Lämmer an die Macht

Die Sammlerinnen reißen Anouk Lamm Anouk ihre Gemälde aus der Hand. Wer ist die Künstlerin und wie arbeitet sie?

NICOLE SCHEYERER
FALTER:WOCHE, FALTER 13/22 vom 30.03.2022

Foto: Christopher Mavrič

Wir könnten uns schon in ihrem Atelier treffen, antwortet Anouk Lamm Anouk auf die Falter-Anfrage. Nur wären dort gerade kaum Bilder zu sehen. Kein Wunder, eröffnet die Wiener Künstlerin doch tags darauf ihre Solo-Ausstellung zum Strabag Art Award, und auf der Spark Art Fair füllen ihre Gemälde eine ganze Messekoje.

"So viele Leute hatten wir noch bei keiner Vernissage", heißt es bei der Eröffnungsrede in der Strabag. Die Gewinnerin wurde unter 800 Bewerbungen ausgewählt, sagt der Juror Roman Grabner. Ihre Bilder mit Strahlenkreis würden eine zen-buddhistische Ruhe verströmen. Der Jury sei zur Diversität ihrer Wahl gratuliert worden, dabei hätte sie gar nicht gewusst, dass sich Anouk als non-binär identifiziert und im Englischen das Pronomen "they" verwendet.

Mit Hündchen auf dem Arm begrüßt die Preisträgerin ihr Publikum. Dasselbe Bild tags darauf in der Marx Halle: Am Messestand der Galerie Mauroner werden sie und ihre Ehefrau Marlen Roubik belagert. Das distinguierte Paar im Anzug bespricht, wer was bekommt. Zu Anouks Sammlerinnen zählen die Heute-Herausgeberin Eva Dichand und die Hotel-Sacher-Chefin Alexandra Winkler. Ja, es gibt eine Warteliste.

Am Ende ihrer anstrengenden Woche empfängt die Künstlerin den Falter zum Interview. Der Blick durch die Fensterfront der 180-Quadratmeter-Altbauwohnung geht auf das Palais Auersperg, wo die Bäume rosa blühen. Entgegen der Ankündigung sind die Wände voller Gemälde. "Für mich ist das sehr leer", bekräftigt Anouk abermals; normalerweise stünden hier viele Großformate hintereinander.

Ein Maleratelier stellt man sich anders vor. Die vier cleanen Räume mit ihren Designermöbeln widersprechen der Patzerei mit Pinsel. Aber die Künstlerin verwendet ja Acryl und kein tropfendes Öl. Von Arbeit zeugen nur ein paar Flecken auf dem Tafelparkett. Wer Anouk auf Instagram folgt, kennt das Ambiente von ästhetischen Selfies mit Hund, Katz' und Frau.

"Seit ich einen Stift halten konnte, habe ich gezeichnet. Sobald ich sprechen konnte, wollte ich Künstlerin werden", erzählt die 29-Jährige. Im Jahr 2011 begann sie ihr Studium an der Berliner Universität der Künste, weiter ging es an der Wiener Akademie. Zu Ornamenten stilisierte Hündchen, Katzen, Hasen und immer wieder Lämmer bevölkern Anouks künstlerischen Kosmos. Sie suche die Reinheit und Unberührtheit dieser Wesen, erklärt die vegane Tierfreundin in einem Youtube-Porträt.

Mit einem riesigen schwarzen Schaf zog die Studentin 2014 erstmals öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Eingeladen von Franz Graf, installierte sie bei dessen damaliger Werkschau eine Stoffskulptur. Die "jüngste Teilnehmerin" war auch mit Zeichnungen in der Schau vertreten, aber Papier taugte nur bedingt für ihre Großformate.

"Ich wusste, dass ich auf Malerei umsteigen muss. Aber da ich von der gezeichneten Linie her komme, war das zuerst ein unvorstellbarer Prozess", sagt Anouk. Heute zählt das ungrundierte belgische Leinen zu ihren Erkennungszeichen. Auf die Leinwand schreibt und zeichnet sie auch, etwa den Titel "Lesbian Jazz" über eine Serie von Aktbildern. Schemenhaft und zugleich explizit sind darauf Brüste und Oralsex zu erkennen.

Dienten Pornos als Vorlage? "Ich besitze ja eigene Vorstellungskraft. Aber manchmal muss ich auch recherchieren", räumt die Künstlerin lachend ein. Mit dieser Serie trete sie für lesbische Sichtbarkeit ein. Ihre eigene geschlechtliche Identität möchte Anouk aber nicht groß thematisieren. Sie hätte sich selbst immer androgyn gefühlt, wollte weder Frau noch Mann sein - ein Problem in unserer heteronormativen Gesellschaft. Aber für die Kunst spiele das keine Rolle.

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In ihrer Malerei kann eine Nähe zur Wiener Moderne, deren Ornamentik und Flächenkunst, ausgemacht werden. Vielleicht, meint die Künstlerin; erzählt dann aber lieber von der Französin Rosa Bonheur. Die Tiermalerin (1822-1899) hat riesige Ölbilder von Pferden und Kühen geschaffen, Hosen getragen, offen lesbisch gelebt und dennoch Karriere gemacht.

Wünscht sie sich auch ein Landgut wie Bonheur? Natürlich habe sie Träume, sagt die Künstlerin. Als Zukunftsvision erwähnt sie einen großen Studiobetrieb, etwa um noch mehr Leinwandobjekte wie ihre neuen Pferdeskulpturen machen zu können. Über Instagram kämen immer mehr Kaufanfragen aus den USA und Asien, auch von großen Namen.

Als Anouks Managerin fungiert ihre Frau, eine Juristin im Kabinett von Umweltministerin Leonore Gewessler. Mit Galerien arbeiten sie nur für Projekte zusammen: "Ich entscheide selbst, wo welches Werk positioniert wird."

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