Heinz Conrads, Familienmitglied

Eine Ausstellung untersucht die Bedeutung des Publikumslieblings Heinz Conrads für die österreichische Nachkriegszeit

STEFANIE PANZENBÖCK
FALTER:WOCHE, FALTER 03/22 vom 19.01.2022

Foto: Bezirksmuseum Penzing

Für die Heinz-Conrads-Torte verrühre man Dotter, Zucker, flüssige Schokolade und Eischnee. Dann füge man Mehl sowie geröstete und geriebene Mandeln hinzu und schiebe die Masse ins Backrohr. Für die Füllung vermische man Powidl mit Magenbitterlikör und Zimt. Den Tortenboden schneide man zwei Mal durch, tränke ihn mit Wermut und bestreiche ihn mit der Powidlfüllung. Mit Schokolade glasieren und "in die noch weiche Glasur mit gezähnter Teigkarte Rillen einziehen, wie auf einer Schallplatte", vermerkte der Golser Konditor Adolf Lunzer. Auf die Schokoladeglasur setze man abschließend noch Mikrofone aus Marzipan, Schokolade und ungeriebenem Mohn.

Dieses Rezept aus dem Jahr 1982 ist eines der vielen Objekte, die in der Heinz-Conrads-Schau "Griaß eich die Madln, servas die Buam" in der Wienbibliothek im Rathaus ausgestellt sind - und nur eines der Zeugnisse für die Prominenz des österreichischen Radio- und Fernsehstars. Conrads gab übrigens das Einverständnis, dass die Torte mit seinem Namen verkauft werden darf: "Wenn Sie Ihr Meisterwerk mit meinem Namen krönen, wird es mich sehr freuen. In Zeiten, wo gute Neuigkeiten selten werden, ist Ihnen für Ihre Arbeit nur zu danken", schrieb er dem Konditor.

Heinz Conrads, 1913 in Wien geboren, war Conférencier, Schauspieler, Kabarettist und ab 1946 eine Art Mitglied vieler österreichischer Familien. 40 Jahre lang begrüßte er sein Publikum jeden Sonntagmorgen in seiner Sendung "Was gibt es Neues?" aus dem Wiener Funkhaus. Ohne Conrads am Sonntag aufzustehen, war für seine Fans fast ein Ding der Unmöglichkeit. "Guten Morgen, meine Damen, guten Morgen, meine Herren. Guten Morgen die Madln, servas die Buam", tönte es verlässlich und beschwingt aus den Radioapparaten. Ab 1957 trat Conrads zusätzlich jeden Samstagabend im Fernsehen auf. Er präsentierte viele musikalische Gäste wie Peter Alexander und Udo Jürgens oder auch den sowjetischen Raumfahrer Juri Gagarin. Einmal schüttelte er sogar einem Roboter die Hand.

Die Ausstellung in der Wienbibliothek, von Suzie Wong und Thomas Mießgang kuratiert, zieht weniger die biografischen Stationen des Publikumslieblings nach, sondern behandelt vielmehr verschiedene Aspekte des Phänomens Heinz Conrads: das Medienphänomen, den Publikumsliebling, Conrads als Werbe-Testemonial, Schauspieler und Kabarettisten. Erst am Schluss - die Schau wird in einem schmalen, langen Raum präsentiert - bekommt die Besucherin einen Abriss über Conrads' Leben. Die Objekte - unter anderem Radiomanuskripte, Fotos, Briefe, Plakate und Eintrittskarten - stammen aus dem Nachlass, der sich in der Wienbibliothek befindet.

Man sieht Conrads, immer lächelnd, immer strahlend, mit seinen Gästen und bei vielen Ehrungen, als lebendigen Rathausmann und auf einem Werbeplakat für den Tascheninhalator Benzedrex. Ausschnitte aus Sendungen, Interviews und der Übertragung des pompösen Begräbnisses vervollständigen die Schau.

Auch über den Karrieretiefpunkt des Entertainers kann man sich informieren. Conrads, der eigentlich als Schauspieler Karriere machen wollte, fiel am 21. Jänner 1959 einem Verriss des berühmten Kritikers Hans Weigel im Neuen Kurier zum Opfer. Über die Aufführung von "Charleys Tante" und Conrads Auftritt darin schrieb Weigel: "Er ist nicht einmal schlecht, er ist überhaupt nicht, aber das aufdringlich."

Der umfangreiche Sammelband, der denselben Namen wie die Ausstellung trägt, gibt weitere Einblicke in das Universum des Heinz Conrads. Der Kabarettist Alfred Dorfer erklärt darin etwa den heute veralteten Begriff des "Conférenciers", und der Schriftsteller Franz Schuh erläutert in einem Essay, der ursprünglich 2004 im Falter erschienen ist, warum Conrads ein "Gegenbild" von Thomas Bernhard sei.

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"Hatte sich Conrads öffentlich zur absoluten Versöhnlichkeit mit allen Dingen und Menschen des österreichischen Lebens durchgerungen, so war sein Gegenbild am Schluss die Verkörperung der absoluten öffentlichen Unversöhnlichkeit", schreibt Schuh. "Man könnte sagen, die beiden symbolisieren den gefräßigen Doppeladler im Geistesleben der Zweiten Republik."

Wong und Mießgang nähern sich der Figur Heinz Conrads kaum nostalgisch oder anekdotisch. Sie untersuchen ihre - auch politische - Bedeutung für die Jahrzehnte nach 1945. Zwar lautete Conrads' Credo "Bloß keine Politik! Damit verärgerst du nur die Leute", wie sein langjähriger Produzent Günter Tolar sagt. Doch gerade das war wohl der Kern des politischen Programms der Nachkriegszeit.

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Wienbibliothek im Rathaus, bis 31.5. Anmeldung über wienbibliothek.at verpflichtend

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