Frauen an die Auslöser

Das Festival Foto Wien beschert der Stadt einen bildgewaltigen Frühlingsbeginn. Ein besonderer Fokus liegt heuer auf Fotografinnen sowie dem Themenkomplex Natur, Ökologie und Landschaft

Nicole Scheyerer
FALTER:WOCHE, FALTER 09/22 vom 01.03.2022

Reiner Riedler „This Side of Paradise“ (Foto: Reiner Riedler)

Das Atelier Augarten schlummert seit dem Auszug der Kunstsammlung Thyssen-Bornemisza Art Contemporary im Dornröschenschlaf. Erfreulicherweise weckt das Festival Foto Wien die lichten Ausstellungshallen im Grünen nun für knapp drei Wochen auf. Von 9. bis 27. März beleben zwei größere Ausstellungen sowie eine Fülle an Präsentationen und Diskussionen den Leerstand.

Insgesamt 140 Veranstaltungsorte in ganz Wien beteiligen sich am Programm, von Museen bis hin zu Künstlerateliers. Large und Small reichen sich die Hand, wenn die Hauptausstellungen „Rethinking Nature“ und „Fotografinnen im Fokus“ in der Festivalzentrale mit Präsentationen in Galerien und alternativen Kunsträumen korrespondieren. Die Kuratorin Maria Christine Holter bietet drei kostenlose Führungen zu mehreren Locations an (mit Anmeldung).


Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Ausnahmsweise lesen Sie diesen Artikel kostenlos. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement oder testen Sie uns vier Wochen lang kostenfrei.

Der Schwerpunkt liegt heuer einerseits auf Natur, Landschaft und Ökologie, andererseits auf dem immer noch weniger beachteten Schaffen von Frauen. Bei der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs (VBKÖ) fließen die beiden Themen in der Schau „The Female Landscape“ ineinander. Ostlicht widmet sich den Starporträts der US-amerikanischen Fotojournalistin Eve Arnold (1912–2012).

Seitdem die Fotografie digital wurde, ist das Interesse an ihrer Beschaffenheit wieder stark gestiegen. Das Symposium „Wie hältst du’s mit dem Material“ trägt diesem Trend Rechnung. Am 18. und 19. März kommen Spezialistinnen und Spezialisten wie der Albertina-Kurator Walter Moser, die Fotografin Elfie Semotan oder der Verleger Nikolaus Brandstätter zu Wort. Die sechs Panels gehen bei den Themen Ausbildung, Sammlungspolitik und Bildtechnologien in die Tiefe.

Festival Foto Wien, 9. bis 27.3., www.fotowien.at


Shoot & Think

Mit der Figur Candy Oscuro hat der queere Künstler Luca Piscopo sein Alter Ego geschaffen. Als er während der Pandemie in sein Elternhaus in der Toskana zurückkehrte, begann er, geschminkt in den Kleidern seiner Mutter zu posieren – ein Rollenspiel, das beide Generationen berührte.

Piscopos inszenierte Porträts sind nun Teil der Ausstellung „Shoot & Think“ im Freiraum des Museumsquartiers. Die gezeigten Arbeiten stammen von Studierenden der Freien Universität Bozen. Die Schau präsentiert nicht nur Fotografien, sondern auch Multimedia- und Webprojekte, die an der Fakultät für Design und Künste entstanden sind. Zu den universitären Leitthemen zählten „Violent Images“, „Fake for Real“, „Techtopian Image Narratives“, „Territory and Identity“ und „Democracy in Distress?“.

MQ Freiraum, 11. bis 27.3.

ANZEIGE

Nurture

Die Fotogalerie Wien im Wuk feiert heuer ihr 40-jähriges Jubiläum. An der Foto Wien beteiligt sich der Verein mit der Gruppenschau „Nurture“, die sich um die Pflege, das „Nähren“, der Natur dreht. Wie können Menschen die vom ausbeuterischen Umgang entstandenen Schäden wieder reparieren?, lautet die Frage.

Der Brasilianer Jonathas de Andrade zeigt in seinem Kurzfilm „O Peixe“ ein Ritual, bei dem Fischer ihren – noch lebenden – Fang umarmen. Zärtlichkeit und Vernichtung gehen dabei Hand in Hand. In eine slowenische Höhle führt das Künstlerduo Plateauresidue. Die tropfenden Eisformen hat das Kollektiv mit einer Linse aus Eis gefilmt, die während der Aufnahmen ebenso schmilzt wie das Motiv. Materialsensible Annäherungen an die Natur liefern Claudia Rohrauers Fotogramme von Sanddünen.

Fotogalerie Wien im Wuk, bis 26.3.


Reiner Riedler „This Side of Paradise“

„Was die Menschen antreibt, ist ein unstillbares Verlangen, alles und immer mehr zu konsumieren, um dem beschwerlichen Alltag entfliehen und sich zumindest für kurze Momente im Paradies wähnen zu dürfen“, sagt der Fotograf Reiner Riedler zu seinen Aufnahmen aus touristischen Erlebniswelten.

Die Fotogalerie WestLicht widmet dem 1968 geborenen Wiener die erste hiesige Werkschau. Im Gegensatz zu den bunten, fast schon satirischen Touristenfotos begann Riedler seinerzeit mit Schwarz-Weiß-Fotos zu Obdachlosigkeit und einer Reisereportage aus Albanien. Eine experimentelle Herangehensweise kennzeichnet die abstrakt anmutende Serie „Sweat“, wofür er Schweißabdrücke verewigt hat.

WestLicht, bis 15.5.


Wenn der Wind weht

In Gemälden alter Meister taucht er als Figur auf, die Luft aus dicken Backen bläst: Der Wind steht im Zentrum einer Gruppenschau im Kunsthaus Wien, die 22 internationale Positionen versammelt. Eduardo Leal, ein portugiesischer Dokumentarfotograf, hat dem Plastikmüll mehrere Fotoserien gewidmet, so auch in den Hochebenen Boliviens. Seine in der Ausstellung „Wenn der Wind weht“ vertretenen Aufnahmen zeigen Plastiksackerln, die sich in den Büschen verfangen haben.

Weltweit nehmen Stürme durch den Klimawandel zu. Das Stockholmer Künstlerduo Bigert & Bergström interessiert sich für die Phänomene und Auswirkungen extremer Wetterverhältnisse. „Speak the Wind“ titelt die Fotoserie der iranischen Künstlerin Hoda Afshar, die mythischen Vorstellungen von Besessenheit durch Wind nachgeht.

Kunsthaus Wien, 12.3. bis 28.8.


Fotografinnen im Fokus

Der Blick auf die Welt sei männlich geprägt, sagt die Foto-Wien-Leiterin Bettina Leidl, unter deren Ägide heuer ein Schwerpunkt auf Fotografinnen gesetzt wird. Die von der Kuratorin Verena Kaspar-Eisert konzipierte Schau bringt unter anderem dokumentarische Fotos von Polizeigewalt aus Nigeria nach Wien. Das Fotografinnenkollektiv Soro Soke ist Teil einer größeren Bewegung gegen staatliche Unterdrückung und auch in den sozialen Medien präsent.

Die Künstlerin und Aktivistin Poulomi Basu protestiert mit ihren Porträtaufnahmen marginalisierter Frauen gegen die misogyne Gewalt, die in Indien an der Tagesordnung ist. Mit Annegret Soltau zeigt die Schau eine feministische Avantgardistin, die sich in den 1970er-Jahren mit Fäden einschnürte, um weibliche Unfreiheit auszudrücken.

Festivalzentrale im Atelier Augarten, 9. bis 27.3.


Anna Jermolaewa „Chernobyl Safari“

Als russische Truppen kürzlich in die Sperrzone von Tschernobyl eindrangen, war unklar, was sie dort wollten. Auf alle Fälle wurde kontaminierte Erde aufgewirbelt und so die Strahlung erhöht. Anna Jermolaewa war 2014 erstmals im Sperrgebiet und begann, sich für das verwilderte Terrain als Ökosystem zu interessieren. Sieben Jahre danach fing die Künstlerin die dortigen Rehe und Wildpferde in Bildern ein, die nun in ihrer Schau „Chernobyl Safari“ im Mak zu sehen sind.

Trotz hoher Radioaktivität nutzen Wildtiere die 30-Kilometer-Zone rund um den Reaktor als Lebensraum. Jermolaewas Projekt skizziert eine Welt, in der jahrzehntelang keine menschlichen Eingriffe mehr stattgefunden haben. Die Ausstellung umfasst auch Aquarelle, in denen die 1989 aus Russland geflohene Künstlerin Mythen rund um verseuchte Tiere aufgreift.

Mak Galerie, Di 19.00 (bis 5.6.)


The Female Landscape

Anna und Maria Ritsch sind Schwestern mit Wohnsitz Wien und New York, ihre Fotoarbeiten entstehen oft gemeinsam. Besonderes Interesse erntete ihre Serie „Together Apart“, in der sich die beiden Vorarlbergerinnen – wie schon in ihrer Kindheit – gegenseitig festhielten. Nun sind sie in der Gruppenschau „The Female Landscape: Rethinking the Body Through the Photographic Image and Beyond“ bei der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs vertreten.

Obwohl die VBKÖ seit 1910 existiert und ihre Räume bei der Kärntner Straße liegen, ist sie wenig bekannt. Die Arbeiten von Tina Graf, Claudia Larcher, Stephanie Misa und Song Jing erkunden unter feministischem Blickwinkel, wie sich die Gesellschaft in den weiblichen Körper einschreibt. Am 19. März um 15 Uhr findet ein Artist Talk statt.

VBKÖ, Di 17.00 bis 21.00 (bis 6.4.)


Rethinking Nature / Rethinking Landscape

Das skandinavische Künstlerpaar Inka und Niclas Lindergård verfremdet Landschaftsimages aus dem digitalen Bilderstrom. Im Zentrum steht die Frage, wie Menschen auf Naturbilder reagieren. Mit ihren farbstarken Sujets wandeln sie bewusst an der Grenze von Fantasie und Kitsch.

Die Schau „Rethinking Nature / Rethinking Landscape“ zeigt fünf Positionen, die im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie 2021 ausgewählt wurden. Der Russe Danila Tkachenko hat für die Serie „Motherland“ einige der 150.000 verlassenen Dörfer seiner Heimat besucht. Unser Verhältnis zur Natur sei von Dominanz und Ausbeutung sowie Idealisierung geprägt, sagt die Künstlerin Vanja Bucan. Dieses Double Bind bringt sie in raffinierten Stillleben zum Ausdruck.

Festivalzentrale Atelier Augarten, 9. bis 27.3.

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann abonnieren Sie jetzt und bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Alle Artikel der aktuellen Ausgabe finden Sie in unserem Archiv.

12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!