Mehr als nur Pools, Popos und Pop-Art

Das Kunstforum bringt Hauptwerke von David Hockney nach Wien. Die erste Werkschau des britischen Künstlers hierzulande steckt voll queerer Überraschungen

NICOLE SCHEYERER
FALTER:WOCHE, FALTER 06/22 vom 09.02.2022

Vom Flugzeug aus sah er unter sich die blauen Rechtecke zwischen den Häusern und war beeindruckt. So schilderte David Hockney in einem Interview seine erste Reise 1964 von London nach Los Angeles. Für den Kleinbürgerspross aus dem verregneten Yorkshire waren Kaliforniens Schwimmbecken eine Offenbarung.

Hockneys typische Pool-Bilder hängen nun am Beginn der aktuellen Retrospektive im Kunstforum Wien. Ornamente aus blauen Farbschlingen und Flecken stellen das Wasser dar. Nackte Kerle stemmen sich am Beckenrand hoch. Ihre hellen Pos leuchten unter den gebräunten Rücken.

Es ist die erste große Werkschau des heute 84-Jährigen in Österreich. Die Ausstellung zeigt zentrale Werke aus der britischen Tate Collection. "Hockney galt schon während seiner Studienzeit am Royal College als genial", erzählt die Kuratorin Bettina Busse (Ko-Kuratorin: Veronika Rudorfer) über den Dandy mit den dicken schwarzen Rundbrillen.

Hockney wusste bereits früh, was er wollte. Die weiblichen Modelle würden ihm nicht gefallen, erklärte der Kunststudent. Sein ironisches Abschlussbild "Life Painting for a Diploma" zeigte einen Muskelmann, den er vom Cover eines Bodybuilding-Magazins abmalte. Aus seiner homosexuellen Orientierung machte der Künstler nie einen Hehl.

Noch auf der Kunstakademie schuf Hockney 1960 das Bild "Going to be a Queen for Tonight". Die Komposition irritiert durch ihren kackbraunen Anstrich und das unmotivierte Gepinsel. Das zentrale Wort "queen" könnte auch als "queer" gelesen werden. Vor dem Hintergrund, dass dieser Begriff damals noch ein Schimpfwort für Schwule war und Homosexualität in England bis 1967 als strafbar galt, wird der Kontrast von Titel und Motiv plausibel.

"Die Abstraktion erschien zu jener Zeit als der einzig legitime Stil, aber Hockney scheiterte daran", erzählt Busse. Seine Frühwerke zeigen zwar kindlich humorvolle Figuren, stecken jedoch voller kunsthistorischer Anspielungen. So verwob er in dem Bild "The First Marriage (A Marriage of Styles I)" die altägyptische Darstellung einer Pharaonin mit Anspielungen auf die blau-weiß-roten Kreisbilder des Farbfeldmalers Kenneth Noland.

"The Bigger Splash" titelt eines der berühmtesten von Hockneys Pool-Bildern und auch ein Film über den Maler von 1973. Der halbdokumentarische Streifen, der in der Schau läuft, geht der zerbrochenen Beziehung zu seinem Partner Peter Schlesinger nach. Zahlreiche Freunde Hockneys spielen darin sich selbst. So etwa das Designerpaar, das in dem Gemälde "Mr and Mrs Clark and Percy" zu sehen ist. In dem Doppelporträt streckt Freund Ossie die nackten Zehen in den Flokati-Teppich. Vor seiner Frau Celia im bodenlangen Kleid steht eine Vase mit sogenannten Madonnenlilien. Auch der abgewandte Kater Percy leuchtet weiß.

Das zwei mal drei Meter große Gemälde erinnert nicht zufällig an Bildnisse der Renaissance. Zur italienischen Malkunst und deren Umgang mit Perspektive und Licht hat Hockney 2001 sogar eine kunsthistorische Abhandlung publiziert. In der BBC-Abstimmung "Greatest Painting in Britain Vote" schaffte es das Paarbild 2005 als einziges modernes Gemälde in die Top Ten.

Es sind Porträts und Landschaften, die Hockney bis heute fesseln. Der bloße Naturalismus hielt ihn aber nicht lange bei der Stange. Die 1980er brachten postmoderne Schnörkel, Mustermix und Stilzitate von Picasso und Co. Später griff der Maler zur Kamera und schoss für "40 Snaps of my House" knallbunte Interieurs und Stillleben. Wiewohl jenseits der 70, scheute Hockney keine Experimente mit den neuen Medien. So verwendete der Starkünstler ein iPad, um mit dem Tablet eine neue Art von Freilichtmalerei zu kreieren.

Zuerst eine Wellenlinie, dann vertikale Striche, schließlich einige Farbflächen - und schon entsteht eine Allee vor dem Auge des Betrachters. Hockneys bewegte iPad-Landschaften aus Nordengland mögen banal erscheinen. Gegenüber seinen pingeligen Porträts überrascht jedoch deren Lockerheit und der "fun", die sie dem alten Hasen offensichtlich bereiteten.

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Ein Schwerpunkt der Wiener Schau liegt auf der Druckgrafik, die im Verlauf von fünf Jahrzehnten entstanden ist. Zu den ersten Radierungen zählt die Serie "The Rake's Progress" von 1961 bis 1963. Sie erzählt die semi-autobiografische Geschichte eines jungen, schwulen Künstlers in New York City. Eine Flasche mit der Aufschrift "Lady Clairol" spielt auf das Bleichmittel an, mit dem sich Hockney in Amerika erstmals die Haare weißblond färbte.

Die homoerotischen Gedichte des Griechen Konstantinos Kavafis vom Ende des 19. Jahrhunderts illustrierte der Künstler mit ruhigen Darstellungen eines zeitgenössischen männlichen Liebespaares.

Auch viele Poolbilder entstanden auf Papier: Für das Großformat "A Large Diver" diente gepresster Zellstoff als Untergrund, der sich mit den Farben besonders gut vollsoff. Da spritzt er wieder, der "Splash" des Beckenspringers, und das Sonnenlicht changiert im Wasser. Hollywood und seine zahllosen Poolszenen lassen grüßen.

Die Retrospektive macht indes deutlich, dass Hockney viel mehr als ein Propagandist des kalifornischen Traums ist. Sein Werk steckt voller Überraschungen, in die einzutauchen sich auszahlt.

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"David Hockney: Insights. Reflecting the Tate Collection", bis 19.6. im Kunstforum Wien

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