Peace, Putin!

Der Ostermontag ist der Tag der Ostermärsche für den Frieden. Aber wie kann man angesichts von Putins Angriffskrieg noch an den Pazifismus glauben? Eine Spurensuche

Barbara Tóth, Matthias Dusini, Nina Horaczek
FEUILLETON, FALTER 15/22 vom 12.04.2022

Illustration: Georg Feierfeil

Die Challenge: Sie vereinbaren ein Treffen mit zwei Veteranen der österreichischen Friedensbewegung im Café Aida am Stephansplatz. Woran erkennen Sie sie beim Betreten des Lokals? Die Antwort: am Rauschebart und an dem dicken Stapel handschriftlicher Unterlagen, den die Gesprächspartner mitgebracht haben, sodass die Kellnerin kaum Platz findet, um die Melange auf dem Marmortischchen abzustellen. Alois Reisenbichler, Jahrgang 1959, und Kaplan Franz Sieder, Jahrgang 1938, sind Pazifisten der ersten Stunde. Reisenbichler kommt aus der sozialistischen Ecke, Sieder aus der christlichen. Sie repräsentieren die beiden wichtigsten Wurzeln der Friedensbewegung des vergangenen Jahrhunderts ganz gut.

Und, wie geht es ihnen mit ihrer Überzeugung angesichts des Krieges in der Ukraine? „Ich fühle eine große Ohnmacht“, sagt Kaplan Sieder. „Noch schlimmer ist es, wenn man als Putin-Versteher hingestellt wird“, erzählt Reisenbichler. „Oder einem vorgeworfen wird: ,Was, du bist Pazifist, du bist also dafür, dass die Ukrainer kapitulieren?‘“, ergänzt Sieder. Dann erzählen sie davon, dass Pazifist zu sein viel mehr bedeute als die paar Schlagwörter, die die meisten aus der Bergpredigt der Bibel kennen. „Liebe deinen Nächsten“ oder einem Gewalttäter, der einem auf die eine Wange schlägt, auch die andere hinzuhalten.

Der Pazifismus ist vielmehr eine Schule des Denkens, in deren Zentrum nicht die Kriegs-, sondern die Friedenslogik steht. Sie wehrt sich gegen die krassen Vereinfachungen, die mit einem Krieg einhergehen. Gegen die Heroisierung des Kampfes und der Kämpfenden, den „Bellizismus“, gegen die Dämonisierung der Konfliktparteien. Der Pazifist weiß aus der Konfliktforschung, dass das alles irgendwann einmal überbrückt werden muss, wenn die Waffen schweigen sollen und es ans Verhandeln geht. Waffenlieferungen an die Ukraine? Aufrüsten? Heeresbudgets erhöhen? Für Menschen wie Reisenbichler und Sieder ist das alles tabu.

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  2120 Wörter       11 Minuten

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