„Ich sehe das nicht als Verzögerungstaktik“ 

Der Direktor des Weltmuseum Wien, Jonathan Fine, über Österreichs Verhältnis zum Kolonialismus.

Matthias Dusini
FALTER.MORGEN, 21.01.2022

Weltmuseum-Direktor Jonathan Fine und zwei Hofzwerge aus dem Königtum Benin, Nigeria (14./15. Jh.) © Moritz Fehr, KHM-Museumsverband

Jonathan Fine, Jahrgang 1969, ist ein New Yorker Anwalt und Kunsthistoriker. Seit Juli 2021 leitet er das Weltmuseum Wien: Das ehemalige Museum für Völkerkunde verfügt über eine der größten ethnografischen Sammlungen der Welt, zu denen auch Objekte mit problematischer Herkunft gehören. So stellt es einige der berühmten nigerianischen Benin-Bronzen aus, die im Zuge einer britischen Strafexpedition im heutigen Nigeria nach Europa kamen. Fine führt den Vorsitz eines neuen Gremiums, das von Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne) gestern vorgestellt wurde. Warum die Expertenrunde notwendig ist, versucht Fine im Folgenden zu erklären.

FALTER.morgen: Herr Fine, die deutsche Kulturministerin Claudia Roth (Grünen) möchte alle Benin-Skulpturen, die sich in Deutschland befinden, an Nigeria zurückgeben. Werden Sie das auch der österreichischen Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer empfehlen?

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Fine: In dem von Andrea Mayer eingesetzten Gremium geht es nicht um Empfehlungen für einzelne Objekte. Es soll vielmehr einen Rahmen für den Umgang mit solchen Fragen schaffen. Österreich war kein klassisches Kolonialland. Trotzdem sind viele Objekte aus kolonialen Netzwerken und über koloniale Handelswege in österreichische Sammlungen gelangt. Das Gremium soll die Frage beantworten, wie Institutionen und Politiker auf Restitutionsforderungen reagieren sollen und nach welchen Kriterien solche Entscheidungen getroffen werden sollen.

In Deutschland gibt es konkrete Rückgabepläne, in Österreich wird wieder nur geredet. Warum?

Fine: Ich sehe das nicht als Verzögerungstaktik. Man muss in einer Republik erklären können, warum man bestimmte politische Entscheidungen, in diesem Fall die Rückgabe von Museumsobjekten, trifft. Österreich hinkt nicht hinterher, sondern hat die Diskussion sogar ausgelöst. Das Weltmuseum Wien veranstaltete 2007 eine große Benin-Ausstellung, zu der auch Vertreter der königlichen Familie, aus deren Besitz die Objekte kommen, eingeladen waren. Auch beim Penacho, der berühmten aztekischen Federkrone, haben wir uns die Frage gestellt, wie wir mit umstrittenen Objekten umgehen sollen. Österreich hat in Bezug auf die Raubkunst der NS-Zeit eine grundsätzliche Lösung gesucht. Hier gibt es ein Kunstrückgabegesetz, an das sich alle öffentlichen Institutionen halten müssen. In Deutschland wird immer noch von Einzelfall zu Einzelfall entschieden. Eine ähnlich systematische Vorgehensweise würde ich mir in Bezug auf die Kolonialzeit wünschen.

Die Niederlande haben bereits einen Leitfaden entwickelt. Warum übernimmt man nicht einfach diese Empfehlungen?

Fine: Die Lage ist einfach eine andere. Im Gegensatz zu den Niederlanden war Österreich bis auf einige militärische Auseinandersetzungen in China nicht auf staatlicher Ebene offiziell in koloniale Kriege involviert. Gleichzeitig werden wir natürlich bereits Erarbeitetes mitdenken und diskutieren. Für mich ist es wichtig, dass in diesem Gremium auch Stimmen der Zivilgesellschaft vorkommen. Die gemeinsame Diskussion dieser Fragen ist unumgänglich. Museen verhandeln hier gesellschaftlich größere Themen, die wir dementsprechend nicht alleine als europäische Institutionen behandeln können. Daher die Beteiligung sogenannter communities of origin. In dem Gremium werden durch sie die Perspektiven erweitert. Das soll von Anfang an mitgedacht werden.

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