"Es fällt mir nicht schwer, lustig zu sein"

Die Wiener Performerin Stefanie Sourial ist witzig und politisch. Nun stellt sie ihre neue Arbeit am Brut vor

SARA SCHAUSBERGER
Lexikon, FALTER 04/22 vom 26.01.2022

Als gebürtige Wachauerin hatte Stefanie Sourial gelernt, dass Uhudler giftig sei. Dann kostete sie den südburgenländischen Wein -und war vom Geschmack verstört und fasziniert zugleich. Die Performancekünstlerin begann nachzuforschen: In der frühesten Kolonialzeit war die Traube aus Nordamerika nach Europa gekommen, ihre Geschichte ist eng mit jener des Gin verwoben.

Sourial, die aus ihrem Faible für Alkohol kein Geheimnis macht, entwickelte aus dieser Recherche die tolle Performance-Reihe "Colonial Cocktail". In der dreiteiligen Bühnenserie erzählte sie 400 Jahre europäische Kolonialgeschichte anhand von Spirituosen und anderen alkoholischen Getränken. Ihr Zugang war humorvoll, persönlich und politisch. "Über Geschmack kannst du Leute anders erreichen", meint sie.

Im Gespräch erzählt die 40-Jährige etwa von einem Rotwein, den sie nach einer Vorstellung beim Edinburgh Festival Fringe gekostet hat: "Der Geschmack hat sich so vertraut angefühlt, und dann drehe ich die Flasche um und lese auf dem Etikett, dass es ein ägyptischer Wein aus einer ägyptischen Traube ist." Sourials Vater stammt aus dem nordafrikanischen Staat.

Stefanie Sourial umgibt eine auffallend positive Schwingung. Außerdem ist sie ausgesprochen witzig: "Es fällt mir zum Glück nicht schwer, lustig zu sein", sagt sie. Seit 2017 ist die Performerin Teil des Wiener Stand-up-Ensembles PCCC* - Political Correct Comedy Club, der regelmäßig antirassistisches und queeres Kabarett aufführt.

Sourial erzählt packend, jede Bewegung, jede Pause, jede Pointe sitzt. Mit Humor auf Ernstes zu blicken gebe ihr ein Gefühl von Leichtigkeit, Kontrolle und Power, erklärt sie. Die Zuschauer*innen gingen auch anders aus Vorstellungen, in denen sie lachen konnten: "Sie fühlen sich in der Lage, Dinge anzugehen."

Sourials neueste Performance handelt vom Spannungsfeld zwischen Aufenthaltsort und Herkunft. "City of Diaspora" erzählt von Menschen, die - vielleicht schon in zweiter oder dritter Generation - nicht mehr in der Ursprungsheimat leben: "Da ist immer wieder dieses Empfinden, sich in einer Zwischenwelt zu befinden und sich weder da noch dort zugehörig zu fühlen." Auf der Bühne möchte Sourial diese Zwischenwelt gemeinsam mit den Künstler*innen Hyo Lee, Faris Cuchi Gezahegn und Sunanda Mesquita für das Publikum sicht- und greifbar machen.

"Ich war die einzige Person of Color in meiner Umgebung", erinnert sie sich an ihre Kindheit in einer niederösterreichischen Kleinstadt. "Es war schwierig, mich da einzuordnen." Ihre nonbinäre Identität, die sie damals bereits spürte, aber noch nicht wirklich benennen konnte, kam erschwerend hinzu. Queerness gab es in ihrer damaligen Welt nicht. "Internet hätte geholfen", sagt Sourial. Als Kind tanzte sie leidenschaftlich, aber es gab nur eine Ballettschule in der Stadt, und Ballett entsprach ihr kein bisschen.

Nach der Schule bewarb sie sich an der Wiener Schauspielschule Max Reinhardt Seminar. Die 18-Jährige studierte drei männliche Rollen ein. Am Tag vor der Aufnahmeprüfung erkundigte sich eine Mitbewerberin, was Sourial vorbereitet habe - und meinte, sie müsse unbedingt auch eine Frauenrolle vorweisen. "Ich habe die Panik bekommen und über Nacht noch einen Monolog aus 'Medea' gelernt. Aber Textlernen ist meine große Schwäche", erinnert sich die Künstlerin.

Bei der Prüfung spielte sie zuerst den Hinkel aus Charlie Chaplins Hitler-Satire "Der große Diktator"."Das hat den Prüfern total getaugt, ich habe sogar Standing Ovations bekommen." Danach sollte sie die Kindsmörderin Medea geben. "Es war eine Katastrophe. Auch weil ich die Nerven verloren habe." Wäre sie damals konsequent und authentisch geblieben, hätte es wohl eher geklappt, meint Sourial rückblickend.

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Die verhinderte Schauspielschülerin, die heute an der Akademie der bildenden Künste das Fach "Performative Kunst" unterrichtet, sagt auch ihren Studierenden regelmäßig, dass sie sich bloß nicht aus dem Konzept bringen lassen sollen. Ein Gutes hatte die verhaute Aufnahmeprüfung aber: Ein Mitglied der Kommission empfahl ihr, sich an der Pariser Schauspielschule Jacques Lecoq zu bewerben. Drei Jahre, mehrere Auslandsaufenthalte und ein abgebrochenes Medizinstudium später wagte Sourial das Casting.

Die internationale Schule für Theater, Regie und Bühnenbild lehrt klassisches Theater. "Das Studium hat mir wahnsinnig viel gegeben, aber trotzdem war für mich zwei Jahre lang das Dilemma: Wie ordne ich mich da ein, was spiele ich, wie bin ich auf der Bühne?" Es dauerte, bis sie nach der Theaterschule verstand, dass sie auch ihre eigenen Stücke schreiben, inszenieren und spielen kann - und dass das Persönliche dabei immer etwas Politisches hat.

"Das war eine ganz wichtige Erkenntnis", erinnert sich Sourial an ihren künstlerischen Initialmoment "Was ich machen mag, ist eben nicht klassisches Theater, sondern Performancekunst. Du musst nicht als Schauspielerin in Stücken anderer mitspielen, du kannst deine eigene Geschichte erzählen!"

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"City of Diaspora": Brut Nordwest, 3. bis 6.2., 20.00

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