HANEKE WIRD 80

Das Filmmuseum zeigt zu Michael Hanekes Geburtstag eine Retro seines Gesamtwerks -der Falter blickt in sein Archiv und zurück auf die Karriere des Filmemachers

GRATULANT: MICHAEL OMASTA
Lexikon, FALTER 09/22 vom 02.03.2022

Für das Renommee, das Michael Haneke in internationalen Filmkreisen genießt, ist sein Werk auf der Leinwand erstaunlich wenig präsent. Zumal hierzulande. So liegt die letzte Retrospektive zwölf Jahre zurück, wobei das Metro Kino damals auf seine - noch seltener gezeigten -Bearbeitungen literarischer Stoffe fürs Fernsehen fokussierte: "Drei Wege zum See" (nach Ingeborg Bachmann, 1976),"Wer war Edgar Allan?" (nach Peter Rosei, 1984) oder "Das Schloß" (nach Kafka, 1997).

Was das Kino betrifft, kann man den Filmemacher einen Spätberufenen nennen. Sein Erstling, "Der siebente Kontinent", datiert auf 1989. Der Film markiert auch den Beginn von Hanekes kritischer Rezeption im Falter, die anfangs von grundlegenden Vorbehalten geprägt war.

Das änderte sich um die Jahrtausendwende, als Haneke - angefangen mit "Code inconnu" (2000) - vorwiegend in Frankreich und mit französischen Stars wie Isabelle Huppert, Juliette Binoche und Jean-Louis Trintignant zu arbeiten begann. "Der Erfolg kam über Frankreich", bekräftigte Hanekes langjähriger Wiener Produzent Veit Heiduschka später, und auch wir wurden zu Fans. Keinen anderen Filmemacher hat der Falter öfter zum Gespräch gebeten.

Michael Haneke, der am 23. März seinen 80. Geburtstag begeht, hat fast jeden Preis gewonnen, den die Branche zu vergeben hat. "Das weiße Band" (2009) wurde in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet; ebenso "Amour" (2012), der zudem den Oscar als bester fremdsprachiger Film erhielt. Seine bisher letzte Kinoarbeit entstand 2017 und trägt den sanft sarkastischen Titel "Happy End". Ja, genau. F

Benny 's Video (1992) Dem Benny geht's nicht so gut. Seine Eltern sind Yuppies, vielbeschäftigt, haben wenig Zeit für Sohnemann, verstehen ihn nicht. Dafür haben sie ihm modernes Videoequipment besorgt, auf dass er sich still beschäftige. Zwischen Bildschirmen, Kameras und Heavy-Metal-Klängen schreibt er seine Aufgaben, aus der Videothek holt er sich Action und Gewalt. Da kann man leicht was durcheinanderbringen, Realität und Fiktion nämlich, und das kann dann ins Aug' gehen, wenn dabei jemand die Biege macht. Harte Zeiten, diese 90er. (Falter 45/1992)

Funny Games U. S. (2007) "Es war alles ein bisserl mühsam", resümierte Haneke in einem Gespräch seinen Dreh in Hollywood: "Es sind alle Posten drei-, viermal besetzt -so wie früher, stelle ich mir vor, in den kommunistischen Ländern. Wieso grad im kapitalistischsten aller Länder das gleiche Prinzip herrscht, ist mir rätselhaft. Wie ich das erste Mal in die Kantine gekommen bin, stand ich einer Unmenge von Leuten gegenüber. Was tun die alle da? Waren das die Chauffeure. 30 Chauffeure!" (Falter 22/2008)

Code inconnu (2000) Sein jüngstes Werk, produziert in Frankreich mit Juliette Binoche in einer Hauptrolle, zeigt Haneke auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Der Film ist (fast) ausschließlich in Plansequenzen, soll heißen: exakt durchchoreografierten, ungeschnittenen Szenen, gedreht: Er fordert die unbedingte Aufmerksamkeit des Zuschauers, unterscheidet sich von früheren Arbeiten des Regisseurs aber dadurch, dass er diese auch zu fesseln weiß. "Code: unbekannt" ist ein Film über displaced persons in dem globalen Krisengebiet namens Welt. (Falter 11/2001)

Amour (2012) Die Geschichte von Anne und Georges, eines hochkultivierten Ehepaars um die 80. Anfangs wirkt es noch wie ein Tanz, wenn sie sich von ihm aus dem Rollstuhl helfen lässt, er seine Knie gegen die ihren presst, sie hochzieht, ein paar kleine Schritte mit ihr macht, links, links, links, und sie in den bequemen Fauteuil sinken lässt. Doch dabei bleibt es natürlich nicht. "Man kann einer Figur gar nicht genug antun, das Drama lebt ja von den Konflikten", ist der Filmemacher überzeugt. "Man muss zum Äußersten gehen, erst dann wird's interessant."(Falter 38/2012)

La Pianiste - Die Klavierspielerin (2001) Regisseur Franz Novotny, der 1982 Elfriede Jelineks Roman "Die Ausgesperrten" verfilmte, über Hanekes Jelinek-Film "Die Klavierspielerin":"Es sind sehr gute Wuchtln drinnen. Sehr schön und gut gemacht ist, wie die Huppert an einem angewichsten Feh-Taschentuch in einem Pornoshop schnuppert. Wie überhaupt die Form des Filmes eine sehr geschlossene und richtige ist. Das ist nicht unbedingt meins, aber großartig und sehr, sehr gut."(Falter 45/2001)

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Der siebente Kontinent (1989) Mit hierzulande seltener Beharrlichkeit führt Michael Haneke den Betrachter Schritt für Schritt in die triste Welt einer Linzer Kleinfamilie. Zentraler Schauplatz ist das saubere Eigenheim samt Garage. Das grundlegende Manko des Films: Hanekes genereller Verzicht auf die Darstellung von Konflikten. Das hat zur Folge, dass die Menschen seiner rekonstruierten Geschichte zu eindimensionalen Figuren verkommen, die von Anfang an fest in den filmischen Ablauf eingespannt sind mit dem zusehends fragwürdigen Auftrag, diesen Film, diese Idee zu vollziehen. (Falter 42/1989)

Das weiße Band (2009) Auf der Suche nach den Wurzeln gesellschaftlicher Repression und Gewalt ist Michael Haneke diesmal in einem norddeutschen Dorf am Vorabend des Großen Kriegs fündig geworden. Ein alter Mann, der einmal Lehrer war und jung, erinnert sich an eine Serie mysteriöser Unfälle, die sich dort 1913/14 zugetragen haben und unter deren Eindruck das tradierte Gemeinwesen schließlich zerbröselt ist. Wie, das zeigt der Film anhand der Kinder und der Autoritätspersonen der Ortschaft. Ein seltener Glücksfall im europäischen Kino dieser Tage. (Falter 38/2009)

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