„Da kann ich mir als Geschäftsfrau gleich die Kugel geben“

Die Corona-Proteste belasten die wirtschaftlich angeschlagenen Händler in der Innenstadt zusehends. In einem offenen Brief fordern sie ein härteres Vorgehen. FALTER.morgen hat mit einer Unternehmerin über die prekäre Situation gesprochen.

Soraya Pechtl
FALTER.MORGEN, 26.01.2022

Marie-Béatrice Fröhlich, Chefin des Modegeschäfts Brieftaube am Graben, hat keinen guten Samstag vor sich. Sie wird das Personal auf ein Minimum reduzieren, kaum Umsatz machen und das Geschäft wahrscheinlich früher zusperren. Der Grund: Die Corona-Demos, die fast jeden Samstag die Innenstadt lahmlegen und den Händlern das Geschäft verderben.

FALTER.morgen: Sie haben ihr Geschäft am Graben. Die Demos meist finden meist am Ring statt. Wie sind Sie davon betroffen?

Dieser Text ist ein Teil des FALTER.morgen (Ausgabe vom 26.01.2022), dem neuen Früh-Newsletter aus der FALTER-Redaktion. Melden Sie sich hier an:

Fröhlich: Wenn am Ring die Demos stattfinden, kommt man nicht gescheit in die Innenstadt herein, weil am Demotag der Ring gesperrt wird. Die Medien berichten aber meist schon am Vortag, dass man den ersten Bezirk meiden soll. Das ist auch nicht sehr hilfreich. Die Demos sind aktuell auch sehr aggressiv. Im letzten halben Jahr ist das richtig ausgeartet. Viele wollen sich den Samstagsausflug in die Innenstadt einfach nicht mehr antun.

Inwiefern ausgeartet? Wie war das etwa bei früheren Demos?

Am letzten Demo-Samstag bin um halb acht nach Hause gegangen, da war die Kundgebung offiziell schon vorbei. Aber am Graben sind noch angetrunkene Gruppen Fahnen schwingend und mit Trillerpfeifen vorbeigezogen. Meine Mitarbeiter, die teilweise von außerhalb anreisen, erzählen mir, dass die Demonstranten teilweise schon in der Früh mit Bierdosen in der S-Bahn sitzen. Viele sind laut und aggressiv.

Wie reagieren Sie, wenn Sie einer derartigen Gruppe am Heimweg begegnen?

Ich sehe sie und gehe in die andere Richtung. Aber ich weiß, dass meine Mitarbeiter und Kollegen teilweise angefeindet wurden, weil sie eine FFP2-Maske trugen.

Wie viel Umsatz geht Ihnen durch die Demos verloren?

Das Thema mit den Protesten in der Innenstadt gibt es schon lange. Aber bei friedlichen Kundgebungen haben wir etwa einen Umsatzeinbruch von 30 Prozent. Durch die Corona-Demos hat sich die Problematik intensiviert. In den vergangenen Wochen, als es dabei immer wieder zu Ausschreitungen kam, haben wir 90 Prozent weniger Umsatz gemacht. An einem Samstag hatte ich gerade mal drei Kunden. Wir können nicht darauf warten, bis das von allein vorbei geht. Die Demos beschädigen auch nachhaltig das Image der Innenstadt.

Was fordern Sie konkret?

Wir wollen kein generelles Demo-Verbot, wie zuletzt berichtet wurde. Das wäre nicht richtig. Aber die Kundgebungen müssen nicht immer am Verkaufssamstag und nicht immer in der Innenstadt stattfinden. Es geht auch anders. Zum Beispiel beim Lichtermeer, das im Dezember zum Gedenken der Covid-Toten stattfand. Ursprünglich hätte die Kundgebung um 16:00 Uhr am verkaufsstarken Samstag vor Weihnachten stattfinden sollen. Da kann ich mir als Geschäftsfrau gleich die Kugel geben. Ich habe dann die Organisatoren angeschrieben und es hat eine Verhandlung mit der Polizei gegeben. Wir haben uns geeinigt, dass das Lichtermeer zwei Stunden später stattfindet. Ich habe an diesem Tag das Geschäft um sechs zugesperrt und bin mit meinen Kindern selbst zum Lichtermeer gegangen. So geht’s auch. Man kann sich auch an einen Tisch setzen und reden. Aber ich habe mich bisher noch nicht getraut, den Herrn Kickl anzurufen und zu fragen, ob sie die Demos später machen würden. Ich habe den Eindruck, dass die Corona-Maßnahmen-Gegner bewusst stören wollen.

Wie haben die Stadt Wien und die Polizei auf ihre Forderung reagiert?

ANZEIGE

Die Polizei hat volles Verständnis für uns. Aber die müssen sich an die Gesetze halten. Von der Stadt haben wir noch keine Rückmeldung erhalten, aber Bürgermeister Michael Ludwig hat gestern in einem Interview im Kurier den Ball wiederum an die Polizei zurückgespielt. Klar ist, es muss etwas passieren. Wir sind nach zwei Jahren Krise wirklich am Limit. Die Geschäftsleute in der Innenstadt haben die höchsten Mieten in Wien. Wir hängen wirklich her, wenn ein Geschäftstag gestrichen wird. Wir halten das nicht mehr lange durch.

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann abonnieren Sie jetzt und bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert.

Bitte liken Sie den FALTER auf Facebook: