Verhundertwässerungsalarm

Das Kunsthaus Wien bekommt mit Gerlinde Riedl eine neue Direktorin – und die Wien Holding hat Pläne, die an Kitsch und Kommerz denken lassen.

Matthias Dusini
FALTER.MORGEN, 08.04.2022

Gerlinde Riedl, langjährige Pressesprecherin von SPÖ-Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny wird Kunst-Haus-Direktorin Foto: Stadtwienmarketing/Filip Antoni Malinowski

Das Kunsthaus Wien wurde 1991 in einer alten Möbelfabrik in unmittelbarer Nähe des Hundertwasser-Hauses gegründet. Es sollte das Werk des Künstlers Friedensreich Hundertwasser vermitteln. 2007 übernahm die kommunale Wien Holding das von der Hundertwasser Privatstiftung betriebene Museum. Ab 2014 hatte die Kulturmanagerin Bettina Leidl die Agenda über und entwickelte das Kunsthaus zu einem interessanten Ort. Leidl machte die Ökologie zum Schwerpunkt und lud Fotografinnen und Fotografen, die sich für Natur und Gesellschaft engagieren, zu Ausstellungen ein. Die in die Jahre gekommene Hundertwasser-Gedenkstätte fand wieder zurück ins Kunstleben der Stadt. Nun will die Wien Holding etwas anderes.

„Wir wollen die Marke Hundertwasser wieder in den Vordergrund rücken, die Kunst des Universalgenies in all seinen Facetten zeigen“, schreibt Finanz- und Wirtschaftsstadtrat Peter Hanke (SPÖ), zu dessen Machtbereich die Wien Holding gehört. Der Künstler Friedensreich Hundertwasser (1928-2000) war ein Vordenker der Ökologiebewegung und gestaltete einige städtische Gebäude nach seinen Ideen, darunter den Gemeindebau Hundertwasserhaus. Kritische Stimmen fürchten nun, dass das Kunsthaus wieder zum Wallfahrtsort wird und dem aktuellen Denken verloren geht: „Hundertwasser-Memorabilia statt politikkritischer Kunst“, kommentiert die Online-Zeitschrift artmagazine.

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„Museologische Erwägungen sollen bei der Nachbesetzung Leidls keine Rolle gespielt haben, im Vordergrund standen ausschließlich touristische“, schreibt der Standard.

Gerlinde Riedl, die designierte Kunsthaus-Chefin, stand für kein Interview zur Verfügung. Wie alle Kulturmanager, die im Windschatten der SPÖ unterwegs sind, muss sie den Vorwurf der Parteinähe durch Kompetenz widerlegen. Bereits ihre Vorgängerin Bettina Leidl reiste auf einem SPÖ-Ticket, das ihr heuer auch den Aufstieg zur MQ-Chefin, einem Prestigejob öffentlicher Kulturverwaltung, ermöglichte. Im Kunsthaus erwartet Riedl ein ungelöstes Problem kommunaler Kulturpolitik.

Die beim Wirtschaftsstadtrat ressortierende Wien Holding mit ihren Töchtern Kunsthaus, Vereinigte Bühnen, Jüdisches Museum und Stadthalle steht für einen ökonomischen Zugang. Hier zählen Besucherzahlen und touristische Verwertung. Die aus einer Kärntner Bergbauernfamilie stammende Riedl, die neben einem Publizistikstudium auch eine Gesangsausbildung absolvierte, hat kein Problem mit der Quote. Marketing hat in ihren Augen nicht nur einen ökonomischen, sondern auch einen demokratischen Aspekt: Kultur möglichst vielen zugänglich zu machen.

Auf der anderen Seite steht das Kulturressort von Veronica Kaup-Hasler (SPÖ), das bei den Bestellungen auf eine inhaltliche Qualifikation achtet. So übernimmt mit Barbara Staudinger eine verdiente Historikerin das Jüdische Museum Wien und folgt damit auf Danielle Spera, die seinerzeit von der Wien Holding in die Position gehoben wurde. Spera, bekannt als ZiB-Moderatorin, sollte das Museum bekannt machen. Beim Kunsthaus Wien schlägt das Pendel in die andere Richtung: der Marketing-Profi Riedl triumphiert über jene Bewerberinnen und Bewerber, die aus der Kunst kommen. Laut Standard war Kaup-Hasler, aus deren Budget das Kunsthaus gefördert wird, nicht einmal in die Entscheidung eingebunden.

Darüber hinaus erwarten Riedl keine einfachen Partner. Das Gebäude gehört Superfund-Gründer und Hundertwasser-Sammler Christian Baha. Die Objekte in der dem Künstler gewidmeten Dauerausstellung wiederum sind im Eigentum der Hundertwasser Privatstiftung, die von dessen Weggefährten Joram Harel dirigiert wird. Die Kommunikation mit der Stiftung gilt als schwierig, sogar Katalogabbildungen haben genauen Formatvorgaben zu folgen. Das Recycling der Marke Hundertwasser ist kein Selbstläufer. Eingeklemmt zwischen Kunst und Kommerz, könnte das Kunsthaus Wien auf dem Komposthaufen der Geschichte landen.

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