Warum steigt der Strompreis an, obwohl Österreich großteils stromautark ist?

Ein Blick in den Markt: „Die Nachfrage ist im Moment größer als das Angebot”

Paul Sonnberger
FALTER.MORGEN, 17.03.2022

Donaukraftwerk Freudenau - Foto: Verbund

Grüner Strom klingt für’s Erste super: Er verursacht keine Schadstoffe und ist leicht zu produzieren. Das Wasser fließt schließlich das ganze Jahr durch die Turbinen unserer Kraftwerke. Die dafür notwendigen Flüsse und Stauseen sind hierzulande ausreichend vorhanden. Zusammen mit Photovoltaik, Windrädern und Biomasseanlagen produzierte Österreich im Jahr 2020 auf diese Weise 81 Prozent seiner Elektrizität aus erneuerbaren Energien. Damit sind wir Spitzenreiter in der Europäischen Union. Dennoch hat sich der österreichische Strompreisindex im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt. Wie kann das sein?

Bei der Berechnung wird ein bisschen getrickst.

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Zuallererst ist es wichtig zu verstehen, dass der hohe Wert an erneuerbarem Strom nur ein Durchschnittswert ist. Wenn im Sommer etwa 120 Prozent Öko-Strom erzeugt wird, im Winter aber nur 80, ergibt sich aufs Jahr gerechnet trotzdem ein Wert von 100 Prozent. Mit diesem Kniff könnte Österreich auf dem Papier sein Ziel erreichen, bis zum Jahr 2030 ausschließlich „grünen Strom” zu produzieren – und trotzdem weiterhin von fossilen Energieträger abhängig sein. 

In der Praxis funktioniert das so:

Im Sommer fließt grundsätzlich mehr Schmelzwasser durch die Wasserkraftwerke als im Winter. Dabei entsteht ein Stromüberschuss, den Österreich wiederum ins Ausland exportiert. Weil das Wasser im Winter aber gefriert, können die Kraftwerke viel weniger Strom erzeugen, als die heimischen Haushalte und die Industrie benötigen. Österreich muss dann am Energiegroßmarkt Gas einkaufen, um damit Strom zu erzeugen. Der Anteil an erneuerbarer Elektrizität ist im Winter also viel geringer als im Sommer.

„Normalerweiser ist das kein Problem. Im Herbst 2021 ist die Weltwirtschaft aber schneller als gedacht gewachsen, es gab beispielsweise eine vermehrte Gasnachfrage aus Asien”, sagt die Energiemarktexpertin Karina Knaus von der Austrian Energy Agency: „Insgesamt waren wir in den letzten Monaten in der Situation, dass steigende Nachfrage auf verknapptes Angebot getroffen ist. In den letzten Wochen haben zudem geopolitische Ereignisse wie der Ukraine-Krieg den Gaspreis steigen lassen. Die Nachfrage ist im Moment einfach größer als das Angebot.” Durch den Zusammenhang von Gas- und Strommarkt steigen also die Preise.

Wie der Strompreis genau zustande kommt, ist komplex: „Strom wird großteils an der Börse gehandelt. Wichtig sind zwei Märkte: Am Day-Ahead-Markt kann Strom für den nächsten Tag eingekauft werden. Das beeinflusst den tagesaktuellen Strompreis. Am Termin-Markt wird der Kauf oder Verkauf von Strom nicht sofort, sondern erst in der Zukunft realisiert”, erläutert Knaus.


Die Merit-Order zeigt an, welches Stromkraftwerk gerade den Preis vorgibt. Foto: Austrian Energy Agency

Um den Strommarkt für Laien besser einordnen zu können, empfiehlt es sich, einen Blick auf die sogenannte Merit-Order zu werfen. Kurz erklärt besagt sie folgendes: Das Angebot bestimmt den Preis. Erneuerbare Energie ist in der Herstellung günstig – wird viel Strom aus Sonne-, Wind oder Wasserkraft gewonnen, ist auch der Strompreis niedrig. Denn hier gibt es keine Brennstoffkosten. Müssen hingegen Öl- oder Gaskraftwerke angeworfen werden, steigen in einem Importland wie Österreich die Preise. 

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Bleibt am Schluss noch die wichtigste aller Fragen: Wann werden wir endlich wieder weniger zahlen müssen? Karina Knaus bleibt optimistisch: „Heuer wird der Strompreis hoch bleiben oder sogar nochmals ansteigen. Mittel- bis langfristig wird Strom wieder günstiger werden. Dazu ist es notwendig, erneuerbare Energie rasch auszubauen: Denn jedes Windrad macht uns unabhängiger von Erdgas und senkt den Preis.“

Korrektur: In einer ersten Version dieses Artikels lautete der Titel „Warum steigt der Strompreis an, obwohl Österreich großteils stromautark ist?“.

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