Ärgerliche Ampeln

Nach der Aufregung um die Fußgängerampel an der Brigittenauer Lände haben wir uns gefragt: Wer entscheidet eigentlich darüber, wie lange man Zeit hat, einen Schutzweg zu überqueren – und nach welchen Kriterien? Und: Braucht es Ampeln wirklich? Hier ist die (ausführliche) Antwort.

Martin Staudinger
FALTER.MORGEN, 01.02.2022

Eine der ärgerlichsten Ampeln Wiens: Will man als Fußgänger die Floridsdorfer Hauptstraße an der Kreuzung mit der Jedleseer Straße und der Matthäus-Jiszda-Straße im 21. Bezirk überqueren, hat man dafür rund 30 Sekunden – nach einer Wartezeit von 2:30 Minuten. © FALTER/Staudinger

Hier wird man zwischen Rot und Grün grau: Kürzlich haben wir im FALTER.morgen über eine Ampel an der Brigittenauer Lände berichtet, an der man als Fußgänger so lange wartet, dass die Leute die Zeit mittlerweile damit überbrücken, einander Briefe zu schreiben und sie an den Fuß der Lichtanlage zu kleben. Der Satz „Habe hier meinen Mann kennengelernt und zwei Kinder gezeugt“ ist inzwischen fast ikonisch.

Das Thema hat uns seither nicht mehr losgelassen: Einerseits wegen der zahlreichen Mails, in denen andere ärgerliche Ampeln benannt wurden. Andererseits aber auch, weil wir uns gefragt haben, wer eigentlich darüber entscheidet, wie lange man Zeit hat, einen Schutzweg zu überqueren – und nach welchen Kriterien das festgelegt wird.

Dieser Text ist ein Teil des FALTER.morgen (Ausgabe vom 01.02.2022), dem neuen Früh-Newsletter aus der FALTER-Redaktion. Melden Sie sich hier an:

Wir hatten bereits die Vermutung, dass die Antwort nicht simpel sein würde. Aber ein Besuch bei der MA 33, die unter dem charmanten Namen Wien leuchtet für alle öffentlichen Lichter Wiens zuständig ist, hat gezeigt: Sie ist so komplex und gleichzeitig so spannend, dass daraus eine FALTER.morgen-Serie über das Wesen der Ampel geworden ist.

Darin geht es unter anderem um Koordinierungsbänder, die Wien durchziehen; um die komplizierteste Kreuzung der Stadt und den intelligentesten Fußgängerübergang; um Zeit, Gehgeschwindigkeit und daraus resultierende Paradoxa; und nicht zuletzt um die Frage der Gerechtigkeit am Zebrastreifen und damit wieder um die Ampel an der Brigittenauer Lände.

 

I. Matrix

Am Anfang war das Wort, genauer gesagt: ein 95 Seiten starkes Kompendium im Format DIN A4. Gernot Lenz, doppelter Dipl.-Ing., hat es auf den Tisch des Besprechungszimmers der Zentrale von Wien leuchtet in der Simmeringer Senngasse gelegt. Es ist das „Planungshandbuch VLSA – Leitfaden für die Planung von Verkehrslichtanlagen der Stadt Wien“, und damit so etwas wie die Bibel des hiesigen Ampelwesens.

Dann eine Ampel stellt man nicht einfach so auf: Da will zuvor ungeheuer viel bedacht und geplant sein, immerhin soll sie ja dafür sorgen, dass vier ganz unterschiedliche Kategorien von Verkehrsteilnehmern sicher aneinander vorbeikommen – Fußgängerinnen, Radfahrer, Kfz, Öffis. Manchmal kommen als fünfte Kategorie auch noch Einsatzfahrzeuge dazu, wenn sich etwa an einer Kreuzung eine Feuerwehrausfahrt befindet.

Werden die Autofahrerinnen dabei gegenüber den Fußgängern bevorzugt?

„Nein. Eine Minute hat 60 Sekunden, und die müssen gerecht verteilt werden“, sagt Gernot Lenz (wir werden sehen, dass das öfter stimmt, als man annehmen würde – aber auch nicht immer).

ANZEIGE

1.300 Ampel gibt es in der Stadt, und jede von ihnen hat ihr eigenes Profil. Und das bekommt sie so: Einer der vier Lichtanlagenplaner, die Wien leuchtet beschäftigt, ermittelt mit einem Softwaretool die Bewegungslinien aller Verkehrsteilnehmer einer Kreuzung. Das schaut dann ein bisschen aus wie die Schnittmusterbögen in Omas Burda-Heften – grüne und orange Kurven, rote Punkte, schwarze und lila Striche.

Daraus ergibt sich die Matrix – genauer gesagt: zwei davon. Die Unverträglichkeitsmatrix und die Zwischenzeitmatrix. Ja, es ist kompliziert.

Erstere zeigt alle „Konfliktpunkte“, also die Stellen, an denen irgendjemand mit irgendjemand anderem kollidieren könnte. Zweitere listet die Zeiten auf, die unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer maximal brauchen, um den Kreuzungsbereich zu verlassen, wenn sie ihn nach dem letzten grünen Blinken betreten oder befahren haben.

  • Fußgänger-Tipp: Man darf tatsächlich bis zum letzten Grün-Blinken losmarschieren und davon ausgehen, dass kein anderer losfährt, bis man auf der anderen Seite ist – vorausgesetzt, man hält eine Mindestgeschwindigkeit von einem Meter pro Sekunde ein. In dieser „Zwischenzeit“ hat man zwar optisch rot, faktisch aber noch grün.

Bei einem Fußgänger-Übergang wie an der Brigittenauer Lände ist das relativ simpel. Je mehr Bewegungslinien zusammenkommen, desto schwieriger wird es.

II. Das Metronom der Stadt

Das Metronom, das den Takt der Stadt vorgibt, steht in einem schmucklosen Zweckbau nahe der Südosttangente in Simmering – es ist der Zentralrechner von Wien leuchtet, der 1.300 Ampeln miteinander koordiniert.

Er wurde zwar nicht daraufhin programmiert, irgendeine Kategorie von Verkehrsteilnehmern besser oder schlechter zu behandeln. Aber eine Präferenz ist schon klar: Die grüne Welle auf den Koordinierungsbändern.

Koordinierungsbänder? Das sind im Wesentlichen die wichtigsten Straßenzüge in Wien, und dort soll der Kfz-Verkehr möglichst ungehindert fließen. Eines dieser Bänder verläuft übrigens über die Brigittenauer Lände und damit den Ausgangspunkt unserer Ampel-Serie.

„Wenn man sich als Autofahrer an die Geschwindigkeitsbegrenzung hält, kommt man einige Ampeln weit, bis man auf ein anderes Koordinierungsband oder eine ÖV-Beeinflussung trifft“, erläutert Gernot Lenz.

Letzteres heißt: Wenn sich Öffis dort einer Kreuzung nähern, werden sie von der Ampel automatisch oder durch Voranmeldung der Fahrerinnen registriert. Im Idealfall soll das dafür sorgen, dass sie nicht anhalten müssen, weil die Grünphase in ihrer Richtung früher beginnt oder verlängert wird. Gefühlt klappt das selten, allerdings registriert man als Fahrgast eher, wenn die Bim stehenbleibt, als wenn sie einfach weiterfährt.

  • Fußgängertipp: Es verkürzt tatsächlich die Wartezeit, wenn man den Vorrang-Knopf an einer Fußgänger-Ampel drückt. Was nichts bringt: Den Blindenknopf zu betätigen, der bei Schutzwegen ohne Bedarfsgrün an der Unterseite eines Kästchens am Ampelfuß zu finden ist – der macht lediglich das Klack-Klack-Signal lauter, das akustisch anzeigt, ob gerade Rot oder Grün ist.

Der Takt der Hauptverkehrsverbindungen hallt noch ein gutes Stück in die umliegenden Nebenstraßen hinein. An den einzelnen Kreuzungen wird er allerdings durch das so genannte Phasenschema vorgegeben, das die Ampelplaner erstellen. Eine Phase: Das ist die Zeitspanne, in der Verkehrsteilnehmer jeweils in einer Richtung Grün haben.

Am simpelsten ist die einfache Kreuzung: Sie hat zwei Phasen –  die einen haben Rot, die anderen Grün. Aber dann gibt es hochkomplexe Mobilitätsknotenpunkte.

Was ist die kompliziertes Kreuzung Wiens, Herr Dipl.-Ing.?

Gernot Lenz zögert keine Sekunde: „Der Johann-Nepomuk-Berger-Platz in Ottakring. Der Planer, der dafür zuständig ist, hat wirklich was drauf.“ (Hier geht es zu einer Übersichtskarte)

Muss er auch, denn dort kommt nämlich folgendes zusammen: Zwei stark befahrene Straßen (die Ottakringerstraße und die Rosensteingasse) und die Fahrbahnen vom Ottakringer Platz, drei Straßenbahnlinien (2, 9 und 44), Rad- und Schutzwege – und zum Drüberstreuen die Ausfahrt der Hauptfeuerwehrwache Hernals. Macht insgesamt 20 Ampelphasen.

Da dauert es entsprechend lange, bis alle einmal drankommen (in der Fachsprache heißt das „Umlaufzeit“). Zumal zur Zeitspanne, in der die Ampeln Grün zeigen, ja noch die „Zwischenzeit“ kommt, die für alle Verkehrsteilnehmer eingeplant ist, um den Kreuzungsbereich sicher verlassen zu können.

Das führt zu einem Paradoxon: Jeder wünscht sich, möglichst kurz an einer Ampel warten zu müssen. Verkürzt man aber die „Umlaufzeit“ an einer Kreuzung, führt das am Ende wieder dazu, dass dort in Summe mehr Zeit vergeudet wird.

III. Prämisse und Paradoxon

Wer an der Ampel warten muss (also wir alle) neigt dazu, sich zu ärgern. Wie groß dieser Ärger ist, hängt im Wesentlichen von einem Faktor ab, der in der Fachsprache Umlaufzeit heißt – also davon, wie lange es dauert, bis jede Fahrt- und Gehrichtung einmal mit dem Überqueren drangekommen ist.

Beim Anlass für unsere kleinen Serie, der Ampel an der Brigittenauer Lände (sie hat übrigens die Nummer 02/034) sind das tagsüber 100 Sekunden.

30 Sekunden davon haben die Fußgänger, um insgesamt vier Fahrspuren und eine Verkehrsinsel zu überwinden; diese Zeit teilt sich auf in

  • 18 Sekunden Dauer-Grün,
  • vier Sekunden Grün-Blinken und weiteren
  • acht Sekunden, bis die Autos tatsächlich losfahren dürfen (die bereits in Folge 2 zitierte „Zwischenzeit“, die Fußgänger haben, um den Schutzweg nach Beginn der Blinkerei gefahrlos verlassen zu können).

Hier wird klar: Fußgängern (zu manchen Tageszeiten richtig viele) wird weniger als ein Drittel der Zeit eingeräumt, die Autos (bis auf die Nachtstunden immer richtig viele) bekommen. Noch dazu haben sie bei Ampel 02/034 nur Bedarfsgrün. Das heißt, um überhaupt Grün zu bekommen, müssen sie erst die Bedarfstaste drücken und dann noch warten, bis die Ampel umschaltet (beim Praxistest zwischen 30 und 66 Sekunden).

Da drängen sich zwei Ideen auf.

Idee 1: Wie wäre es damit, die Umlaufzeit zu verkürzen; zum Beispiel auf 75 Sekunden, die sie dort in der Nacht ohnehin beträgt? Kann man schon machen. Allerdings hat das vor allem die Folge, dass mehr Zeit vergeudet wird. Warum? Weil die Zwischenzeiten – also der Sicherheitspolster – ja gleich lang bleiben, aber häufiger werden. Das Paradoxon ist also: Je öfter 02/034 umschaltet, desto schneller kommen Fußgänger an die Reihe, haben aber gleichzeitig insgesamt immer weniger Grün-Zeit.

Idee 2: Und wie wäre es damit, wenn die Ampel nach Betätigung des Bedarfskopfs schneller umschaltet? Tja, da sind wir dann doch wieder bei der unzweifelhaften Prämisse des möglichst ungehinderten Kfz-Verkehrs auf Hauptverkehrsadern wie der Brigittenauer Lände: Dann kommt nämlich die diffizile Taktung am Koordinationsband durcheinander, weil eine Ampel mittendrin plötzlich rot wird – nicht nur für Autos, auch für Öffis.

  • Fußgängertipp (ausdrücklich auf eigene Gefahr): Wenn Sie sich bei einem Schutzweg mit Bedarfsgrün Rot zweifelsfrei überzeugen können, dass weit und breit kein Auto kommt, dann sind Sie auf jeden Fall schneller, wenn Sie nicht, drücken, sondern einfach gehen.

Immerhin: „Nummer 02/34 haben wir schon länger unter Beobachtung, auch ohne die aktuellen Medienberichte“, sagt Gernot Lenz von Wien leuchtet. „Es wird überlegt, dort für intensiv frequentierte Zeiten eine Daueranmeldung reinzuprogrammieren“ – sprich: Fußgänger müssten zumindest nicht mehr drücken, um Grün zu bekommen.

Gerechte Zeitverteilung sieht trotzdem anders aus als an der Brigittenauer Lände.

Die eklatante Benachteiligung der Fußgängerinnen ist allerdings ein Spezifikum von Schutzwegen über Hauptverkehrsverbindungen. Wo einander, wie in den meisten Fällen, schlicht zwei Straßen kreuzen, geht es egalitärer zu: Fußgänger, Radfahrer und Autolenker in derselben Fahrt- bzw. Gehrichtung haben logischerweise auch dieselbe Zeit zum Queren.

Was aber auch klar ist: Ampeln, die Fußgänger bevorzugen, sind die absolute Ausnahme. Es gibt in Wien nämlich nur eine mit Dauerrot für Kfz (und Öffis). Sie steht an der Querung der Neubaugasse mit der Mariahilfer Straße.

Aber es gibt beim Nordausgang der U4-Station Friedensbrücke an der Spittelauer Lände eine, die mit künstlicher Intelligenz erkennt, ob jemand den Schutzweg benutzen will, und in diesem Fall automatisch Grün gibt (allerdings auch mit Vorlaufzeit).

Das sind zumindest Anfänge, die Hoffnung machen.

IV. Das Primat der Phase

Ampeln, das ist wohl nicht zu viel gesagt, zählen zu den Insignien, welche die Stadt vom Kaff unterscheiden: Wo sie sind, ist Zivilisation, Urbanität und damit auch Bedeutsamkeit – so haben das ganze Generationen, die in der Ära der Vormachtstellung motorisierter Mobilität sozialisiert wurden, gelernt. Deshalb scheint es alternativlos, die Mobilität in Städten durch strikte Phasen von Rot und Grün zu reglementieren.

Aber stimmt das eigentlich?

Wir haben sehr viele Mails von FALTER.morgen-Leserinnen und -Lesern bekommen, die anderer Meinung sind. „Vielleicht bräuchte es bei ein paar sehr belebten Kreuzungen Ampeln für Fuß-, Bus- und Straßenbahnverkehr, aber abgesehen davon ist die Ampel prinzipiell ein Zeichen der Disziplinierung aller Verkehrsteilnehmer, um ein Funktionieren des Autoverkehrs zu gewährleisten“, schreibt uns etwa Magda Katzlinger. Und weiter: „Während alle anderen Verkehrsformen perfekt ohne Ampeln funktionieren würden, würde eine Stadt mit Autos aber ohne Ampeln stillstehen.“

Da ist natürlich was dran – allerdings gleich so viel, dass dafür ein allumfassender Paradigmenwechsel nötig wäre, der die Verhältnisse von Grund auf umkehrt, indem er die Fußgängerinnen und -gänger an die Spitze der Mobilitätshierarchie setzt und die Kfz an ihr Ende.

Und das ist eher utopisch.

Aber man könnte zumindest damit beginnen, die Rot-Grün-Phasen an ausgewählten Kreuzungen so zu programmieren, dass Fußgänger bevorzugt werden: „Es mag verrückt klingen, aber wir müssen akzeptieren oder sogar konkret planen, Fahrzeuge an Ampeln zeitlich zu behindern – in Fällen, in denen das einen Vorteil für den Öffentlichen Verkehr, Radfahrer und/oder Fußgänger bringt“, schreibt uns der Mobilitätsforscher und Stadtplaner Andrew Nash.

Eine mehrfach erhobene Forderung von FALTER.morgen-Leserinnen und Lesern wäre auch der Umbau von Kreuzungen in Kreisverkehre. Allerdings: Dem steht in großen Teilen Wiens einerseits die enge Verbauung entgegen. Zudem werden dort, wo es möglich ist, die Wege für die Fußgänger umso länger, je größer der Radius eines Kreisverkehrs ist.

Auf eine spannende Alternative hat uns FALTER.morgen-Leser Stefan Eder-Kapl hingewiesen: Das „Diagonalqueren“. Dabei werden an einer Kreuzung alle Fußgängerampeln gleichzeitig auf Grün geschaltet, um – wie der Name schon sagt – den Leuten die Möglichkeit zu geben, den Fahrbahnbereich diagonal statt rechtwinkelig zu überqueren und sich so in der Regel einmal Warten zu ersparen. Gibt’s in den USA übrigens gar nicht selten, und besonders beeindruckend an der Shibuya-Kreuzung in Tokyo.

Ansätze gäbe es also. Was fehlt, ist der innerliche Abschied vom Primat des Individualverkehrs, zumindest in den Städten. Und der kündigt sich noch nicht wirklich an. Eine Petition der Initiative Platz für Wien, die unter anderem 500 fuß- und radfreundliche Ampelschaltungen forderte, wurde zwar von 57.000 Menschen unterzeichnet – von der Stadt Wien aber völlig ignoriert.

Und so werden einander wohl noch unzählige Fußgängerinnen und Fußgänger in unzähligen Rot-Phasen unzählige Briefe schreiben und unzählige Autos an sich vorbeifahren sehen, während sie bei Ampel 02/034 an der Brigittenauer Lände warten.

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann abonnieren Sie jetzt und bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert.


12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!