"Das macht einen völlig fertig"

Wer vor zwei Jahren zu studieren begonnen hat, hat womöglich noch nie eine Vorlesung vor Ort besucht. Wie wirkt sich das auf die psychische Gesundheit der Studierenden aus? Ist der Dauer-Lockdown an den Universitäten überhaupt noch gerechtfertigt?

Paul Sonnberger
FALTER.MORGEN, 06.02.2022

Hallo? Ist da jemand? Seit fast zwei Jahren starrt Julia jede Woche in einen scheinbar leeren Video-Call mit schwarzen Kasterln. „Es ist immer das Gleiche. Die Professoren teilen uns in Kleingruppen auf, um ein Thema auszuarbeiten. So richtig diskutiert wird aber nie. Die meisten Mitstudierenden lassen ihr Mikro stumm. Manche schalten nicht mal ihre Webcam ein. Es ist dann eine ganz komische Stimmung”, klagt die Studentin.

So wie Julia geht es vielen Studierenden in ganz Österreich. Ab und zu werden Prüfungen vor Ort durchgeführt oder für ein paar Wochen Lehrveranstaltungen in Präsenz abgehalten. Zumeist sitzen die rund 280.000 Studierenden, die es in Österreich gibt, aber alleine vor ihren Laptops.

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„Richtig zach” findet die neue Jugendstaatssekräterin Claudia Plakolm (ÖVP) die Pandemie für junge Leute und fordert: Eine hohe Impfquote müsse wieder ein normales Leben mit Partys und ohne Distance-Learning ermöglichen.

Doch gerade die von der Regierung so hochgepriesene Normalität für Geimpfte scheint an den Universitäten noch nicht ganz angekommen zu sein. „Wir sind immer die Ersten, die im Lockdown sitzen, und die Letzten, die wieder rausdürfen. Und das, obwohl wir die Bevölkerungsgruppe mit der höchsten Impfquote sind. Das macht einen völlig fertig und hat bei mir eine schwere Depression verursacht”, sagt die Medizinstudentin Anna.

Damit ist sie nicht die Einzige. Die Hälfte der Studierenden in Österreich und Deutschland bezeichnet laut dem Mental-Health-Barometer der Studienapp Studo ihren psychischen Zustand als schlecht oder nicht gut.

Doch warum eigentlich? Barbara Schober, Dekanin der Fakultät für Psychologie an der Universität Wien, erklärt sich das so: „Dass es diese Altersgruppe besonders trifft, hat entwicklungspsychologische Gründe: Die Studentenzeit ist ein Lebensabschnitt mit großen Unsicherheiten. Man ist auf der Suche nach seiner Identität und lernt, selbstständig zu leben. Das passt nicht gut zu physical distancing und erzwungenem Lernen alleine vor dem Bildschirm.”

Was muss sich also konkret ändern? „Es braucht angedockt an die Hochschulen ein niederschwelliges Angebot psychologischer Betreuung”, sagt Schober: „Hier sind einerseits die Universitäten selbst gefordert; die Ressourcen müssen aber vom Bildungs- und Gesundheitsministeriums kommen. Meines Wissens wird da noch sehr wenig getan. Klar ist aber schon: Präsenzlehre hat viele Vorteile mit Blick auf die psychische Gesundheit.”

Umso mehr stellt sich die Frage, ob der Dauerlockdown an den Universitäten überhaupt noch gerechtfertigt ist, zumal außerhalb der Unis das Leben für Geimpfte und Genese relativ normal weiterläuft. Der Verfassungsjurist Peter Bußjäger weist darauf hin, dass es bei Maßnahmen an den Universitäten besonders wichtig sei, stets nach aktuellstem Wissensstand zu vorzugehen. Der Bildungsminister habe aufgrund der Hochschulautonomie aber wenig Spielraum. Um bundeseinheitliche Mindeststandards an den Universitäten festzulegen, müsste man diese generell in die COVID-19-Schutzmaßnahmenverordnung inkludieren.

Eine gute Nachricht für die Studenten gab es immerhin: Sabine Seidler, Präsidentin der österreichischen Universitätenkonferenz, hat angekündigt, dass die Hochschulen „in fast allen Bereichen“ nach den Semesterferien zur Präsenzlehre zurückkehren wollen. Was das genau bedeutet und unter welchen Bedingungen das möglich sein wird, ist unklar.

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