Fernwärme statt Gastherme: Wie geht das?

Wie kommt die Fernwärme in die Wiener Wohnzimmer? Was kostet der Umstieg und welche Sanierungsmaßnahmen sind dafür notwendig?

Soraya Pechtl
FALTER.MORGEN, 24.03.2022

Ich nehme Sie heute mit auf eine Reise. In die Ferne geht es aber nur sinngemäß. Denn wir folgen den Spuren von heißem Wasser auf seinem Weg über das Wiener Fernwärmenetz in unsere Wohnzimmer.

Sie können sich das Netz vorstellen wie ein unterirdisches Leitverfahren: In Anlagen (Müllverbrennung, Geothermie, Gas etc.) wird Wasser auf 150 Grad erhitzt und unter hohem Druck über erst in das Primärsystem und von dort weiter in die rund 600 Nahwärmenetze der Stadt transportiert. Bei diesem Zwischenstopp wird das Wasser auf 90 Grad abgekühlt, dann fließt es weiter über Rohre in die Keller von über 400.000 Haushalten, die bereits an das Netz angeschlossen sind (470.000 Haushalte heizen noch mit Gas): Die Wärme gelangt dann über Steigleitungen entweder direkt in die Heizkörper – sofern sie genug Druck aushält – oder sie wird über einen Wärmetauscher in die Wohnungen geleitet.

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Dieses System hat zwei große Vorteile:

  1. Man muss das Heizsystem nicht tauschen: Die Steigleitungen werden wenn möglich über die bestehende Infrastruktur gelegt. Bei alten Gasetagenheizungen erfolgt der Anschluss über das Abgasrohr und den Kamin. Ein Installateur ersetzt lediglich die Gastherme mit einer sogenannten Übergabestation (das Gerät, mit dem die Wärme in die Wohnung transferiert wird) – und dann fließt das heiße Wasser direkt in die Heizkörper. Kostenpunkt pro Haushalt: rund 2.000 Euro, wenn es bereits einen Anschluss gibt bzw. circa 6.000 Euro, wenn eine Leitung in der Nähe ist.
  2. Das Wasser kommt heiß in die Wohnung – das bedeutet, Sie brauchen keine Therme mehr, die das kalte Wasser erhitzen muss. Damit entstehen unmittelbar auch keine Abgase, die über den Kamin in die Atmosphäre gelangen. Dass noch rund die Hälfte der Fernwärme von fossilen Energien kommt, trübt die Klimabilanz aber ein wenig.

Rund 30.000 Wohnungen könnten direkt umsteigen (ob Ihre dabei ist, sehen Sie hier). So einfach geht das aber nur, wenn ihr Haus an das Fernwärmenetz angeschlossen ist.

Gibt es keinen Anschluss, müssen erst die Straßen aufgerissen, Künetten (grabenförmige Ausschachtungen) gebaut und Rohre unterirdisch gelegt werden. Wie aufwendig das ist, sehen Sie vor dem Hilton-Hotel oder bei der Tuchlauben, wo aktuell Fernkälteleitungen (dient, analog zu Fernwärme, zur Kühlung) gelegt werden. Für eine einzelne Wohnung rentiert sich dieser Aufwand nicht. Anders sieht es aus, wenn ein ganzes Wohnhaus umsteigen will. Dann wird das bewertet. Wir schauen uns an, wo die nächste Leitung liegt und erheben auch für die Häuser dazwischen, ob ein Anschluss möglich ist. Es hängt davon ab, wo die nächste Leitung ist und wie teuer die vorgelagerte Investition ist”, sagt Georg Geißegger von Wien Energie. 20.000 neue Wohnungen pro Jahr werden jedes Jahr an das Fernwärmenetz angeschlossen.

Allerdings stammt derzeit noch 50 Prozent aus fossilen Energieträgern. Durch den Krieg gegen die Ukraine Krieg auch die Fernwärme bald teurer werden. Bürgermeister Michael Ludwig prüft gerade, ob eine Preiserhöhung ansteht. Warum also wechseln?

Dass es in dieser Heizsaison zu Preissteigerungen kommt, glaubt man bei Wien Energie nicht. Denn dafür sei ein Antrag an die Preisbehörde notwendig, dessen Bearbeitung mehrere Wochen dauert. Aktuell hat Wien Energie noch keinen solchen Antrag eingebracht, aber wir prüfen das natürlich aufgrund der massiven Preisentwicklungen“, sagt eine Sprecherin. In Zukunft will man stärker auf erneuerbare Wärmebereitstellungs-Quellen wie Geothermie, setzen – unter Wien befindet sich ja bekanntlich in 3.000 Meter Tiefe ein gigantisches Vorkommen mit fast kochend heißem Wasser, das angezapft werden soll: Das Aderklaaer Konglomerat. Die Thermie ist preisstabil, weil wir hier nicht von äußeren Faktoren abhängig sind. Mit der Fernwärme können wir energiepolitisch unabhängig werden.“

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