"Aus dem Nichts"

Der Wiener Jazzgitarrist Peter Rom sucht den Kontakt zu anderen Medien und liebt es, in surreale Welten einzutauchen. Nun vertont er Murakami fürs Theater

PORTRÄT: KLAUS NÜCHTERN FOTO: HERIBERT CORN
Lexikon, FALTER 15/22 vom 13.04.2022

Drei gelbgesichtige Herren mittleren Alters rennen durch die Landschaft. Exotisches Getier - darunter ein Chamäleon, ein Tukan und ein Kiwi - sowie ein paar finster dreinblickende Pilze verfolgen sie. Hektisch groovende Gitarrenriffs, eine gepresste Trompete und eine Art Human Beatbox liefern den Soundtrack zu dieser surrealen Cutout-Animation. Kurz halten die gehetzten Männer mit den schreckgeweiteten Augen inne und intonieren Refrain und Titel des Stück "Après nous le déluge" - nach uns die Sintflut.

Das formidable Filmchen, gestaltet von dem Keyboarder und Stop-Motion-Animateur Benny Omerzell und dem Falter-Illustrator Schorsch Feierfeil, ist eines der Visuals auf der Homepage des Gitarristen Peter Rom. Jener Figur übrigens, die den Kiwi buchstäblich an der Backe hat; die anderen beiden sind der Trompeter Martin Eberle und der Vokalist Andreas Schaerer. Das Trio ist auch auf Roms aktuellem Album "Wanting Machine" vertreten -mit dem sanguin-aufgeräumten Walzer "Million Billion", auf dem sich Rom ein halbminütiges Solo gönnt.

Es ist ein hervorstechendes Charakteristika der Platte, dass der Leader keinen auf dicke Hose macht und daher auf alle sattsam bekannten Gitarrero-Gesten verzichtet. Von manchen wird "Wanting Machine" daher gar als "ungitarristisch" apostrophiert, was Rom nicht weiter stört, wenngleich er fast entschuldigend hinzufügt: "Ich spiel eh sehr viel."

Tatsächlich ist die Gitarre sehr präsent, aber eben auf ganz spezifische, sozusagen unheroische Weise. Vibrato, Hall, Struktur und Körnung des Klangs stehen im Vordergrund dieses chillig-introvertierten, während des ersten Lockdown ohne jeglichen Termindruck eingespielten Tonträgers von 34 Minuten Länge.

"Wanting Machine" ist das erste Album seit 13 Jahren, dessen Cover Roms Name ziert und das erste überhaupt, auf dem nur dieser steht. Mit dem Peter Rom Trio oder dem Quartett Fuzz Noir war Rom bereits in den 2000er-Jahren hervorgetreten, jener Zeit also, in der die 2004 ins Leben gerufene Jazzwerkstatt Wien, zu deren sechs Gründungsmitgliedern Rom zählt, der heimischen Szene einen veritablen Kreativitätsschub verpasste.

Mit der desperaten Hektik des eingangs erwähnten Videos hat die Laufbahn des gebürtigen Wieners gar nichts zu tun. Rom studierte zunächst ganz brav am Konservatorium, ehe er um die Jahrtausendwende nach Boston ans Berklee College of Music ging. "Nach dem Kons war das ein Augenöffner", erklärt er.

Aus der Distanz betrachtet, würde er die berühmte Jazz-Kaderschmiede, wo die Studiengebühren heute über 40.000 Dollar jährlich betragen, schon auch etwas kritischer sehen, aber damals war es "genau das Richtige"; nicht zuletzt, weil er Einzelunterricht bei seinem Idol Mick Goodrick nehmen konnte. Dennoch war Rom in Boston alles andere als alleine: "Während ich dort war, gab es am College 900 Gitarristen."

Dass der Musiker hierzulande ein bisschen als "late bloomer" dasteht, hängt auch mit diesem USA-Aufenthalt zusammen. Als er, zurück in Wien, mit dem Hans-Koller-Preis als "Newcomer des Jahres" ausgezeichnet wurde, war er bereits Mitte 30, seine Kollegen von der Jazzwerkstatt Wien sind um rund zehn Jahre jünger. Der gleichen Generation hingegen gehören Klemens Lendl und David Müller an, besser bekannt als das Wienerliedduo Die Strottern.

Mit ihnen zeichnet Rom für die Musik der Bühnenadaption von Haruki Murakamis Schauergeschichte "Die unheimliche Bibliothek" verantwortlich, die -in der Regie von Jacqueline Kornmüller -am 21. April im Odeon Theater Premiere hat.

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Die kurze Erzählung, deren juveniler Protagonist auf der Suche nach Literatur über das Steuereintreibungssystem des Osmanischen Reiches direkt in die Fänge eines sinistren Bibliothekars gerät, ist gleichsam eine Maßflanke für Rom. Dergleichen labyrinthische Welten liegen dem Kafka-Fan.

Korrespondenzen von Musik mit anderen Medien und Sinnesreizen sind eine Inspirationsquelle, die der Gitarrist auch als Mitglied der Ensembles Synesthetic4 und Synesthetic Octet anzapft. Gemeinsam mit dem Bandleader und Klarinettisten Vincent Pongrácz ist er als Gestalter und Performer der schräg-surrealen Videos zugange, die der vertrackten Musik ein adäquates, um nicht zu sagen: kongeniales visuelles Design verpassen.

Beim ersten Video (zu dem Stück "Pickedem") sei man zunächst unschlüssig gewesen, "ob das überhaupt geht". Aber dann habe sich alles gleichsam "aus dem Nichts heraus" ergeben. "Aus dem Nichts" ist eine Phrase, die Rom wiederholt über die Lippen geht. Als er im ersten Lockdown "aus dem Nichts heraus" auf einmal Wochen frei hatte, habe er "Ideen, die aus dem Nichts kamen", so zusammenzufügen versucht, "dass daraus ein Etwas wird". Zusatz: "Das ist eh schon ein Wunder."

Nun weiß man zwar, dass Kreativität weder in der Kunst noch in der Wissenschaft einfach "aus dem Nichts" entsteht. Sich selbst zu überraschen ist aber eine sehr gute Voraussetzungen dafür, dass es einem auch beim Publikum gelingt.

"Die unheimliche Bibliothek": Odeon, 21.4., 19.30 (die Premiere ist ausverkauft, Folgetermine sind bis 21.5. angesetzt)

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