist, sondern formal eine Gesellschaft öffentlichen Rechts und damit im Eigentüm der Republik, deckten die Prüfer des Rechnungshofs Ende Oktober die fragwürdigen Vorgänge um das Privatpferd auf.

An einer Aufarbeitung zeigten die Verantwortlichen wenig Interesse. Die Spanische Hofreitschule hat zwar auf Geheiß der Eigentümerin, also des Landwirtschaftsministeriums, im Namen der Republik eine interne Prüfung durch eine Rechtsanwaltskanzlei und einen Wirtschaftsprüfer angeregt.

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Doch das Ergebnis ist lediglich ein dürrer Bericht, der binnen weniger Tage ausgearbeitet wurde, mit 2. Dezember datiert ist und Mitte der Woche der Presse präsentiert wurde.

Die Rechtsanwaltskanzlei Dorda sieht darin keine groben Rechtsverstöße, eher nur Schlampereien. Auch die Wirtschaftsprüfer wollen keine Probleme erkennen. Alles sei, soweit überprüfbar, „marktüblich“ abgelaufen. Sie meinen damit den Kaufvertrag und den Einstellungsvertrag in den Stallungen der Hofreitschule. Dass es für die Ausbildung eines Pferd zur Hohen Reitschule und die damit einhergehende Wertsteigerung keinen Markt gibt, haben sie geflissentlich übersehen. Dass Marihart als Aufsichtsratschef sehr wohl in den ganzen Deal involviert war, ebenfalls.

Ihre Erzählung geht so: Eine junge, ehrgeizige Bereiterin habe während ihrer Ausbildung das Pferd und sein Potenzial entdeckt und eigenmächtig ausgebildet. Als die Arbeit Früchte trug, habe sie die Geschäftsführung – damals die ehemalige Sacher-Chefin Elisabeth Gürtler und der immer noch amtierende Erwin Klissenbauer – verständigt. Diese hätten das gutgeheißen. Genaueres hat man vertraglich nicht festgehalten. So viel Österreich muss doch möglich sein. In 171 offiziellen Aufführungen ist Maestoso Fantasca als Mitglied des Hengst-Ensembles seit 2016 aufgetreten.

Unterlagen, die dem FALTER.morgen vorliegen, zeigen allerdings, dass die Bereiterin sowohl zur Ausbildung des Hengstes, als auch zur Erbringung der Reitstunden von der Geschäftsführung beauftragt wurde.

Die Staatsanwaltschaft jedenfalls glaubt die Aschenputtel-Geschichte nicht. Sie ermittelt nun wegen Untreue. Und Aufsichtratschef Johann Marihart ist zurückgetreten, „um Schaden vom Unternehmen“ abzuwenden.

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