Spuren im Schnee

Theater im Winterwunderland: Die Vorarlberger Gruppe teatro caprile erforscht die Skikultur auf dem Arlberg

UNTERWEGS: MARTIN PESL
Lexikon, FALTER 08/22 vom 23.02.2022

Sport gegen Kultur, Skifahren gegen Theater - was war das in den Lockdowns für ein Kampf! Um den Wintertourismus zu retten, zwinge man die Theater, ihre Häuser geschlossen zu halten, hieß es zeitweise zornig. Dabei sei die Ansteckungsgefahr im Zuschauerraum doch viel geringer als in der Après-Ski-Hütte.

Wie zur Versöhnung gibt es in Vorarlberg jetzt: beides. Die Produktion "Ski Labor Lech", angeregt vom örtlichen Museum und durchgeführt von der Gruppe teatro caprile, ist eine Wintertheaterwanderung zur Geschichte der Skikultur. Ursprünglich 2020 geplant, kann die gründlich recherchierte Szenenfolge des historisch interessierten Regisseurs Andreas Kosek nun endlich an den vorgesehenen Schauplätzen stattfinden.

Um 12.58 Uhr soll man den Postbus in Lech am Arlberg zum Restaurant Klösterle in Zug erwischen. Um halb zwei gibt es hier eine kurze Einführung. Ein Mann von der Bergrettung, versichert die lokale Tourführerin, werde den kleinen Wandertrupp stets begleiten. Dass das notwendig ist, bereitet dem aus Wien angereisten, sehr städtischen Reporter (eindeutig Team Kultur, nicht Sport) gewisse Sorgen.

Man überreicht ihm gnädig eine Filzmatte, um während der hauptsächlich unter freiem Himmel im Stehen stattfindenden Spielszenen etwas Isolation zwischen Heizsocken, Stiefeln und Schneeboden zu haben. Dann wird losgestapft. In den Tagen zuvor hat es durchgeschneit, heute ist kein Niederschlag, die Sonne scheint und wird auf allen Seiten von weiten, weißen Flächen reflektiert. Ziemlich genau vier Stunden später ist man am Ziel, gefühlt über einige Gipfel gestapft, nahezu schneeblind und halb erfroren - auch hungrig, denn coronabedingt gab es keine Jause -, aber um einige interessante Kenntnisse reicher.

Wussten Sie zum Beispiel, dass die Ahnen der Skier geflochtene Körblein sind, die sich geschickte Menschen im hohen Norden an die Füße banden? Oder dass Skier in der Neuzeit nicht sofort dem sportlichen Vergnügen dienten, sondern zur militärischen Fortbewegung eingesetzt wurden? In einer Szene streiten sich Oberst Georg Bilgeri, ein Vorarlberger, und der Niederösterreicher Mathias Zdarsky darum, wer der nachhaltigere Pionier des Heeresskilaufs war. Bilgeri soll Zdarskys Patent einer "aus mehr als 200 Versuchen hervorgegangenen Stahlsohlenbindung" umgangen haben. Die hätte wegen einer "versenkten Pufferfeder" ohnehin nichts getaugt, kontert der Gegner.

Obwohl es tatsächlich einmal fast zu einem Pistolenduell zwischen den beiden Skikontrahenten kam, ist der verbale Schlagabtausch fiktiv und dient rein dem Transport einer gründlich recherchierten Fachsimpelei. Diese geht dem gewöhnlichen Laienskihistoriker in den meisten Szenen etwas zu sehr ins Detail, aber insgesamt ist genügend Abwechslung gegeben und das Setting originell genug, um das Erlebnis zu genießen. Und eine Slapstick-Einlage auf Skiern kommt dann sogar ohne Worte aus.

Für eine Szene begibt sich das Publikum in einen Kuhstall. Der Musiker Stefan Ried und die gesanglich begabte Schauspielerin Cassandra Rühmling peppen die Wanderung auf, etwa durch Vertonung des Erich-Kästner-Gedichts "Maskenball im Hochgebirge". Was szenisch nicht dargestellt wird, erklärt Tourguide Hanna Schneider. Ihre Aufgabe besteht auch darin, das Publikum in seiner Wanderlust einzubremsen, wenn die Mitglieder des sechsköpfigen Spielensemble etwas länger von einem Schauplatz zum nächsten brauchen.

Seit fast 30 Jahren gestalten Andreas Kosek und Katharina Grabher mit leidenschaftlichen Theaterspielerinnen und -spielern szenische Wanderungen als sportliche Geschichtsstunden. Der Dauerrenner von teatro caprile, "Auf der Flucht", spürt der Emigration österreichischer Jüdinnen und Juden in die Schweiz zur NS-Zeit nach.

Auch im "Ski Labor Lech" können die Nazis nicht außen vor bleiben, sie trieben einige gefeierte Skischulpioniere in die Flucht. Ausführlich dargestellt wird die tragische Geschichte des jüdischen Bauingenieurs und Fremdenverkehrspioniers Rudolf Gomperz. Obwohl er in einer Szene die Vaterschaft seiner Kinder leugnete, um ihnen den "Ariernachweis" zu ermöglichen, kommt er dem Publikum später auf dem Weg ins KZ entgegen. Leni Riefenstahl, erfahren wir, wurde hier einmal Vierte bei einem Skirennen. Zuvor drehte sie mit dem Local Hero Hannes Schneider den Kinohit "Der weiße Rausch". Zwei Tiroler, die im Film Skiakrobatik zeigten, nahm Riefenstahl als Kameramänner zum Reichsparteitag nach Nürnberg mit, als sie Hitlers Vorzeigefilmerin wurde.

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Das Genre des Skifilms war indes längst so populär, dass es lokalen Schneiderbetrieben ungeahnte Absätze bescherte. Sie fertigten Kostüme für Drehs und Keilhosen für die Touristen an, die sich von den Filmen inspirieren ließen. Aus Briefen eines Lecher Schneiders an seine Geliebte hat Kosek zwei schnulzige Szenen gebaut.

Der Mann von der Bergrettung ist wohl hauptsächlich aus versicherungstechnischen Gründen mitgekommen. Die Nettogehzeit bei dieser vierstündigen Wanderung über drei Kilometer beträgt etwas mehr als anderthalb Stunden. Übermäßig steile oder gefährliche Passagen sind nicht dabei. Die Bitte von teatro caprile, Kinder und Haustiere doch eher zuhause zu lassen, erscheint trotzdem vernünftig. Schließlich würden sie bei der anschließenden Après-Ski-Party nur stören.

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Lech am Arlberg, Startpunkt Restaurant Klösterle (Zug), Fr, So 13.30

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