Musikalischer Widerspruch

Der Protestsongcontest im Rabenhof geht am Samstag in die 19. Runde. Wie er wurde, was er ist

BARBARA FUCHS
FALTER:WOCHE, FALTER 06/22 vom 09.02.2022

Foto: Christian Stipkovits/FM4

Keineswegs", antwortet Gerald Stocker auf die Frage, ob der Protestsongcontest nach knapp 20 Jahren nicht schön langsam in Pension gehen könne. "Künstlerischer Protest wird immer benötigt", ist der Initiator des etwas anderen Wettsingens überzeugt.

Der erste Protestsongcontest fand 2004 statt. Thomas Gratzer, Intendant des Rabenhof-Theaters, wollte das Gedenken an die politischen Unruhen vom 12. Februar 1934 in künstlerischer Form begehen, und Stocker lieferte die passende Idee dazu. "Damals war gerade die schwarz-blaue Regierung an der Macht, wahnsinnig viele Menschen gingen allwöchentlich demonstrieren", erinnert sich Stocker. "Diesen Protest wollte ich in den Rabenhof holen, also eine musikalische Plattform für den Unmut bieten."

Die Beweggründe für den ersten Protestsongcontest waren letztlich also keineswegs rein historischer Natur. In der Folge haben die angesprochen Themen stets die jeweils aktuellen Geschehnisse gespiegelt - zum Protestieren gibt es immer etwas. Gerald Stocker fasziniert dabei, dass der Protestsongcontest ein gelebtes Zeitdokument sei, das aufzeige, was die Menschen bewege.

Anhand der Beiträge ist genau herauszulesen, wann US-Präsident Bush an der Macht war oder die Flüchtlingskrise zum großen Thema wurde; heuer wird etwa die Besetzung der Lobau besungen. Der Protestsongcontest vermittelt Politisches mittels Pop, Punk, Hardcore oder kabarettartiger Chansons, dementsprechend bunt gemischt waren auch die Siegeslieder der vergangenen Jahre. Von nachdenklich und melancholisch über lustig bis zu zynisch - alles sei schon dabei gewesen, so Stocker.

Jedes Jahr bewerben sich rund 200 Musikerinnen, Musiker und Bands um die zehn Plätze im Finale. Diese wählt eine Vorjury aus, die heuer aus Manuel Normal (selbst Protestsongcontest-Vize 2007) und Lupin, dem Gewinnerinnen-Duo 2018, bestand. Der zehnte und letzte Finalplatz wurde erstmals via Abstimmung über die FM4-Homepage vergeben, der Radiosender ist seit Beginn als Partner dabei.

"Es ist nicht leicht, sich auf die Finalisten zu einigen, es gibt jedes Jahr so viele interessante Einsendungen", sagt Singer/Songwriter David Haider alias Manuel Normal. "Die Teilnahme am Protestsongcontest hat tatsächlich mein Leben verändert. Ich konnte mich danach ganz der Musik widmen." Nicht nur Manuel Normal verdankt dem Bewerb gesteigerte mediale Aufmerksamkeit, auch Mieze Medusa, Sigrid Horn, Rainer von Vielen oder Der Nino aus Wien waren bereits siegreich oder als Teil des Finales mit von der Partie.

"Musik ist tatsächlich in der Lage, etwas zu bewirken", findet Haider. 2020 prangerte er mit der Formation KD/E-5 und dem Song "Kulturgetriebe" auf der Rabenhof-Bühne die fragwürdige Vergabe von Kultur-Fördergeldern an das Motorrad-Museum des milliardenschweren KTM-Chefs Stefan Pierer in Höhe von 3,8 Millionen Euro an. "Die einzige Antwort auf solche Frechheiten ist der künstlerische Protest. Für mich ist das ein ehrlicher Ärger über sehr bedenkliche gesellschaftliche Phänomene, der den Künstler bis zur professionellen Fertigstellung seines Werkes antreibt", analysiert der Musiker. In seinem konkreten Fall mit Erfolg: In der Folge wurde die Fördergeld-Vergabe damals österreichweit medial thematisiert.

Auch Wendi Gessner alias Wende Punkt, Finalistin 2022, arbeitet ähnlich. Ihr Beitrag "Lass Los" behandelt das Thema Femizide. "Ich muss einfach meiner Sprachlosigkeit und meiner Ohnmacht Luft machen", erklärt sie. "Aber wie soll gerade ich an den Femiziden in Österreich etwas ändern? Ich kann nichts dagegen tun, aber ich kann Lieder schreiben. Das ist mein Ventil. Da fällt mir immer etwas ein, wenn mir nichts mehr einfällt. Auch wenn es vielleicht nichts bewirkt, für mich ist es zumindest in irgendeiner Form verdaut. Dafür ist der Protestsongcontest genau der richtige Platz." 2022 markiert ihre dritte Teilnahme. "Ich könnte vermutlich jedes Jahr einen Beitrag einreichen", sagt Gessner.

Heuer besteht die Jury aus der FM4-Journalistin Alexandra Augustin, der Wuk-Mitarbeiterin Astrid Exner, der Kabarettistin Malarina, den Sängern Schorsch Kamerun (Die Goldenen Zitronen) und Peter Hein (Fehlfarben) sowie Mati Randow, dem Schulsprecher der AHS Rahlgasse. Welche Thematik und künstlerische Umsetzung bei ihr und dem Publikum am besten ankommt, wird sich am 12. Februar beim Finale im Rabenhof zeigen; FM4 überträgt die Show live.

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Rabenhof, Sa 18.00 www.protestsongcontest.net

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