Gemetzel auf der Donauplatte

Warum Kindergartenkinder im 22. Bezirk vor einem Netflix-Thriller in Sicherheit gebracht werden müssen

Josef Redl
FALTER.MORGEN, 20.01.2022

Hier bei der Arbeit mit Bomben und Granaten: Tyler Rake Foto: netflix

Wenn Tyler Rake in die Stadt kommt, dann wird es laut. Sie kennen Tyler Rake nicht? Das ist einer von den unkaputtbaren Actionhelden, die nach Verprügelungen, Kollisionen und Explosionen zum achtzehnten Mal aufstehen, wo ein normaler Mensch schon beim ersten Mal liegengeblieben wäre. Maschinengewehrfeuer, Hubschrauberabstürze und explodierende Autos sind Teil seiner täglichen Routine.

Tyler Rake ist die Hauptfigur des Actionfilmes Extraction aus dem Jahr 2020, einer Netflix-Produktion von ausgesuchter Brutalität. Von 31. Jänner bis 14. Februar wird Tyler Rake, verkörpert vom australischen Schauspieler Chris Hemsworth, die Wiener Donauplatte in ein Schlachtfeld verwandeln.

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Das Sequel zu Tyler Rake: Extraction verspricht den Einsatz von jeder Menge Pyrotechnik und Filmblut. Teilnehmer einer polizeilichen Verhandlung mit Anrainern am Freitag vergangener Woche erzählen von hunderten Statisten, die auf der Donauplatte zum Einsatz kommen sollen.

Damit die Kinder aus dem Kindergarten Donaucity der Anblick verstörender Szenen erspart bleibt, hat die Filmproduktionsfirma den Eltern ein Angebot gemacht: Wenn sie die Kinder aus dem Kindergarten nehmen, erhalten sie pro Tag 120 Euro für die Betreuung. Einige Geschäfte in der Umgebung haben ebenfalls einer finanziellen Entschädigung zugestimmt und werden für die Dauer der Dreharbeiten zusperren.

Filmproduzent Ernst Vogel will dazu gar nichts sagen. „Ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie sprechen“, sagt er mit ironischem Unterton. Offensichtlich hat der Mann eine Verschwiegenheitspflicht gegenüber Netflix.

„Wir führen gerade eine Erhebung bei den Eltern durch“, bestätigt hingegen Thomas-Peter Gerold-Siegl, Geschäftsführer von Kinder in Wien, das Angebot. Wieviele der 80 Kids aus der Betreuung genommen werden, ist also noch unklar. Es gibt aber auch eine Alternative: Kinder in Wien betreibt wenige Gehminuten entfernt – aber weit genug weg vom Schauplatz des Gemetzels – einen zweiten Kindergarten, der während der Dreharbeiten als Ausweichquartier zur Verfügung steht.

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