Warum ein ehemaliger US-Diplomat in Wien eine Hungerstreik-Stafette startete

Barry Rosen war vor 40 Jahren Geisel im Iran. Jetzt hat er eine Kampagne zur Freilassung von Gefangenen des iranischen Regimes gestartet – darunter auch zwei Österreicher.

Martin Staudinger
FALTER.MORGEN, 24.01.2022

Will Druck auf das Regime in Teheran und den Westen für die Freilassung von politischen Geiseln machen: Barry Rosen (77) Foto: Screenshot Twitter

Barry Rosen ist extra nach Wien gekommen, um zu hungern – für eine gute Sache. Der ehemalige US-Diplomat setzt sich für die Freilassung von Menschen (darunter auch österreichische Staatsbürger) ein, die im Iran gefangen gehalten werden: Als „Geiseln“, wie er mit gutem Grund sagt. Und deshalb ist Rosen vergangene Woche aus den USA angereist, im Palais Coburg abgestiegen und in den Hungerstreik getreten.

Um zu verstehen, warum ein 77-Jähriger eine derart drastische Aktion startet und ausgerechnet Wien als Schauplatz dafür wählt, muss man ein paar Dinge wissen.

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  • Rosen war selbst Geisel im Iran. Nach der islamischen Revolution 1979 besetzte eine Gruppierung namens „Studenten von der Linie des Imam“ die amerikanische Botschaft in Teheran. 52 diplomatische Mitarbeiter, darunter auch Rosen, wurden 444 Tage festgehalten und mussten Folterungen und Scheinexekutionen über sich ergehen lassen.
  • Das Regime in Teheran lässt immer wieder Personen mit iranischer Abstammung verhaften, die eine andere Staatsbürgerschaft angenommen haben. Auch zwei Österreicher wurden auf diese Art und Weise eingekerkert: Der Geschäftsmann Kamran Ghaderi (2016) und Massud Mossaheb, Generalsekretär der österreichisch-iranischen Gesellschaft (2019). Beiden wird Spionage vorgeworfen. Die Vermutung, dass diese Behauptung nur dazu dient, sie – wie viele andere auch – als menschlichen Pfand für die Interessen des Iran zu missbrauchen, liegt aber auf der Hand.
  • Derzeit finden in Wien Verhandlungen über ein neues Atomabkommen mit dem Iran statt. Ein bereits bestehendes, das die nukleare Aufrüstung des Landes verhindern sollte, hatte US-Präsident Trump im Jahr 2018 einseitig gekündigt. Das Regime in Teheran begann daraufhin, sich weiter an die Fähigkeit zum Bau einer Atombombe heranzutasten – etwa mit der Anreicherung von Uran.

Die Gespräche werden im Palais Coburg geführt. Und genau dort hat sich Barry Rosen ein Zimmer genommen – auch, damit niemand von den Verhandlern behaupten kann, nichts von seiner Hungerstreik-Aktion gewusst zu haben.

FALTER.morgen: Es ist jetzt 41 Jahre her, seit Sie aus der Geiselhaft im Iran befreit wurden. Warum kommen. Sie nach so langer Zeit auf die Idee, einen Hungerstreik anzutreten?

Barry Rosen: Ich werde älter und denke viel nach: Vor allem über meine eigenen Erfahrungen als Geisel im Iran und das Trauma, das sie ausgelöst haben. Ich denke aber auch viel an jene Menschen, die dort aktuell als Geiseln gehalten werden. Und ich finde: Es reicht! Was das Regime in Teheran seit Jahrzehnten macht, verstößt nicht nur gegen die Menschenrechte, es verrät auch die Grundsätze der iranischen Kultur, die von tiefer Humanität geprägt sind – und die ich nach wie vor liebe und bewundere.

Was möchten Sie erreichen?

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Ich möchte Druck ausüben, dass die Geiseln sofort befreit werden. Nicht nur die USA, die gesamte Weltgemeinschaft soll sich dafür einsetzen. Vorher soll kein neues Atomabkommen unterzeichnet werden.

Wie hängt das eine mit dem anderen zusammen?

Für das Regime in Teheran ist Geiseldiplomatie ein genuiner Teil der Außenpolitik. Sie missbrauchen diese Menschen als Verhandlungsmasse – auch bei den Atomverhandlungen. Wenn es ihnen hilft, ein Abkommen zu bekommen, dann werden sie für ihr nächstes Anliegen wieder Geiseln nehmen.

Rechnen Sie eigentlich ernsthaft damit, dass der Iran Ihre Forderung erfüllt?

Da bin ich nicht sehr optimistisch. Aber der Iran muss moralisch in die Pflicht genommen werden. Und er soll verstehen, dass er sich selbst zum Ausgestoßenen gemacht hat, dass er seine eigene Reputation zerstört und dass er sich selbst Schaden zufügt.

Hungerstreik bedeutet ein hohes gesundheitliches Risiko. Wie weit sind sie bereit, für Ihr Anliegen zu gehen?

Soweit, wie es meine Ärzte erlauben – ich bin 77 und muss klarerweise an meine Gesundheit denken. Heute waren meine Blutzuckerwerte noch ok. Aber je länger ich nichts esse, desto gefährlicher wird es natürlich.

*

In der Nacht auf Montag gab Rosen bekannt, er breche auf Bitten seiner Familie und des US-Sondergesandten für den Iran, Robert Malley, die Aktion ab. Gleichzeitig traten jedoch drei weitere Personen in den Hungerstreik, darunter auch der Österreicher Kamran Ghaderi, der im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran gefangen gehalten wird. Aus der Aktion in Wien wird somit eine Art Hunger-Stafette.

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