So ein Theater

Lust auf einen Theaterbesuch? Aber wohin?

Martin Pesl, Sara Schausberger
FALTER:WOCHE, FALTER 04/22 vom 25.01.2022

„Ach, Sisi – Neunundneunzig Szenen“ im Volkstheater (Foto: Marcel Urlaub)

In Wien hatte man schon immer die Qual der Wahl: Das Angebot ist äußerst umfangreich, die Spielpläne sind stets voll. Das Angebot ist äußerst umfangreich, die Spielpläne sind stets voll. Daran konnte letztlich auch die Pandemie nichts ändern, sofern nicht gerade Lockdown herrscht. Zwar kommt es regelmäßig zu spontanen Verschiebungen, gespielt wird aber dennoch reichlich. Ob die ästhetisch ansprechende Familientragikomödie „Moskitos“ mit der fantastischen Mavie Hörbiger im Akademietheater oder Amanda Piñas neue Performance „Climatic Dances“ im Tanzquartier: Hier finden Sie einen Überblick der Wiener Bühnenhighlights im Februar.


„Ach, Sisi – Neunundneunzig Szenen“


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Jössas, eine Sisi-Revue von einem Deutschen, der nicht einmal weiß, mit wie vielen „s“ man die Kaiserin zu schreiben hat? Das kann ja nur schrecklich werden. Irrtum! Denn erstens ist die Schreibung mit einem „s“ außer in den berühmten Romy-Schneider-Filmen überall Standard. Und zweitens schafft Rainald Grebe in seinen ungefähr 99 Szenen (besser, man zählt nicht mit) eine Balance zwischen der Verarschung des kommerziellen Hypes rund um das Phänomen Sisi und einer informativen Betrachtungen ihres Lebens.

Den Soundtrack des Abends bilden Gedichte der 1898 ermordeten Protagonistin, die von Jens-Karsten Stoll deutschrockig für eine dreiköpfige Live-Band vertont wurden. Das Ensemble – teils mit österreichischem, teils mit deutschem Idiom, aber auch ein ungarischer Clown ist dabei – macht den Spaß bestens gelaunt mit.

Volkstheater, 11. Februar, 19.30


„Herrschaftszeiten (noch mal?)“

„Der Mensch lässt nach“, lautete der lakonisch auf den Punkt gebrachte Titel eines Soloalbums von Schorsch Kamerun. Der Sänger und Mitbegründer der Hamburger Band Die Goldenen Zitronen ist auch regelmäßig am Theater tätig, wobei die eigene Musik meist eine zentrale Rolle spielt. In Wien inszeniert Kamerun im Werk X, so auch sein neuestes Bühnenwerk. In „Herrschaftszeiten (noch mal?)“ verhandelt er Machtmissbrauch in Österreich von der Monarchie bis heute – visionärerweise plante der Theatermacher das Thema schon, bevor wir alle erfuhren, wer die „Hure der Reichen“ ist. Ihn unterstützen dabei zahlreiche Studierende der Vienna 1st Film Academy, eine Schauspielerin, eine Tänzerin, ein Kontrabassist und der Berliner Musikproduzent PC Nackt. Auch Kamerun selbst steht auf der Bühne. Das Publikum wird, mit Kopfhörern über den Ohren, ein Wimmelbild aus diversen mächtigen und/oder missbräuchlichen Szenen erleben. Die Premiere ist für 17. Februar geplant.

Werk X, 17. bis 19. Februar, 19.30


„Rechnitz (Der Würgeengel)“

Rechnitz: der Ort im Burgenland, der für ein grauenhaftes Massaker kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs bekannt wurde. Partygäste der Gräfin Margit von Batthyány erschossen dort an zwei Tagen 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter, 16 weitere schaufelten erst das Massengrab für die Toten, dann wurden sie ebenfalls ermordet. Elfriede Jelineks 2008 uraufgeführtes Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“ setzt sich mit dem Verbrechen auseinander und nimmt Anleihen bei Luis Buñuels Film „Der Würgeengel“. Die deutsche Regisseurin Anna Bergmann hat den Text für das Theater in der Josefstadt inszeniert und mit vielen Verfremdungseffekten gearbeitet. Auf einer Drehbühne führt das glatzköpfige Ensemble groteske Totentänze auf. Sona MacDonald steht im neongrünen Abendkleid in der Mitte und singt. In weiteren Szenen hängt einer am Fleischerhaken von der Decke, ein Nackter schaufelt sein eigenes Grab, Sektflöten klirren, Schüsse fallen, mehrstimmige Lieder ertönen. Das Grauen trifft.

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Theater in der Josefstadt, 19. und 20. Februar, 19.30


„Die Ärztin“

Ein Mädchen liegt nach einer selbst versuchten Abtreibung in einem Krankenhaus im Sterben. Als ihre Eltern einen Priester schicken, verweigert ihm die zuständige Ärztin, Professor Ruth Wolff, den Zutritt. Dessen Anblick könne das Mädchen aufwühlen, lautet ihre Befürchtung. Nachdem die junge Patientin gestorben ist, beginnt eine sowohl mediale als auch intern ausgetragene Hetzkampagne gegen die säkulare Jüdin Wolff. Ließ sie den Priester etwa nicht herein, weil er eine andere Religion hat? Oder weil seine Hautfarbe schwarz ist?

Der englische Regisseur Robert Icke hat Arthur Schnitzlers Stück „Professor Bernhardi“ bearbeitet und ins Heute versetzt. Mit „Die Ärztin“ ist ihm ein durchwegs fesselnder Abend gelungen. Sophie von Kessel gibt eine rationale Dr. Wolff, deren Coolness nur langsam bröckelt. Medizinethische Fragen treffen auf persönliches Drama, Identitätspolitik und überraschend humorvolle Momente.

Burgtheater, 1., 8. und 21. Februar, 19.30


„Die Geschichte einer Stunde“

Im Vorjahr überraschte die Jury des renommierten Berliner Theatertreffens damit, dass sie die Dauerperformance „Name Her“ der Regisseurin Marie Schleef unter die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen der Spielzeit 2020/21 wählte. Die Produktion des Berliner Ballhaus Ost entstand in Koproduktion mit dem Wiener Kosmos Theater und wurde auch dort zweimal aufgeführt. Bei Schleefs neuester Arbeit handelt es sich erneut um eine Zusammenarbeit der beiden Häuser, wieder ist die Schauspielerin Anne Tismer auf der Bühne zu sehen, nur diesmal kürzer, denn „Die Geschichte einer Stunde“ dauert exakt, jawohl, eine Stunde, die Zeit läuft mit. Die gleichnamige Erzählung von Kate Chopin wurde mit Motiven aus Charlotte Perkins Tilmans Kurzgeschichte „Die gelbe Tapete“ angereichert und vollkommen stumm, ohne Sprache und Musik, inszeniert.

Kosmos Theater, 3. und 5. Februar, 20.00


„Ödipus“

Natürlich ist Antigone (Julia Edtmeier) immer anti und Ödipus (Stefan Lasko) öd. Schließlich handelt es sich bei dieser Überschreibung des klassischen Stoffes vom König, der seinen Vater tötete und mit seiner Mutter „zu Bette lag“, um eine Inszenierung von Kaja Dymnicki und Alexander Pschill, wenn auch nicht in ihrem eigenen Haus, dem Bronski & Grünberg Theater, sondern im TAG. Der Humor ist so brutal konsequent exekutiert, dass auch Wortwitzfeinde ihrem Schicksal nicht entrinnen und Geräusche zwischen Lachen und Wehklagen ausstoßen werden. Und das ist gut so: Wo haben Freud’sche Versprecher schließlich ihren Platz, wenn nicht in einer komplexen Ödipussiade? Florian Carove schwitzt sich als Teiresias, der hier nicht nur ein Seher, sondern auch Detektiv und Korruptionsstaatsanwalt ist, zu schauspielerischen Höhen. Sehr, sehr lustig.

TAG – Theater an der Gumpendorfer Straße, 11., 12., 14., 16., 18. und 19. Februar, 20.00


„Zertretung“

André Heller wird skalpiert, Richard Schmitt mit dem Rasenmäher übers Gesicht gefahren, und Richard Lugner verstirbt eines natürlichen Todes. Lydia Haider schreibt obszöne Wortströme und virtuose Sprachpredigten. Ihre Texte können mitunter beängstigend sein, nie aber fehlt ihnen der Humor. Auch ihre Beschimpfung „Zertretung – 1. Kreuz brechen oder Also alle Arschlöcher abschlachten“ ist radikal-böse und macht Freude, vor allem, wenn es die Richtigen trifft. Im Stück der Wiener Schriftstellerin mit oberösterreichischen Wurzeln müssen außerdem Andreas Gabalier, Jesus Christus, Thomas Bernhard, Philipp Hochmair, der Bierkavalier, Dietrich Mateschitz und noch viele mehr das Zeitliche segnen. Drei Schauspieler*innen mit Masken vernichten sie alle verbal (Regie: Kay Voges). Dazu gibt es Ballerspiele auf der Leinwand, das Publikum darf den Joystick bedienen. Es fliegen die Fetzen, es spritzt das Blut.

Volkstheater, Dunkelkammer, 11. und 17. Februar, 20.00 sowie 26. Februar, 19.00


„Moskitos“

Die fantastische Mavie Hörbiger in der Rolle einer Schwester, die ihr Leben aber sowas von nicht in den Griff bekommt, bildet das Zentrum dieser Familientragikomödie. „Moskitos“ stammt von der jungen britischen Autorin Lucy Kirkwood und wurde im Akademietheater von Itay Tiran ästhetisch ansprechend und ohne große Experimente inszeniert. Apropos Experimente: Die andere Schwester, gespielt von Sabine Haupt, arbeitet als Experimentalphysikerin in Genf an schwarzen Löchern. Auch sie hat ein turbulentes Leben: Der Vater ihres jugendlichen Sohnes (genial pubertär: Felix Kammerer) ist verschwunden, die gemeinsame Mutter der Schwestern (Barbara Petritsch) wird allmählich pflegebedürftig. Eines vergisst sie bei aller Demenzgefahr jedoch nicht: dass sie einst selbst eine vielversprechende Wissenschaftlerin war. Große Fragen wie „Wer, wenn überhaupt jemand, sollte sich fortpflanzen (dürfen)?“ werden an diesem Abend glaubwürdig in flüssigen Dialogen liebenswerter Figuren verhandelt.

Akademietheater, 2. und 11. Februar, 19.00


„Climatic Dances“

Der Permafrost taut, die Wälder brennen, Korallenriffe bleichen aus, die Eisbären sterben, der Meeresspiegel steigt. Wir leben im Anthropozän, dem von Menschen dominierten Zeitalter, und es schaut nicht gut aus. Das hat auch das Theater erkannt. Die Performancekünstlerin Amanda Piña beschäftigt sich in ihrer Reihe „Endangered Human Movements“ schon seit längerem mit dem Verlust der kulturellen und biologischen Vielfalt des Planeten.

In vorangegangenen Arbeiten ging die aus Chile stammende Tänzerin und Choreografin ausgestorbenen Tänzen nach und kehrte kritische Aspekte kultureller Aneignung hervor. Den Ausgangspunkt für ihre aktuelle Performance „Climatic Dances“ bilden zwei Tänze aus dem Hochland von Puebla in Mexiko, die vom Volk der Masewal im Kontext von Klimawandel und exzessivem Bergbau getanzt werden.

Tanzquartier, Halle G, 4. und 5. Februar, 19.30


„Alalazo“

Veza Fernández erforscht in ihren Stücken die sinnliche und soziale Kraft vielfältiger Stimmen und arbeitet mit extremen Körperzuständen. In ihrem neuen Solo untersucht die queer-feministische Tanz-, Stimm- und Performancekünstlerin die überragende Kraft der weiblichen Stimme – „und dringt dabei zu deren äußersten Rändern vor“, wie es in der Ankündigung heißt. Der Titel „Alalazo“ stammt aus dem Griechischen, bedeutet „jubeln“ und wird als Kraftruf einer und gleichzeitig vieler Stimmen beschrieben. Dabei sei er Kampfruf und das Stöhnen ekstatischer Freude zugleich: „Alalazo ist die Stimme, die schamlos herausdrängt, um alle Vorurteile und Prozesse zu übertönen, die sie im Laufe der Geschichte verstummen ließen.“ Zum elektronischen Soundtrack von Rana Farahani (alias Fauna) soll so eine körperliche und emotionale Klangerfahrung entstehen, die Konzert, Drama und Tanzstück verbindet.

Brut nordwest, 11., 12., 14. und 15. Februar, 20.00

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