„Du spürst das Unheil kommen”

Innerhalb nur einer Woche hat der russische Präsident die Welt in eine existentielle Krise gestürzt. Der Falter bat wichtige Persönlichkeiten vor Ort, die Wucht und das Ausmaß des Krieges in der Ukraine zu beschreiben. Protokolle aus einem überfallenen Land

Eva Konzett, Martin Staudinger, Nina Brnada, Tessa Szyszkowitz
POLITIK, FALTER 09/22 vom 01.03.2022

Foto: Marin Raica (Siret)

Ein Versehen entlarvt, wie sich Wladimir Putin seine Invasion auf die Ukraine vorgestellt haben könnte. Kurz und ruhmreich. Russlands staatliche Nachrichtenagentur Ria Novosti veröffentlichte am Samstag um 8 Uhr früh einen Artikel, der offenbar für den Moment des russischen Sieges vorab formuliert worden war: Die historische Verantwortung sei erfüllt, die Tragödie von 1991 überwunden, „diese furchtbare Katastrophe unserer Geschichte“, diese „unnatürliche Trennung“. Zu diesem Zeitpunkt waren heftige Kämpfe im Osten der Ukraine im Gang und in der Hauptstadt Kiew ertönte Fliegeralarm. Keine Rede von Putins Sieg. Die Russen würden die Gesichter der Ukrainer sehen, nicht ihre Rücken, sagte da Wolodymyr Selenskyj, der Präsident der Ukraine.

Wladimir Putin hat sich verkalkuliert. Nicht nur in der Einschätzung des Kriegsfortschritts, auch in der Einschätzung seiner vermeintlichen Verbündeten. Und seiner Gegner. Das macht diese Phase des Krieges besonders absehbar. Und umso gefährlicher. Zu Redaktionsschluss am Dienstag Vormittag war Kiew noch unter ukrainischer Kontrolle. Die Stadt Charkiw wurde beschossen, war aber ebenfalls nicht eingenommen. Charkiw hat nicht nur Symbolwert – hier leben viele russischsprachige Ukrainer –, sondern als Knotenpunkt der ukrainischen Eisenbahn auch strategische Bedeutung. Auf Schienen geht der Vormarsch schneller voran. Letztlich geht es im Krieg immer noch darum, Territorium zu gewinnen und zu halten.

Doch anstatt den großen Sieg zu verkünden, sitzt Putin einsam am einen Ende eines immer länger werdenden Tisches. Die Mienen der Zentralbankchefin und des Finanzministers, Elvira Nabiullina und Anton Siluanow, sie waren versteinert, als er ihnen am Montag die neue „russische Realität“ vorstellte: Das Land steht aufgrund der Wirtschaftssanktionen vor einem möglichen Staatsbankrott. Die Mittelschicht, der Putin bei seinem Antritt 2000 Wohlstand und Sicherheit versprochen hatte, ist über Nacht verarmt. Erste Oligarchen wie Oleg Deripaska, der knapp ein Drittel an der österreichischen Strabag hält, haben sich losgesagt.

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