Das Rattern der Rotoren

Der Musical-Welthit „Miss Saigon“ kommt erstmals nach Wien, inklusive eines drei Tonnen schweren Hubschraubers

Miriam Damev
FALTER:WOCHE, FALTER 03/22 vom 18.01.2022

Das Rattern der Hubschrauberrotoren ist seit der Uraufführung das Markenzeichen von „Miss Saigon“ (Foto: Cameron Mackintosh)

Am 20. September 1989 standen die Menschen in der Drury Lane Schlange. Seit Wochen fieberte das Londoner Publikum der Premiere des Musicals „Miss Saigon“ entgegen. Im Vorverkauf wurde die Acht-Millionen-Dollar-Marke bereits geknackt, die ersten sechs Monate der Produktion waren ausverkauft.

Für die Wiener Erstaufführung gibt es aktuell noch Karten. Nachdem die Premiere pandemiebedingt verschoben werden musste, ist „Miss Saigon“ nun ab 23. Jänner 2022 im Raimund Theater zu sehen.


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Cameron Mackintosh, der die Uraufführung des Musicals in London produzierte und nun auch in Wien mitmischt, traf mit der tragischen Liebesgeschichte vom amerikanischen Soldaten Chris und dem 17-jährigen vietnamesischen Barmädchen Kim im Jahr 1989 den Nerv der Zeit: 14 Jahre nach dem Ende des Vietnamkrieges waren die Wunden immer noch nicht verheilt. Während „Miss Saigon“ in Europa große Erfolge feierte, hatte in den USA „jeder Angst vor diesem Stoff“, schreibt Mackintosh, der mit „Cats“, „Les Misérables“ und „Phantom der Oper“ einige Musical-Welthits produzierte, anlässlich der Wiederaufnahme. Erst zwei Jahre später, mitten im Ersten Irakkrieg, wurde „Miss Saigon“ am Broadway uraufgeführt. „Es gibt nur sehr wenige erfolgreiche Musicals, die reale Stoffe behandeln“, sagt Mackintosh. „Mit ‚Miss Saigon‘ mussten wir authentisch und respektvoll mit den großen Opfern umgehen, die die Menschen in Vietnam auf sich genommen hatten.“

Die Idee zum Stück hatte Claude-Michel Schönberg. Als der Komponist in seiner Pariser Wohnung an der Partitur von „Les Misérables“ arbeitete, entdeckte er in einer Zeitschrift das Bild eines jungen Mädchens und seiner Mutter auf einem Militärflughafen in Vietnam. Die Mutter hatte dort nach ihrem Ex-Partner, einem GI, gesucht und wollte ihre Tochter in die Vereinigten Staaten schicken, um ihr eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Das Foto erinnerte Schönberg an Cio-Cio-San aus Puccinis „Madama Butterfly“. Tags darauf rief er seinen Librettisten Alain Boublil an: „Stell dir vor, die Geschichte von ‚Butterfly‘ spielt am Ende des Vietnamkriegs“, sagte er.

Und so tritt in „Miss Saigon“ des Marineleutnants Pinkerton der weiße Sergeant Chris, der 1975 in der US-Botschaft in Saigon stationiert ist. Das Mädchen, in das er sich verliebt, ist keine 15-jährige Geisha, sondern ein 17-jähriges vietnamesisches Mädchen namens Kim, das in einer Bar zur Prostitution gezwungen wird, nachdem seine Eltern bei einem Bombenanschlag getötet wurden. Die Geschichte endet für beide Figuren fatal: am Schluss begehen sowohl Cio-Cio-San als auch Kim aus Verzweiflung Selbstmord.

Die Uraufführung in London wurde zur Sensation. Nicht nur, dass das Stück die Zuschauer auf eine Achterbahn der Gefühle schickt; als die militärische Lage in Saigon eskaliert, muss Chris die Stadt mit den US-Streitkräften im Helikopter verlassen. Minutenlang verharrt ein riesiger Hubschrauber auf der Bühne. Das Rattern der Rotoren wurde zum Markenzeichen von „Miss Saigon“. Mit der Authentizität hingegen nahm man es bei der Erstbesetzung doch nicht ganz so ernst. Weil damals Black- bzw. Yellowfacing noch kein Thema war, wurde Jonathan Pryce gelbe Farbe ins Gesicht gemalt. Das und speziell angefertigte Augenprothesen sollten den Darsteller des schmierigen vietnamesischen Barbetreibers The Engineer asiatisch wirken lassen. Erst als „Miss Saigon“ 1991 nach New York kam, verzichtete man angesichts von Protesten auf diese Maskierung. Pryce blieb weiß, gewann einen der drei Tony Awards und verließ die Show. Seither wird die Rolle ausschließlich mit asiatischen Schauspielern besetzt.

Am Erfolg des Stücks änderte das selbstverständlich nichts. Die West-End-Produktion wird zehn Jahre lang und insgesamt 4264-mal gespielt. Am Broadway brachte man es immerhin auf 4092 Aufführungen. Dazu kamen 70 Auszeichnungen, darunter zwei Oliviers und drei Tony Awards. Weltweit haben „Miss Saigon“ in den letzten 30 Jahren über 36 Millionen Menschen in 32 Ländern gesehen. 

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25 Jahre nach der Uraufführung wollte es Cameron Mackintosh noch einmal wissen. Im Rahmen einer Revival-Tour kehrte „Miss Saigon“ in neuem Gewand 2014 ans Londoner West End zurück. Nach einer Stippvisite am Broadway 2017 ging der Musical-Blockbuster auf Europatour.  

Nun ist der Hubschrauber auch im Raimund Theater gelandet. Sattelschlepper transportierten das drei Tonnen schwere und sechs Meter hohe Gerät zusammen mit hunderten weiteren Requisiten in das frisch renovierte Haus. Mehrere Tage brauchte die Crew, um alles aufzubauen, inklusive einer riesigen LED-Wand, die die Kulisse beleuchtet. Das üppig besetzte Orchester der Vereinigten Bühnen Wien und ein eigenes Soundsystem liefern Schönbergs bombastischen Klang dazu. Für den reibungslosen Ablauf auf der Bühne sorgt ein Backstage-Team, zu dem Company-, Bühnen- und Retailmanager ebenso zählen wie Scheinwerfer- und Tontechniker, Elektriker, Perückenmacher und Garderobieren. Insgesamt sind hinter den Kulissen über 100 Menschen an der Wiener Produktion beteiligt.

Bei „Miss Saigon“ ist alles aufwendiger als gewohnt. Es gibt 16 Kostümwechsel von der Armeeuniform bis zu den mit einem Kilo Glasperlen bestickten Bikinis. Die Strohhüte aus der Show werden immer noch in Vietnam oder Thailand hergestellt, während die Schutzwesten und Helme der GIs bereits im Vietnamkrieg eingesetzt wurden.

Anders als in Zürich oder Köln wird die Wiener Erstaufführung von „Miss Saigon“ auf Deutsch gesungen. Kein geringerer als Michael Kunze hat für Wien eine neue Textfassung erstellt. „Er ist ein absoluter Meister auf diesem Gebiet und hat ja selbst schon viele Erfolgsmusicals wie ,Elisabeth‘, ,Tanz der Vampire‘ und ,Rebecca‘ geschrieben oder in andere Sprachen übertragen“, sagt der Intendant Christian Struppeck. „Man braucht viel Feingefühl, um die eigentlichen Aussagen eines Stücks zu transportieren, wie sie im Original gemeint sind, ohne zu viel zu verändern – und reimen soll es sich auch noch“. Kunze hat auch Peter Maffay entdeckt und Hits wie „Griechischer Wein“, „Ich war noch niemals in New York“ oder „Ohne dich schlaf ich heut Nacht nicht ein“ produziert. 79 Gold- und Platinschallplatten, ein Echo Lifetime Award und ein Grammy dokumentieren seinen Erfolg.

In den 1980er-Jahren fanden Mackintosh, Schönberg und Boublil ihre Kim nach langem Suchen in Manila. Die 18-jährige Lea Salonga wurde über Nacht vom Kinder- zum Superstar. In Wien gibt die 24-jährige Vanessa Heinz ihr großes Bühnendebüt. Zum Zeitpunkt der Auditions studierte sie noch in München auf der Musicalschule. 2019 lernte sie Oedo Kuipers, der in Wien den Chris gibt, beim Vorsingen kennen.

„Insgesamt gab es rund 1800 Bewerbungen. Das Stück ist in der Branche Kult und alle wollten dabei sein“, erzählt Struppeck. „Die Auditions fanden in verschiedenen Ländern statt und haben sich über Monate erstreckt. Das Ensemble hat über 40 Rollen und ist nicht leicht zu besetzen.“

Die letzte Runde fand in London vor Cameron Mackintosh statt. „Er ist in alle Aspekte der Wiener Produktion involviert und war auch bei den Castings dabei“, sagt Struppeck. Für die Proben reiste Mackintosh sogar nach Wien. Am 28. Jänner 2021 hätten Vanessa Heinz und Oedo Kuipers das Raimund Theater aus dem Renovierungsschlaf wachküssen sollen. Doch wie so oft seit Ausbruch der Pandemie, musste die Premiere verschoben werden. Beim vierten Anlauf soll es nun endlich klappen.

Nachdem das Ensemble seit Herbst auf der Probebühne gearbeitet hat, ist es vor einigen Wochen auf die große Bühne des Raimund Theaters übersiedelt. Geprobt wird unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. Tägliche PCR-Tests gehören ebenso dazu wie das Singen mit Maske. Nur wenn eine Arie durchgesungen oder am Ton – die Darsteller singen mit Mikroports – gefeilt wird, darf sie abgenommen werden.

Ursprünglich war geplant, Vanessa Heinz und Oedo Kuipers backstage im Theater zu besuchen, doch aufgrund der hohen Ansteckungsgefahr durch Omikron musste das Gespräch mit der Falter:Woche online stattfinden. Heinz trägt einen roten Rollkragenpullover, Kuipers ein schwarzes Hemd über dem weißen T-Shirt. Beide tragen FFP2-Masken. In der sonst menschenleeren Lobby des Theaters huscht ab und zu ein Mitarbeiter vorbei. Wenige Tage vor der Premiere wirken beide erstaunlich entspannt. „Ich glaube es sowieso erst, wenn ich wirklich auf der Bühne vor Publikum singe“, sagt die Hauptdarstellerin.

Vanessa Heinz ist eine zierliche, aufgeweckte junge Frau mit einem ansteckenden Lachen, trotz Maske. Ihr Bühnenpartner überragt sie um mehr als einen Kopf. Die Berlinerin erzählt, dass sie als Kind Klavier spielen musste – „ich habe eine chinesische Mutter, da gehört das dazu“ – und mit zwölf das Singen für sich entdeckte. „Ein paar Jahre später, mit 16 oder 17, habe ich mir in Köln ,Hairspray‘ angeschaut und beschlossen, Sängerin zu werden.“

Für Struppeck ist Vanessa Heinz die ideale Kim. „Sie vereint alle Eigenschaften, die man für diese musikalisch und schauspielerisch herausfordernde Rolle mitbringen sollte. Das unschuldige, schüchterne Auftreten und zugleich eine große Entschlossenheit und Stärke, die für die Entwicklung im Laufe der Geschichte so wichtig sind.“

Oedo Kuipers, 32, wurde durch seine Rolle in „Mozart!“ im Raimund Theater bereits zum Star und ist seitdem von den großen Musicalbühnen nicht mehr wegzudenken. „Bei uns zu Hause gab es immer Musik“, erzählt der Niederländer, „und weil meine Mutter im Chor gesungen hat, war das meistens Chormusik.“ Auch Kuipers, der aus einem kleinen Ort in der Provinz Friesland stammt, sang zunächst im Kinderchor. „Dann habe ich mich lange Zeit mehr für Fußball interessiert und erst mit 16 wieder angefangen zu singen.“

Trotzdem inskribierte er nach der ­Matura zunächst Sport. Ein Jahr später wechselte er ans renommierte Konservatorium für Musiktheater in Tilburg, machte 2013 seinen Abschluss und wurde vom Fleck weg für die Rolle des Raoul im „Phantom der Oper“ in Hamburg engagiert. Der große Durchbruch folgte zwei Jahre später in Wien.

Was fasziniert junge Menschen wie Vanessa Heinz und Oedo Kuipers, die „Miss Saigon“ noch nie auf der Bühne gesehen haben, heute an dem Stoff? „Zum einen die großartige Musik“, sind sich die beiden einig. „Zum anderen rüttelt die Geschichte mit ihren ebenso hochdramatischen wie intimen Szenen zwischen Liebe und Verzweiflung, Resignation und Hoffnung, Gewalt und Tod immer noch auf.“ Die Kunst bestehe darin, sie glaubwürdig darzustellen, ohne dem Kitsch zu verfallen. „Der Vietnamkrieg ist zwar lange vorbei, doch die Welt ist seither nicht besser geworden“, sagt Heinz. Kuipers nickt. „Die Geschichte wiederholt sich, egal wohin man schaut: nach Syrien, in den Irak oder nach Afghanistan.“

Manchmal falle ihnen die Distanz zu den Charakteren schwer, erzählen die beiden. Umso wichtiger sei es, am Ende der Vorstellung den Mantel der Rolle abzulegen. „Wenn du sechs bis sieben Mal die Woche spielst, hältst du das emotional nicht durch. Wenn wir abends nachhause gehen, sind wir Vanessa und Oedo.“F


Miss Saigon
Raimund Theater Premiere 23.1. Vorstellungen: ab 18.1.

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